KettenreAktion: 127 Kilometer Mensch
Jongleure, Sambagruppen, Fahnen, Gartenstühle: Die rund 120 Kilometer lange Menschenkette gegen Atomkraft bietet ein buntes Bild. 120.000 Umweltschützer sind dabei, die Strecke ist weitgehend geschlossen. Auch in Ahaus und Biblis demonstrieren Tausende Atomkraftgegner. Parteien kämpfen in der Bewegung noch mit Akzeptanzproblemen.
Michael Schulze von Glasser und Felix Werdermann
Es ist bereits eine Art Mini-Demo, die sich morgens in Berlin trifft. Hunderte Atomkraftgegner warten auf dem Bürgersteig auf ihre Busse, Fahrradfahrer versuchen vergebens, sich den Weg freizuklingeln. Um 10 Uhr – mit einer Stunde Verspätung – starten die 25 Sonderbusse nach Elmshorn, einem der zahlreichen Orte an der Strecke. Das Verkehrskonzept zur Menschenkette sieht vor, dass jede Region in Deutschland zu einem bestimmten Streckenabschnitt mobilisiert. Berlin beispielsweise fährt nach Elmshorn.

Die Sambagruppe läuft an der Menschenkette vorbei. (Foto: Gutermann)
Auch der Sonderzug aus Berlin fährt in die 50.000-Einwohner-Stadt nördlich von Hamburg. Rund 600 Umweltschützer sind an Bord – die Passagiere sind meist etwas älter als die Busreisenden. Das Zugticket kostet 40 Euro – mehr als doppelt so viel wie die Busfahrt.
In Elmshorn wartet auf die Berliner Umweltschützer ein buntes Bild: Menschen jonglieren mit Keulen, schwenken "Atomkraft Nein Danke"-Fahnen und winken den ankommenden Bussen zu. Eine Sambagruppe trommelt und ruft dazu: "Hierbei gibt es nichts zu flicken, AKWs in Rente schicken!" Jugendliche liegen auf dem Bürgersteig, als würden sie eine Blockade proben, Anwohner haben ihre Gartenstühle an die Straße gestellt und sonnen sich.
Menschenkette "weitestgehend geschlossen"
120.000 Atomkraftgegner beteiligen sich nach Veranstalterangaben an der Menschenkette zwischen den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel. Rechnerisch würde das bedeuten, dass an jedem Meter eine Person steht, denn die ausgewählte Strecke, die quer durch Hamburg führt, ist insgesamt 120 Kilometer lang. Zuvor hatten die Organisatoren erwartet, dass alle fünf Meter ein Atomkraftgegner steht, der per Sonderbus oder Sonderzug anreist – Anwohner und individuell Anreisende sollten hinzukommen.

Manchmal müssen Bänder helfen, um die Lücken zu überbrücken. (Foto: Gutermann)
Nun werden die Erwartungen der Organisatoren weit übertroffen. Selbst die Polizei spricht von einer "weitgehend geschlossenen" Kette. Und trotzdem bleiben wenige Lücken. Meist werden sie mit Bändern aus Plastik oder Stoff gefüllt, doch an manchen Stellen hilft alles nichts. Wenn es einige Busse nicht pünktlich geschafft haben, fehlen hunderte Menschen.
Die Parteien haben es schwer in der Bewegung
Alle drei Oppositionsparteien – SPD, Grüne und Linkspartei – haben zu der Menschenkette aufgerufen. Doch die Parteienvertreter haben es nicht leicht – zu tief sitzt bei vielen Atomkraftgegnern noch die Enttäuschung über die Politik der letzten Jahre. Sieben Jahre lang war Jürgen Trittin (Grüne) Umweltminister, vier Jahre lang Sigmar Gabriel (SPD). Vom Atomausstieg war trotzdem wenig zu sehen: Zwei Mini-Reaktoren wurden abgeschaltet, 17 weitere durften bis heute laufen.

Früher Umweltminister, jetzt wieder Oppositionspolitiker: Sigmar Gabriel (SPD). (Foto: Gutermann)
Gabriel spricht auf der Bühne in Elmshorn – auf einer der sieben Abschlusskundgebungen. Dort kriegt der heutige SPD-Chef die Wut ab: "Alle Parteien sind Büttel der Atomkonzerne", ruft Alexis Passadakis vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac ins Mikrofon. Konkret nennt er Gerhard Schröder (SPD), Wolfgang Clement (SPD), Laurenz Meyer (CDU), Joschka Fischer (Grüne) und Rezzo Schlauch (Grüne), die allesamt für Energiekonzerne arbeiteten.
Viele Parlamentarier würden diese Politiker decken, sagt Passadakis. Atomkonzerne seien politisch gewollt. "Wir kämpfen gegen die Arroganz der Macht." SPD-Chef Gabriel verteidigt sich: "Ich bin kein Atombüttel." Natürlich seien nicht alle einer Meinung, aber Passadakis solle auch die Gemeinsamkeiten sehen. "Heute geht es nicht darum, dass wir uns auseinanderdividieren."
"Es muss eine Bewegung für Klimagerechtigkeit entstehen"
Das Ziel sei, dass der unter Rot-Grün vereinbarte Atomausstieg nicht "zurückgedreht" werde, sagt Gabriel. Die neue Bundesregierung wolle die Laufzeiten für Atomkraftwerke um bis zu 28 Jahre verlängern. "Das wollen wir verhindern."

Bei der Abschlusskundgebung in Elmshorn lauschen Tausende den Rednern Alexis Passadakis (Attac) und Sigmar Gabriel (SPD). (Foto: Gutermann)
Passadakis hingegen geht es um das Abschalten der Reaktoren - "und zwar sofort". Und er stellt den Kampf in einen größeren Zusammenhang. "Der Hauptkonflikt ist der Konflikt um das fossilistische Energiesystem." Deswegen müsse man nicht nur gegen Atomenergie, sondern beispielsweise auch gegen Kohlekraft kämpfen. "Aus der Anti-Atom-Bewegung heraus muss eine Bewegung für Klimagerechtigkeit entstehen", fordert Passadakis.
20.000 in Biblis, 6.000 in Ahaus
Auch in anderen Orten wird gegen Atomkraft demonstriert. Der Reaktor in Biblis wird von 20.000 Atomkraftgegnern umzingelt. Und im münsterländischen Ahaus protestieren rund 6.000 Menschen gegen die Energiepolitik der Landes- und Bundesregierung. Nach Angaben der Veranstalter ist das die größte Anti-Atom-Demonstration in Nordrhein-Westfalen seit 1998.
Begleitet von Sprechchören und den Rhythmen einer Samba-Gruppen ziehen tausende Menschen – darunter besonders viele junge Leute – durch die Ahauser Innenstadt zum Atommüll-Zwischenlager, das zwei Kilometer außerhalb der Stadt liegt.

In Ahaus demonstrieren 6.000 Menschen - die größte Anti-Atom-Demo in NRW seit 1998. (Foto: Schulze von Glaßer)
Kurz nach der NRW-Wahl könnten Castoren rollen
Vor und nach dem Protestzug machen Redner das Anliegen der Demonstranten deutlich: "Es gibt weltweit kein sicheres Endlager", sagt Heiner Möllers von der Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus". Er fordert einen sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft um noch mehr radioaktiven Müll zu vermeiden. Gleichzeitig warnte Möllers, dass schon kurz nach der NRW-Landtagswahl am 9. Mai die ersten Atommülltransporte ins Zwischenlager nach Ahaus rollen würden.
Über die besondere Rolle Nordrhein-Westfalens in der bundesweiten Atompolitik redet Matthias Eickhoff, Sprecher des Aktionsbündnisses Münsterland gegen Atomanlagen. Obwohl es in dem Bundesland kein laufendes Atomkraftwerk mehr gebe, sei NRW dennoch tief in die deutsche Atompolitik verstrickt: In Gronau unweit von Ahaus stehe die einzige deutsche Urananreicherungsanlage, ohne die kein deutsches Atomkraftwerk funktionieren könne. Zudem beheimate das Bundesland die beiden großen Energiekonzerne RWE und Eon, die zahlreiche Atomkraftwerke betreiben. "Diese Energiekonzerne müssen aufgelöst und die Energieversorgung dezentral organisiert werden", fordert Eickhoff.

Die Atomkraftgegner kommen am Atommüll-Zwischenlager an. (Foto: Schulze von Glaßer)
"Kohlekraftwerke behindern Ausbau erneuerbarer Energien"
Michael Harengerd vom BUND und Josef Tumbrinck vom NABU verlangen von der Landesregierung eine klare Energiewende. Die NRW-Atomanlagen müssten stillgelegt werden und es dürften keine neuen Kohlekraftwerke gebaut werden. Solche Großkraftwerke behinderten den Ausbau dezentraler erneuerbarer Energien, so Klaus Kubernus-Perscheid vom Klimabündnis Niederrhein.
Während der Demo sprechen auch internationale Gäste: Rashid Alimov von der russischen Umweltschutzorganisation "Ecoperestroika", Vladimir Slivyak von der Gruppe "Ecodefense" aus Moskau und die französische Umweltaktivistin Cécile Lecomte. Begleitet werden die Reden von Musikeinlagen der HipHop-Künstler ChaozeOne und Lotta C, die dem Protest noch weit nach der Abschlusskundgebung vor den Toren des Zwischenlagers eine kämpferische Note verpassten. Noch bis zum morgigen Sonntag findet in Ahaus ein Anti-Atom-Camp direkt gegenüber dem Zwischenlager statt.
"Bunter und vielfältiger als jemals zuvor"
Heute war zumindest ein "Tag der Anti-Atom-Bewegung", findet Jochen Stay von der Initiative Ausgestrahlt. "Wir sind wieder da, bunter und vielfältiger als jemals zuvor." Noch im vergangenen Herbst hatten in Berlin 50.000 Menschen kurz vor der Bundestagswahl für einen Atomausstieg demonstriert.
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