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Protest vor Merkels Atom-Kungelrunde

Merkel besucht auf ihrer Energiereise das Atomkraftwerk Lingen. Sie redet mit den Chefs von RWE und Eon, für die Umweltschützer vor dem Tor bleibt keine Zeit. Die lassen Luftballons aufsteigen, die eine radioaktive Wolke darstellen sollen. Schon am Morgen hatte Greenpeace einen Spruch auf den Kühlturm projiziert: "Atomkraft ist ein Irrweg, Frau Merkel!"

Von Felix Werdermann

Der Zeitpunkt ist gut gewählt: Seit einem Jahr sammeln Umweltschützer Unterschriften gegen den Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke. 160.000 Menschen unterstützen inzwischen den Appell "Atomkraft abschalten". Nun tritt die Auseinandersetzung über längere Laufzeiten in die entscheidende Phase und die Atomkraftgegner wollen die Unterschriften an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben. Doch die lehnt ab.

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"Atomkraft ist ein Irrweg, Frau Merkel", Greepeace projizierte am frühen Morgen dieses Bild auf den Kühltürm des AKW Lingen (Foto: Fred Dott/Greenpeace)

Gestern habe er einen Anruf aus dem Kanzleramt erhalten, erzählt Christoph Bautz, Geschäftsführer des Kampagnennetzwerks Campact, das den Anti-Atomkraft-Appell mitinitiiert hat. Merkel habe keine Zeit, die Unterschriften entgegenzunehmen. Bautz ist trotzdem zum Protestieren ins niedersächsische Lingen gekommen, hier besichtigt die Kanzlerin heute das Atomkraftwerk Emsland.

40 Meter zwischen Merkel und den Umweltschützern

Schon vor einer Woche hatte Merkel ihre Energie-Rundreise durch die Republik begonnen. Sie lässt sich Windräder zeigen, besucht die Leipziger Strombörse oder wirft einen Blick in Niedrig-Energiehäuser. Ihre Reise ist so bunt wie der deutsche Strommix: Wind, Wasser, Sonne, Biogas, Kohle - und eben auch Atom.

Heute ist es soweit: Die Atom-Stippvisite steht auf dem Programm. Lingen, 11 Uhr. Die Kanzlerin kommt vorgefahren. Vermutlich hat sie einen Seiteneingang genommen, vor dem Haupttor stehen etwa 300 Atomkraftgegner. Rund 40 Meter liegen dazwischen – und ein Zaun. Doch Merkel hat für die Umweltschützer kein Ohr, sie spricht lieber mit Jürgen Großmann und Johannes Teyssen – den Atommanagern von RWE und Eon. Die Quittung kriegt sie per Trillerpfeife.

Kungelrunde mit Skeletten

Denn die Atomkraftgegner sind verärgert: "Großspurig verkauft Merkel ihre Energiereise als Lernreise, doch die Meinung der großen Mehrheit der Bevölkerung scheint die Kanzlerin nicht zu interessieren", sagt Jochen Stay von der Organisation Ausgestrahlt. Und Christoph Bautz setzt noch einen drauf: "Was die PR-Reise der Kanzlerin eigentlich überdecken sollte, wird jetzt umso deutlicher: Schwarz-Gelb betreibt Klientelpolitik für die Stromkonzerne."

Tatsächlich könnte das Bild, das in Lingen entsteht, gefährlich werden für Angela Merkel. Denn wenn sie als Kumpanin der Energieunternehmen dasteht, ohne offenes Ohr für die Stimmung im Lande, dann ist eine Laufzeitverlängerung nur schwer durchsetzbar. Die Aktivisten zeichnen das Szenario schonmal aus: Eine große Merkel-Puppe kungelt mit den Chefs der Stromkonzerne, die von Menschen in Skelettkostüm gespielt werden.

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Protestaktion vor dem AKW Lingen/Ems (Foto: Campact)

Auch Greenpeace protestiert

Dann zieht plötzlich eine radioaktive Wolke auf – 4.000 schwarze und gelbe Luftballons steigen in die Luft und fliegen über den Kühlturm des Atomkraftwerks. Der war am frühen Morgen noch von Greenpeace-Aktivisten angestrahlt worden. Zu lesen war ihre Botschaft an die Kanzlerin: „Atomkraft ist ein Irrweg, Frau Merkel!"

Gestern hatte Greenpeace zusammen mit dem Wuppertal Institut eine Studie vorgestellt, die Erdgaskraftwerke als Brückentechnologie sieht. Vielleicht lässt sich ja auch Kanzlerin Merkel davon überzeugen. Nach dem Atomkraftwerk stand jedenfalls der Besuch eines hocheffizienten Gas- und ein Dampfturbinen-Kraftwerks in Lingen auf dem Programm.

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