UN-Klimagipfel: Erste Prozesse in Kopenhagen
Während des Weltklimagipfels in Kopenhagen wurden über tausend Demonstranten festgenommen. Die meisten wurden nach einigen Stunden wieder aus der Präventivhaft entlassen. Der Berliner Student Christoph Lang ist einer von ihnen: Am Mittwoch verurteilte ihn das Kopenhagener Landgericht zu 30 Tagen Haft auf Bewährung. wir-klimaretter.de hat vor dem Prozess mit ihm gesprochen
wir-klimaretter.de: Sie haben in Kopenhagen gegen den UN-Klimagipfel demonstriert und müssen nun vielleicht ins Gefängnis: Was wird Ihnen vorgeworfen?
Christoph Lang: Ich wurde auf einer Massen-Ingewahrsamnahme während der "Reclaim-Power"-Aktion in der zweiten Woche festgenommen. Wir wollten an diesem Tag das Bella-Center erreichen und dort ein "Assembly of the people" abhalten. Die Festnahmen waren eine der üblichen präventiven Maßnahmen. Aufgrund des dänischen Lümmelpaketes konnten Demonstranten ohne Verdacht festgesetzt werden. Mir wird vorgeworfen, zwei Polizisten während des Abtransports im Polizeibus getreten zu haben.

In der dänischen Präventivhaft saßen bis zu 1.200 Demonstranten aus ganz Europa ein
Und das streiten Sie ab?
Ich werde keine Aussage machen. Die zwei Polizisten, die mich verklagen, haben an sehr vielen Stellen sichtlich gelogen.
Für den "Reclaim-Power-Tag" wurden im Vorfeld schon Aktionen des zivilen Ungehorsams angekündigt: Die Reaktion der Polizei war deshalb nicht überraschend.
Ich fand das Ziel sehr gut, über die Zäune zu klettern, in das Verhandlungszentrum zu gehen und dort drinnen die "Assembly of the people" abzuhalten. Es ging nicht darum, in die Gebäude zu gehen, sondern nur auf das Gelände. Wir wollten zeigen, dass es hier ein Legitimitätsproblem gibt. Aber es war relativ schnell klar, dass es nicht funktionieren würde, da wir zu wenig Aktivisten waren.
Welche Strafe erwarten Sie, wenn Sie verlieren?
Wenn ich für schuldig erkannt werde, wird es eine Mindeststrafe von 40 Tagen geben. Da es aber zwei Beamten sind, die mich beschuldigen wird es wahrscheinlich mehr werden – also 60 bis 80 Tage.
Viele Demonstranten haben auch gegen dänische Polizisten geklagt: Wie sind die Beamten denn mit den Demonstranten umgesprungen?
Ich habe auch einem der beiden Polizisten, die mich angezeigt haben, eine Anklage angedroht. Ich suche aber noch Zeugen: Er hat mich im Polizeibus drei Mal gewürgt – und das nur weil ich dagegen protestiert habe, dass Leute gequält wurden.
Was heißt gequält?
Die Polizei hat teilweise unter Schlagstockeinsatz die Gefangenen auf ihre Sitze zurückgedrängt. Sie haben mehrere Insassen mit ihrem Kapuzenpullover gewürgt. Einmal wurde ein Demonstrant an den Ohren hereingetragen – solange bis es geblutet hat. Das ist eben der unerklärte Notstand, der bei solchen Gipfeln immer ausgerufen wird. Kann sich eine demokratische Gesellschaft solche unausgesprochenen Notstände denn leisten? Es sollte darüber nachgedacht werden, wie anders mit solchen Gipfeln umgegangen werden kann. 
Das "Lümmelpaket" ermöglichte die Massenfestnahmen in Kopenhagen
In Kopenhagen wurden über tausend Demonstranten festgenommen: Wie viele müssen mit einer Klage rechen?
23 Demonstrantinnen waren zusammen mit mir in Untersuchungshaft, sechs davon aus Deutschland. Wir müssen alle mit einem Prozess rechnen. Zwei deutsche hatten schon ihren Prozess, eine wurde freigesprochen und die andere verurteilt, aber dagegen geht sie in Berufung. Einige haben aber noch kein Prozessdatum, beispielsweise Tadzio Müller.
War Kopenhagen Ihr erster Gipfel und warum sind Sie hingefahren?
Ich bin nach Kopenhagen gefahren, weil ich überzeugt bin, dass diese Top-Down-Geschichten nicht funktionieren. Die Klimaprobleme können nicht in solchen Gipfeln bearbeitet werden. Das wissen auch alle Beteiligten. Das ist ein Theater, was da gespielt wird. Deshalb muss man dieses Spiel immer wieder demaskieren. Wir sind demokratische Gesellschaften und müssen das zusammen lösen. Die Gipfel stellen immer wieder autoritäre Strukturen her. Meine ersten Erfahrungen habe ich bei den Massenblockaden während des G8-Gipfels in Heiligendamm gemacht.
Haben Sie den Eindruck, dass in Kopenhagen eine Klimabewegung entstanden ist?
Ob Klima- oder G8-Gipfel: Wir müssen zeigen, dass es so nicht geht. Diese autoritären Strukturen, die da immer wieder für einzelne Tage erreichtet werden und für die jedes Mal wieder demokratische Rechte eingeschränkt werden, führen zu einer Gesellschaft, die wir nicht wollen.
Werden Sie in Mexiko weiterdemonstrieren?
Ich bin derzeit voll mit den Repressionen beschäftigt. Ich werde zusammen mit den anderen, die mit mir im Gefängnis waren, versuchen, gegenseitige Hilfe aufzubauen. Beispielweise gibt es einen weißrussischen Aktivisten, der so viele Gerichtskosten aufbringen muss, dass er diese sein halbes Leben lang abzahlen müsste. Das müssen wir solidarisch abfedern.
INTERVIEW: SUSANNE GÖTZE
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