Countdown zur Anti-Atomdemo (II): Wo bleiben die Mitarbeiter der Branche?
Zehntausende werden am Samstag in Berlin gegen die Atompolitik der Regierung demonstrieren. Aber wieso denn nur Zehntausende?
In der Erneuerbaren-Branche arbeiten doch angeblich hunderttausende Menschen - und deren Jobs werden bedroht.
100-Prozent-erneuerbar heißt eine neue Stiftung, die ihre Arbeit offiziell am 5. Oktober aufnimmt. Getragen wird sie von der Branche der Erneuerbaren Energien. Vor der Demonstration am kommenden Samstag sprach klimaretter.info mit Barbara Hennecke, die maßgeblich beim Aufbau der neuen Institution beteiligt war.
Klimaretter.info: Frau Hennecke, wie viele Menschen kommen am Samstag nach Berlin, um gegen die Atompläne von Kanzlerin Merkel zu demonstrieren?
Barbara Hennecke: Ich prognostiziere 30.000.
Mehr nicht? In der Branche der Erneuerbaren gibt es angeblich 300.000 Beschäftigte, und die Pläne der Regierung könnten einen Teil dieser Jobs massiv gefährden!
Das Wesen der erneuerbaren Energiewirtschaft ist genau so wie das Wesen der erneuerbaren Stromproduktion: dezentral. So wie an vielen verschiedenen Stellen im Land Windräder stehen, so sind auch die Solar- oder Biomasse-Fabriken über das Land verteilt. Das heißt ja nicht, dass die Leute nicht andernorts auf die Straße gehen und ihre Interessen wahren.

Hier marschierte vor einem Jahr der Block der Grünen ...
Vor einem Jahr gingen 58.000 Leute auf die Straße, damals waren Angela Merkel und Guido Westerwelle noch nicht an der Regierung. Und beide haben klar gemacht: Wenn wir gewählt werden, dann verlängern wir die Laufzeiten. Warum sollten sich Merkel und Westerwelle ein Jahr später von 30.000 Protestierenden beeindrucken lassen?
Weil 30.000 Demonstranten 30.000 Wähler sind. Es geht nicht in erster Linie darum, Merkel oder Westerwelle zu beeindrucken. Es geht darum, ein demokratisches Statement abzugeben: Die eingeleitete Energiewende nutzt allen in der Gesellschaft, während die geplanten Laufzeitverlängerungen lediglich den wenigen Aktionären der Atomkonzerne nutzt.
Immerhin wurden Merkel und Westerwelle nach der Demonstration im vergangenen Jahr gewählt, ihr Wahlprogramm war bekannt. Heißt das nicht, dass ihr Vorgehen absolut legitimiert ist?
Schwarz-Gelb wurde nicht wegen der geplanten Laufzeitverlängerungen gewählt, sondern trotz der Pläne. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Die letzte Umfrage, die das Berliner Forschungsinstitut Ifo am Dienstag zum Thema vorstellte, ergab, dass nur rund ein Drittel, nämlich 34,6 Prozent der Bundesbürger, für Laufzeitverlängerungen sind. Über 60 Prozent erklärten dagegen, dass es beim verabredeten Ausstieg aus der Atomkraft bleiben solle.
Das interessante an der Umfrage war folgender Aspekt: Mehr als die Hälfte der 1.040 Befragten, nämlich 50,3 Prozent, gaben sogar an, auch dann am Atomausstieg festhalten zu wollen, wenn das höhere Strompreise zur Folge hätte. 46,9 Prozent erklärten sich dazu nicht bereit, den restlichen Befragten war das egal. Ist doch interessant: Die Regierung begründet die Laufzeitverlängerung mit Strompreisdämpfung, und die demokratische Mehrheit will diese gar nicht.

... hier die SPD ...
Aber was spricht denn dagegen, die Strompreise flach zu halten?
Ich glaube, aus dem Gesichtspunkt der Energieeffizienz wären steigende Strompreise günstig: Dann würde es nämlich lohnen, neue, teurere Effizienzgeräte zu kaufen. Aber mal davon abgesehen: Wer sagt denn, dass die Strompreise nicht steigen, wenn die Laufzeiten verlängert würden? Die Gutachten, die sich die Regierung zur Begründung hat anfertigen lassen - die sagen es jedenfalls nicht.
Zurück zur Demo am Samstag: Vor einem Jahr gab es einen ödp-Block, einen mit Grüne-Liga-Anhängern, einen mit Greenpeacern, SPDlern, Grünen und so weiter. Wieso gab es keinen Vestas-Block? Oder sagen wir einen q-cells-, Lichtblick- oder Solarworld-Block?
Es ging doch im letzten Jahr nicht explizit um Arbeitsplätze! Ich glaube, viele Mitarbeiter der Erneuerbaren-Branche haben sich ohne erkennbares Signal "Ich bin von Firma xy" eingereiht, eben weil es darum ging zu zeigen, dass "wir" gegen "deren" Atompläne sind.
Ob das an diesem Samstag anders wird, kann ich nicht sagen. Jedenfalls weiß ich, dass etliche Firmen Busse gechartert haben, um nach Berlin zu kommen. Und wem es peinlich ist, sich mit einem Firmenlogo in der Demo zu zeigen, der kann sich ja hinter unserem "100-Prozent-erneuerbar" einreihen.

... aber vielleicht waren das hier ja vor einem Jahr Mitarbeiter einer Solarfabrik. (Fotos: Reimer, Messina)
Eine neue Stiftung, die von der Industrie der Erneuerbaren getragen wird?
Genau so ist es: Bislang tragen zwei Unternehmer aus Rheinland-Pfalz das Stiftungskapital. Offiziell bekommen wir am 5. Oktober unsere Stiftungsurkunde in einem kleinen Festakt überreicht, und dann werden wir anfangen, sowohl auf potentielle Stifter, die hinter dieser 100 Prozent-YVision stehen, zuzugehen, als auch Projekte und Aktionen zur Information der Bevölkerung zu starten.
Interview von Nick Reimer
Anmerkung der Redaktion: Könnte sein, dass Barbara Hennecke eine Wette gegen Michael Lengersdorff, den Leiter der künftigen Stiftung verliert. Lengersdorff prognostiziert die Teilnehmerzahl auf 50.000 bis 100.000.
Lesen Sie hier alle Teile des Countdowns:I: Protesthandbuch - Mehr als nur Latschen
II: Wo bleiben die Mitarbeiter der Branche der Erneuerbaren?
III: "Jeder Tag Laufzeit ist ein Tag zuviel"
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