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"Wir haben längst den Notstand erreicht"

BildDer bekannte US-Klimaforscher und Aktivist James Hansen sieht die Welt noch immer auf einem schlechten Weg im Kampf gegen die Erderwärmung. Abhilfe könnte eine CO2-Abgabe schaffen.

Von 1981 bis 2013 war James Hansen Direktor des Goddard Institute for Space Studies der Nasa. Wiederholt hat er US-amerikanischen Regierungen vorgeworfen, dass seine Berichte verändert wurden. In den vergangenen Jahren hat er sich zu einem Klima-Aktivisten entwickelt. Er fordert eine schnelle Wende zu sauberen Energien, zu denen er auch die Atomkraft zählt.

klimaretter.info: Herr Hansen, Sie haben mehr als 30 Jahre über den Klimawandel geforscht. Was hat sich in der Zeit verändert?

James Hansen: Vor 36 Jahren haben wir errechnet, dass die 1980er wahrscheinlich eines der wärmsten Jahrzehnte werden, die 90er noch wärmer sein werden und im 21. Jahrhundert sich die Nordwestpassage öffnen wird und regionale Klimaextreme verstärkt auftauchen. Aber weder Wissenschaftler noch Journalisten waren wirklich besorgt. Heute gibt es Klarheit in der Forschung.

Und die Reaktion der Regierung?

Es ist bemerkenswert, dass sie noch heute nicht dem wissenschaftlichen Stand entspricht. Anders war es beim Ozonloch – da beendeten die Regierungen innerhalb von wenigen Jahren den Ausstoß von FCKW. Beim Klimawandel blieb das aus. Das ist Betrug.

Aber es hat sich doch seit der Einigung auf das Pariser Klimaschutzabkommen einiges verändert?

Die Regierungen täuschen sich immer noch selbst, wenn sie glauben, dass sie effektive Schritte eingeleitet hätten. Das Pariser Klimaabkommen basiert auf nationalen Klimazielen von 195 Ländern, die jedes Land selbst festlegen kann. Und der Vertrag bittet die Regierungen dann, sie zu verschärfen. Aber das sind keine wirklichen Verpflichtungen.

Wenn ein Dutzend oder 50 Länder ihre Emissionen senken, sinkt die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen. Das hält den Preis für fossile Energien niedrig und es wird sie einfach irgendjemand anders verbrennen. Man muss die Kosten, die die Fossilen für die Gesellschaft verursachen, einpreisen.

Wie stellen Sie sich das vor?

Wir haben das technologische und wissenschaftliche Potenzial für die Energiewende, aber die schaffen wir nur mit einer Abgabe oder Steuer auf CO2. Das wäre der Anreiz für Ingenieure, saubere Energien zu entwickeln, und der Öffentlichkeit bietet es einen Anreiz, auf ihren CO2-Fußabdruck zu achten. Die Tragödie der gesamten Klimawandelgeschichte ist, dass die erforderlichen Maßnahmen nichts kosten würden!

Die Regierungen der Welt unterliegen einer Selbsttäuschung, sagt Klimaaktivist James Hansen. (Video: Ecapio/​Youtube)

Wie meinen Sie das?

Ökonomische Studien zeigen, dass es die Wirtschaft beflügelt, wenn man Öl, Gas und Kohle mit einer grenzüberschreitenden Abgabe belegt. Denn das bringt Geld ein, das die Regierung an die Allgemeinheit zurückgeben kann. Das Bruttoinlandsprodukt wächst und Ökoenergien und Energieeffizienz lassen sich besser entwickeln. Klar, dass die fossilen Konzerne diese Idee gar nicht mögen. Aber unsere Regierung sagt nicht, was wir tatsächlich brauchen.

Inwiefern?

Das Klimaproblem ist durch verspätete Reaktionen charakterisiert. Wir spüren zunächst nur einen Teil der Auswirkungen durch die Treibhausgase, die schon in der Atmosphäre sind, weil die Ozeane erhebliche Mengen CO2 speichern und verzögert wieder in die Atmosphäre entlassen. Wir haben längst den Notstand erreicht und die Öffentlichkeit bemerkt es nicht. Die Politiker kommen damit durch, dass sie dem Problem nur eine geringe Priorität einräumen. In der öffentlichen Wahrnehmung steht es nicht an erster Stelle.

Zumindest nicht bei der Trump-Regierung.

Donald Trump steht ganz unten auf meiner Liste. Aber übrigens bin ich auch nicht begeistert von Jerry Brown. Der Gouverneur von Kalifornien, der sechstgrößten Wirtschaftsmacht der Welt, hätte weltweit etwas ändern können, wenn er eine CO2-Abgabe eingeführt hätte. Stattdessen setzt er wie Europa auf ein Emissionshandelssystem. Das ist sehr unwirksam, aber es ist gut, um hinter den Kulissen Geschäfte zu machen – was Brown mit der fossilen Industrie getan hat.

Sie befürworten Atomkraftwerke als Teil des Kampfes gegen den Klimawandel. Deutschland steigt aus der Atomenergie aus, weil eine Bewegung über mehrere Jahrzehnte vor der Gefahr durch radioaktive Verseuchung gewarnt hat.

Wenn Deutschland keine Atomkraftwerke haben will, muss es keine haben. Aber sie haben nicht das Recht, das den anderen 195 Staaten reinzuwürgen – Deutschland hat vor etwa anderthalb Jahrzehnten auf einem Klimagipfel dafür gesorgt, dass sich Atomenergie nicht als Maßnahme zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen finanzieren lässt. Sie behaupten, dass Atomenergie nicht sauber wäre.

Bild"Emissionshandel bringt nichts": James Hansen im Gespräch mit klimaretter.info-Redakteurin Sandra Kirchner. (Foto: Kathrin Henneberger; Porträtfoto James Hansen: Benjamin von Brackel)

Ist sie ja auch nicht – die Gesundheitsgefahr durch radioaktive Strahlung ist doch unbestritten.

In Deutschland ist eine Quasi-Religion entstanden, die nicht auf Fakten basiert. Mehr als 10.000 Menschen sterben am Tag aufgrund der Partikel, die durch die Verbrennung von fossilen Stoffen entstehen. Die Weltgesundheitsorganisation hat mehrfach darauf hingewiesen und ihre jüngste Schätzung ist sogar noch höher. Das sind mehr als in der Geschichte der Atomenergie.

Interview: Sandra Kirchner

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