10 Jahre Attac – Ankunft im Alltag?
Attac Deutschland wird 10: Heute ist das globalisierungskritische Netzwerk einer der größten Akteure in den sozialen Bewegungen und immer dabei, wenn es "auf die Strasse" geht. Das Netzwerk ist eine Institution geworden, die ihren Geburtstag gediegen mit einer netten Party und Jubiläums-CDs feiert. Kritiker meinen das Netzwerk habe sich überlebt - schließlich spicht selbst die Bundesregierung von einer "Finanztransaktionssteuer". Doch die Lehre von Kopenhagen ist: Auch wenn alle vom Klima reden, ist es noch lange nicht gerettet
Von SUSANNE GÖTZE
Wer erinnert sich in Globalisierungskreisen nicht gerne an die Aufbruchstimmung der ersten Anti-G8-Proteste: Für viele war es der langersehnte Abschied aus der Widerstandswüste der 1990er Jahre, aus dem Mustopf der postulierten Alternativlosigkeit und dem verkündeten Ende der Geschichte.

Aufbruchstimmung im Attac-Sonderzug zum G8-Gipfel nach Evian 2003
Als Attac im Juli 2001 mit fünf Bussen Richtung italienischer Grenze zum G8-Gipfel in Genua fuhr, war das Netzwerk eine beschauliche Organisation mit 300 Mitgliedern. Zusammen mit tausenden Globalisierungskritikern demonstrierten sie gegen die neoliberalen Ideologie: Dagegen aus Mensch, Tier und Natur eine Ware zu machen, gegen die entfesselte Gier der Finanzmärkte und für eine Globalisierung der sozialen Gerechtigkeit, Menschenrechte und Umweltschutz – frei nach dem Slogan des Weltsozialforums: „Eine andere Welt ist möglich“.
Nach den Demonstrationen gegen den G8-Gipfel in der italienischen Hafenstadt liefen die Telefone in der kleinen Attac-Zentrale im niedersächsischen Verden heiß: In wenigen Tagen verzehnfachte sich die Mitgliederzahl auf 3000. „Genua war die Initialzündung für Attac – vorher kannte uns fast keiner, danach wurden wir einer der großen globalisierungskritischen Akteure in Deutschland“, erinnert sich Werner Rätz, Mitbegründer des Netzwerkes. Mittlerweile sind es über 22.000 Mitglieder, die sich Attac verschrieben haben: Von der Interventionistischen Linken bis hin zu Sozialdemokraten wie Detlev von Larcher, Jusos- Vorsitzende Franziska Drohsel und extravaganten CDU-Parteigängern wie Heiner Geisler oder Norbert Blüm.
Attac ist ein Stück näher am Zeitgeist - aber auch der Zeitgeist an Attac
Schon lange sind die beschaulichen und nervenaufreibenden Zeiten in dem Öko-Projekt Verden vorbei. Dort war jahrelang der erste Sitz des Netzwerkes, nahe am Wald zwischen „Pflanzenkläranlage vor dem Gebäude mit dem Frauen-, Mütter,- und Lesbenzentrum; mit dem Laden für biologische Baustoffe und den Dritte-Welt-Gruppen, Kleinkunstkneipe und kollektivem Mittagessen“, wie es die Autoren des Buches „Attac-Was wollen die Globalisierungskritiker“ im Jahr 2002 beschreiben. Nun sitzt die Attac-Zentrale gleich am Hauptbahnhof in Frankfurt am Main im Auge des neoliberalen Orkans.
Attac in Frankfurt am Main: Im Auge des neoliberalen Orkans. (Foto: Attac)
Doch statt einem Demoaufruf à la „10 Jahre sind noch nicht genug für alle“ mit anschließendem „Sit-In“ vor der Deutschen Bank Zentrale, gibt es zum 10-Jährigen Bestehen eine nette „Geburtstagsparty“, eine „Jubiläums-CD“, die angeblich „rocken“ soll und ein „Geburtstagsbuch“ im Attac-Webshop zu erstehen. Heile Welt möchte man meinen. Es sieht so aus, als hätten es sich die einstigen Genua-Helden ganz gemütlich eingerichtet.
Ohne Zweifel, Attac ist ein Stück näher an den Zeitgeist herangerückt. Aber auch der Zeitgeist an Attac. Wer hätte schon vor zehn Jahren gedacht, dass es im Bundestag „usus“ ist, mehr Kontrolle für die Finanzmärkte zu fordern, dass die CDU – namentlich nicht-Attac Mitglieder wie Angela Merkel und Horst Seehofer - die internationale Finanztransaktionssteuer plötzlich für sich entdecken oder dass die EU-Kommission für die Verstaatlichung der Energieversorgung streitet?
Doch Kassandrinern und Propheten wird nicht gedankt: Vielmehr wird nun gefragt, ob Attac auf dem absteigenden Ast und seine Existenz nicht überflüssig geworden sei. Die Mitgliederzahl steigt zwar weiterhin, aber zu den Massenprotesten im Krisenjahr 2009 kam es nicht. Auch in Sachen Klimakrise hat man bis jetzt wenig von dem Netzwerk gehört: In Kopenhagen hat man kaum Attac-Fähnchen gesehen – das lag aber laut Rätz daran, dass sich viele Attacies in Klima-Netzwerken wie Climate-Justice Action angeschlossen haben. Klimagerechtigkeit steht aber ganz oben auf der Attac-Agenda betont auch Jutta Sundermann: So will man dieses Jahr auf jeden Fall nach Bonn zu den Vorverhandlungen für die nächste Klimakonferenz mobilisieren. Der Impuls dafür geht vor allem von der attac-AG "Energie - Klima - Umwelt" (EKU) aus, die sich seit Jahren inhaltlich mit einer regenerativen Energiewende und der Privatisierung der Energieversorgung beschäftigen.
Das Netzwerk wünscht sich immer noch eine „positive soziale Unruhe“, wie es im Attac-Sprech von Jutta Sundermann heißt, die Mitglied des Koordinationskreises ist – einer Art Bundesvorstand.
Attac hat intellektuell gewonnen
Dass davon 2009 nicht viel zu spüren war, hätte weniger an Attac, sondern an dem Mobilisierungstief der gesamten linken Bewegung gelegen, gibt Werner Rätz zu denken. Auch Detlev von Larcher und Franziska Drohsel meinen, dass bei einer Krise die Leute aus Angst eher zu Hause blieben, statt auf die Strasse zu gehen. Aufruhr sei eben nicht immer logisch. Einen Bedeutungsverlust von Attac wollen sie alle nicht sehen.
In dieser Hinsicht geht es Attac wie den Grünen - oder noch tiefer in die Grabbel-Kiste der Geschichte gegriffen, wie ersten sozialistischen und sozialdemokratischen Bewegungen: Erst werden Forderungen gestellt, die konträr zum Zeitgeist stehen: „Unerhört“, heißt es da bei den Einen, die Anderen versuchen so gut es geht, mit Ignoranz die störende Intervention auszubooten. Doch nach einer Weile kommt der Moment im Fluss des Zeitgeschehens, an dem es nicht mehr geht: Das Elend ist so groß, dass ein ernster Umsturz droht – so wird mit sozialen Reformen beruhigt. Oder das weltweite ökologische Desaster ist so unübersehbar geworden, dass sich nicht mehr wegschauen lässt und man entdeckt, dass sich mit Umwelt- oder Klimaschutz auch Profit machen lässt. Und im Falle der Globalisierungskritiker – es kommt zum langvorausgesagten Wirtschaftscrash. Doch weder die Sozialisten, noch die Grünen, noch die Globalisierungskritiker haben im Kapitalismus jemals von den „Einsichten“ der Herrschenden profitiert – auch wenn sie „intellektuell gewonnen“ haben, wie Heiner Geißler über attac meint. Im Gegenteil: Durch das Aufgreifen ihres Diskurses haben sie es schwerer, sich zu erklären und verblassen.
Nachrichten aus einer besseren Welt: 2009 kopierte Attac die Zeit und verbreitet Good-News
Auch Beruhigungspillen und Placebos sind in der Geschichte des Kapitalismus nichts Neues. Die Versuche von „oben“, einst „revolutionäres Gedankengut“ zu assimilieren, reichen erfahrungsgemäß nicht sehr weit – und das nicht ohne Grund. Deshalb fängt für Attac eigentlich erst die Arbeit an. „Sie können sich vorstellen, dass Frau Merkel jetzt nicht plötzlich zu uns kommt und um Hilfe bittet“, meint Detlev von Larcher lakonisch.
Hat Attac an Charisma verloren?
Auch von einem Medieninteresse, wie es nach dem G8-Gipfel Genua der Fall war, können die Attacies heute nur träumen. Heute heißt es in bürgerlichen Medien wie dem „Spiegel“ schlicht, Attac habe sich „überlebt“.
Es ist ein Fluch: Attac ist bekannt wie ein bunter Hund, doch verliert an Exklusivität, Extravaganz und droht somit für viele einfach nicht mehr „spannend“ zu sein. Dementsprechend ließ auch auf der Geburtstags-Pressekonferenz in Berlin das Medieninteresse zu wünschen übrig. Statt mit kämpferischen Geist schrecken die Attac-Sprecher mit Selbstbeweihräucherung ab. Man schreibt sich auf die Fahnen, die „neoliberalen Grundfesten“ erschüttert zu haben und den „Diskurs zu bestimmen“. Realitätsfremd, könnte man meinen.
Das Netzwerk ist eine Institution geworden, die eben auch ihren Geburtstag wie eine feiert.
In manch linken Kreisen gilt Attac deshalb schon lange als ein Schimpfwort, mit dessen Mitgliedschaft man dort nicht hausieren sollte. Es steht im Ruf „verkürzter Kapitalismuskritik“ und bürgerlicher Denkmodelle. Vorgeworfen wurde den Mitgliedern des Koordinierungskreises im Vorfeld von Großaktionen wie dem G8-Gipfel in Heiligendamm oder dem Klimacamp 2008, sich zu Bewegungskönigen aufzuspielen und bei vielen Entscheidungen nicht die Basis zu befragen. Attac-Vertreter weisen das lebhaft zurück: „Klar sind wir auch bürgerlich, aber wir dominieren niemanden, denn wir sind schließlich ein Netzwerk von vielen unterschiedlichen Akteuren“, meint Jutta Sundermann. Und außerdem gibt es zwei Mal im Jahr den Ratschlag, eine öffentliche Versammlung, an dem Mitglieder und Außenstehende gleichermaßen teilnehmen und ihre Meinung kundtun können. Dort treffen sich Vertreter der mittlerweile über 200 Attac-Ortsgruppen. Also ein Bottom-up-Modell wie Werner Rätz meint.
Dass es bei so viel Vielfalt intern nicht immer reibungslos zugeht, zeigt nicht nur der Führungswechsel, bei dem „die Herrenriege“ der Gründung wie Werner Rätz, Peter Wahl und Sven Giegold vor einigen Jahren den Platz Jüngeren überließen. Einige Köpfe haben das Netzwerk auch verlassen: Sabine Leidig und das langjährige Ko-Kreismitglied Sven Giegold sind in den Bundestag zur Linken sowie ins EU-Parlament zu den Grünen gewechselt.
„Attac ist ein Segen für die deutsche Linke“, meint Werner Rätz. Es sei die einzige Organisation, die es schaffe, die traditionellen Gräben zwischen revolutionären linksradikalen, antikapitalistischen und reformistischen Strömungen in der linken Bewegungslandschaft zusammen zu bringen. Rätz wünscht sich für die nächsten zehn Jahre, dass Attac eine „schärfere Klärung der systemischen Krise des Kapitalismus“ hinlegt – das wird wohl nicht ohne einiges Federlassen geschehen. Die Zeiten von Genua wünscht er sich nicht zurück: Im Gegensatz zu damals sei Attac nun ein etablierter gesellschaftlicher Akteur – und das sei auch gut so. Fraglich ist allerdings, ob er als solcher auch Zukunft hat. Doch eine Prise vom genuesischen Widerstandsgeist täte wohl derzeit nicht nur Attac ganz gut.
(Fotos: Attac, Götze)
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