Atomkraft: 100.000 sagen "Nein Danke"
Die größte Demo des Jahres: In Berlin haben mehrere zehntausend Menschen gegen die Energiepolitik der Regierung demonstriert. Sie besetzten Brücken, umzingelten das Regierungsviertel und zogen vor das Kanzleramt.
Aus Berlin Nick Reimer und Felix Werdermann
Während die ersten den Hauptbahnhof schon erreicht haben, ziehen die letzten gerade erst los: In Berlin haben zehntausende Menschen gegen die Atompolitik der Regierung Merkel demonstriert. Unter dem Motto "Atomkraft: Schluss jetzt!" nahmen auch Oppositionspolitiker wie SPD-Chef Sigmar Gabriel oder der Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin teil. Aus dem ganzen Bundesgebiet sind die Leute gekommen, mit Sonderzügen und über 150 Bussen waren die Teilnehmer angereist. Auch die Berliner Party- und Clubszene beteiligte sich diesmal an den Protesten, der es einfach "stinkt, wie die Regierenden mit dem Kapital klüngeln", wie ein Raver erklärte.

Alles voll am Washingtonplatz. (Foto: Ausgestrahlt)

Grün oder gelb - auf der Demo sagt das viel aus. (Foto: Wagner)
Abseits der Parteienpolitik haben sich viele Demonstranten kreative Sprüche ausgedacht, um ihrer Wut auf die schwarz-Gelbe Atompolitik Ausdruck zu verleihen. Auf einem Plakat wird Angela Merkel als "gemeingefährlicher Messi" bezeichnet - sie werde den Atommüll nicht los. Andere Umweltschützer verspotten die Worte Merkels: "Revolution ist auch nicht mehr das, was sie mal war." Merkel hatte die längeren AKW-Laufzeiten als "Revolution" bezeichnet. Tierschützer von der Initiative Nandu tragen ein Transparent: "Gegen die Spaltung von Tier und Atom!" Und Ausgestrahlt hat ein großes Transparent zwischen zwei Laternen befestigt: "Wer heute nach Atomkraft rennt, liegt morgen unter fünf Prozent."
"Zahlen müssen wir"
"Ich finde es ganz schrecklich, wie die Regierung gegen ihr Volk regiert", sagt Annedore Bordersen aus Lüneburg, die mit ihrer Tocher nach Berlin gekommen ist. Klaus Reimpell aus Lüchow hat gleich die ganze Familie mitgebracht. "Es ist einfach unbegreiflich wie die Regierung per Vertrag mit den Atomkonzernen am Parlament vorbei Absprachen trifft." Dotothee Unkelbach, eine etwas ältere Dame nimmt Worte in den Mund, die man nicht unbedingt von der Berlinerin erwarten würde - und die hier auch nicht wiedergegeben werden sollen. Soviel aber: "Ich bin zornig über die Millionenbeträge, die der Industrie einfach mal so in den Rachen geschoben werden. Denn eines ist doch klar: Zahlen müssen wir."

Zehntausende Menschen laufen dicht gedrängt durch die Straßen des Berliner Regierungsviertels. (Foto: Wagner)
Der Protest verläuft über die Friedrichstraße zu den Abgeordnetenbüros, dann am Reichstag und Kanzleramt vorbei zurück zum Hauptbahnhof. Immer wieder kommt es dabei zu Sitzblockaden, am Reichstag zum Beispiel, wo die Kampagne Ausgestrahlt schon mal ein Vorgeschmack auf den Castor-Transport geben will, der Anfang November nach Gorleben rollen soll. Vom Lautsprecherwagen ruft ein Sprecher "Biblis A" herunter und die sitzblockierenden riefen "Abschalten!" zurück. "Brunsbüttel?" "Abschalten!" "CDU?" "Abschalten!"
Abseilen von der Brücke
Auch die Brücke über die Spree am Haus der Bundespressekonferenz wird für eine wohl unagemeldete Aktion genutzt: Zwei Aktivisten seilen sich ab und präsentierten ein Banner: "Wir blockieren den Castor. Ihr auch?" Die Bürgerinitiativen um Gorleben schätzen, dass der nächste Atommülltransport am 5. November starten wird. Dort soll unter anderem der Castor "geschottert" werden - das heißt, die Schiene soll durch das Enfernen von Steinen unbefahrbar gemacht werden.

Wohin man blickt: Nur Atomkraftgegner. (Foto: Ausgestrahlt)
"Wir müssen uns organisieren. Wir müssen zeigen, dass wir in einer lebendigen Demokratie leben", sagt die Berlinerin Jessika Harms. "Wenn es so ist, dass die Mächtigen ohne Skupel ihre Interessen gegen das Volk ausspielen, dann muss das Volk den Mächtigen eben zeigen, dass sie nur deshalb Macht haben, weil wir - dass Volk - sie Ihnen gegeben haben". Man würde dass dieser Tage ja nicht nur in Berlin erleben: "In Stuttgart zeigt das Volk doch auch: Wir können Euch die Macht, die wir Euch verliehen haben, auch wieder entziehen".
Ob Schwarz-Gelb das schon zu Spüren bekommt, ist allerdings fraglich: Geralsekretär Christian Lindner (FDP) verweist am Samstag selbstbewusst auf "gut drei Viertel der Deutschen", die nach Umfragen die Laufzeitverlängerungen "sicherer Anlagen unterstützen, wenn dadurch der Umstieg in regenerative Energien finanziert wird". Die Quittung für die Pro-Atom-Politik der FDP hätte sich Lindner bei der Parteizentrale in der Reinhardstraße ansehen können. Dort schmücken nun hunderte Aufkleber mit roten Atomsonnen die Glastür und Fenster. An der Wand sind Sprüche zu lesen wie "Lügenpack!" oder "Nein, Guido!"
Die Christdemokraten zeigen sich am Samstag ähnlich unbeeindruckt: Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs (CDU) sagt, Union und FDP seien durch die Mehrheit der Bevölkerung gewählt worden, die "unmissverständlich" für Laufzeitverlängerungen eingetreten waren. "Die schweigende Mehrheit" habe am Samstag nicht mitdemonstriert.
"Über 100.000 Menschen"
Ob der stattliche Auftritt der Atomgegner so einfach wegzureden ist, bleibt dagegen die andere Frage: Die Veranstalter sprechen von "über 100.000" Menschen, die Polizei von mehreren Zehntausenden. Aber wer will das schon so genau wissen: Während Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland auf der Haupttribüne spricht, blockieren vor dem ARD-Hauptstadtstudio jedenfalls immer noch Demonstranten die Spreebrücke mit einer Sitzblockade.

Auch vor dem Reichstag: Jede Menge los. (Foto: Wagner)
Die Abschlusskundgebung findet nicht wie geplant auf der Grünfläche vor dem Reichstag statt. Dies war durch das Verwaltungsgericht Berlin untersagt worden. Obwohl die Organisatoren noch weiterklagen wollten, haben sie als Start- und Abschlussort den Hauptbahnhof gewählt, weil die Bühne schon am Tag zuvor aufgebaut werden musste. Tatsächlich wurde der Rasen vor dem Parlament doch noch beansprucht: Tausende Atomkraftgegner versammeln sich hier, auf der Treppe vor dem Reichstag wird ein Tranparent gezeigt mit einer Atomsonne, die einen Durchmesser von mehreren Metern hat.
Atommüllkippe vorm Kanzleramt
Von dort aus können die Demonstranten problemlos zum Kanzleramt laufen, das heute mit einem Zaun abgesperrt ist. Doch das hindert niemanden, hier seinen Atommüll abzuladen. Im Vorfeld hatten die Demo-Organisatoren dazu aufgerufen, Dosen mit gelbem Papier zu überkleben und so zu Mini-Atomfässern zu machen. Der Bereich hinter dem Zaun wird somit zur Mülllkippe.
Nach Polizeiangaben verläuft der Protest jedenfalls friedlich. Und nach Demonstrantenangaben ist das ohnehin nur der Auftakt. "Die Regierenden wollen nicht einlenken? Kein Problem: Wir kommen wieder", sagte Raik Steiner aus Magdeburg. Und auch der Trägerkreis der Demo erklärt: "In der Atompolitik ist noch lange nicht das letzte Wort gesprochen."
Sehen Sie sich auch HIER noch mehr Bilder zur Demo an.
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