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Mit brennender Geduld

BildDer Druck, noch rechtzeitig zu einer global gerechten Klimapolitik zu kommen, ist auch auf dem People's Climate Summit, dem seit Freitag laufenden fünftägigen Alternativtreffen zum Weltklimagipfel, zu spüren. Noch bis heute diskutieren Hunderte Aktivisten auf mehr als 50 Workshops überall im Bonner Stadtgebiet.

Aus Bonn Eva Mahnke und Jörg Staude

Ein Problem hat die alternative Klimapolitik mit der staatlichen gemeinsam: Die Ursachen des Klimawandels und seine sozialen Folgen sind den Aktivisten eigentlich klar – Änderungen oder gar ein Schwenk in Richtung Ökologie und Klimagerechtigkeit sind aber nicht in Sicht. Wollen die Menschen nicht oder können sie einfach nicht anders? An der Gretchenfrage entzünden sich die Debatten.

BildDas Gesellschaftssystem muss sich wandeln, wenn das Klima stabil bleiben soll: Auf den ersten Blick revolutionär, auf den zweiten logisch. (Foto: Paul Wagner/​350.org/​Klimacamp im Rheinland/​Flickr​Flickr)

Auch Magdalena Heuwieser von der österreichischen Nichtregierungsorganisation mit dem programmatischen Namen "System Change, not Climate Change" sieht die Wurzel des Klimakrise nicht allein im Einsatz fossiler Energien oder in der Macht der Konzerne, sondern in "unserer imperialen Lebensweise, unserer Art zu konsumieren", wie sie bei einer Veranstaltung am Sonntagabend sagte.

Entsprechend fordert Heuwieser einen Kulturwandel in den Köpfen, im Alltag. "Wir müssen an die Flughäfen, die Autobahnen und die Supermärkte heran", zählte sie die Attribute der westlichen Lebensweise auf. Christiane Kliemann vom Netzwerk Transition Town Bonn pflichtete Heuwieser bei: "Der Lebensstil, an den wir gewöhnt sind, muss zu Ende gehen."

Heuwieser, Kliemann und anderen Aktivisten ist dabei klar, dass bei allem Visionären die "Entwöhnung" von der westlichen Lebensweise nur schrittweise gehen kann. Jutta Sundermann von der Aktion Agrar prägte in dem Zusammenhang, in Anlehnung an Robert Jung, das Bild von einer "brennenden Geduld". Zum einem brauche man Ungeduld. Es komme gar nicht darauf an, wo und wie man sich engagiere, sagte sie, wenn es denn überhaupt in Richtung Gerechtigkeit, Ökologie und Nachhaltigkeit gehe. Alle Formen, aktiv zu sein, seien dabei gleich gut.

Zugleich müsse sich die Bewegung aber auch in Geduld üben, so Kliemann, weil sich Menschen eben nicht von heute auf morgen ändern. Man brauche Geduld und Ungeduld zugleich, eben eine Art "brennende Geduld".

Sichere Jobs nur im fossilen Sektor?

Eher eine brennende Ungeduld legten die großen Demonstrationen am Samstag und die "Ende Gelände"-Aktion am Sonntag beim Thema Kohleausstieg hin. Um den ging es auch auf dem People's Climate Summit. Eine der zentralen Fragen: Wie kann der politische und gesellschaftliche Widerstand gegen den Kohleausstieg überwunden werden?

Ein Ansatz ist das Konzept der "Just Transition", das eine sozial gerechte Transformation des Kohlesektors zum Ziel hat. "Wir müssen dafür sorgen, dass die Arbeiter in diesen Prozess einbezogen werden", sagte Gewerkschafter Sean Sweeney von den Trade Unions for Energy Democracy (TUED) auf dem samstäglichen Abendpodium mit dem Titel "Das fossile Zeitalter beenden".

Nicht nur in der Kohleindustrie, sondern in allen Branchen dürften Beschäftigte nicht länger gezwungen sein, sich zwischen einer guten und abgesicherten Arbeit und einer Tätigkeit ohne Umweltzerstörung und Klimawandel zu entscheiden, forderte Sweeney. "Auch die meisten Gewerkschaftsmitglieder wollen eine saubere Umwelt."

BildWeniger Kohle, weniger Konsum, weniger arbeiten – dafür mehr Lebensqualität. Klimaschützer denken schon länger über das "gute Leben" nach. (Foto: Friederike Meier)

Deutlich wurde in der Diskussion aber auch: Solange die Perspektive der Arbeiter darin besteht, nach dem Verlust ihres Jobs in der Kohleindustrie im Amazon-Logistikcenter zu arbeiten, wird es schwer für die Klimabewegung, sie für ihre Sache zu gewinnen. "Es gibt keinen gerechten Wandel im Energiesektor ohne einen sozialen Wandel", mahnte Sweeney. "Darin liegt das umfassende Konzept von 'Just Transition'."

Illusionäre "Negativ-Emissionen"

Veranstaltet wurde der People's Climate Summit auch, um Fragen zu diskutieren, die auf dem UN-Konferenzgelände zu kurz kommen oder unter den Tisch fallen. So kritisierte auf dem Summit-Auftaktpodium am Freitagabend Teresa Anderson von der Organisation Action Aid die zunehmende Hinwendung zu "negativen Emissionen".

Das sind Großtechnologien, die das Kohlendioxid wieder aus der Luft holen sollen – etwa durch Anpflanzen agrarindustrieller Baumplantagen, bei denen das gewachsene Holz verbrannt und das darin gespeicherte CO2 abgeschieden und im Untergrund gespeichert werden soll – die sogenannte BECCS-Technologie.

"Einige Szenarien des Weltklimarates liegen nur deshalb noch innerhalb des Zwei-Grad-Limits, weil sie diese riskante und extrem unsichere Technologie einbeziehen", kritisierte Anderson. "Dafür bräuchten wir aber gigantische Agrarflächen und würden die Vertreibungen, Menschenrechtsverletzungen und Nahrungsmittelkrisen weiter verschärfen, die wir heute schon im Zusammenhang mit der Konkurrenz um knappe Ackerböden sehen."

Wenn BECCS aber nicht funktioniere, führe das direkt in die Klimakatastrophe. "Wir dürfen uns nicht auf solche magischen Technologien verlassen", warnte Anderson. Schon jetzt sorge die Illusion einer solchen Lösung für den Überschuss an CO2 in der Atmosphäre dafür, dass die Anstrengungen, Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend zu transformieren, abgeschwächt würden.

"Gutes Leben" – wirklich für alle?

Was den sozialen Wandel betrifft, so fiel bei der Veranstaltung am Sonntag auffallend oft der eher aus linksalternativen Kreisen bekannte Begriff eines "guten Lebens". Der Abschied aus der heutigen Konsumgesellschaft müsse nicht unbedingt als etwas "Schlechtes" gesehen werden, hieß es. Die Leute könnten dadurch auch gewinnen, zum Beispiel mehr Zeit und weniger Zwänge.

Wie die Bedürfnisse von Einzelnen und Gemeinschaft zusammenkommen können, dazu waren die Vorstellungen der Klimaaktivisten noch recht vage, nicht nur beim Thema Arbeit. Altersversorgung in einer klimagerechten Gesellschaft? Da reichten die Stichworte von "Commons" oder lokalen Gemeinschaften, die sich um die Älteren kümmern würden, bis zum umverteilenden Großprojekt bedingungsloses Grundeinkommen.

Auch wenn diese Ideen meist mit dem Beiwort "solidarisch" versehen werden, war wenig wirklich Überzeugendes zu hören. Das "gute Leben" hat auch eine moralische Komponente, worauf Magdalena Heuwieser aufmerksam machte: Könne man überhaupt von einem guten Leben für alle sprechen, solange dieses auf Kosten anderer Menschen gehe?

BildAutofrei in Wien: Wer am Sonntag Lust bekommen hat, fährt am Montag vielleicht mit dem Rad. (Foto: KF/Wikimedia Commons)

Erfrischend jedenfalls wirkte das Bestreben, nicht in fruchtlosen Debatten um Visionen und Zukunftsbilder zu verharren, sondern einfach mehr zu tun und die Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Heuwiesers Organisation will beispielsweise den 15. September künftig zum autofreien Sonntag für Wien erklären, damit die Leute wieder erfahren könnten, wie sich eine Stadt ohne Autolärm und Abgase anfühlt.

Man wolle, sagte die Aktivistin, dass Kinder wieder auf der Straße spielen und man mit offenen Fenstern schlafen könne – also ein positives Lebensgefühl schaffen. Und an einem solchen Tag, ist hinzuzufügen, werden auch jede Menge Emissionen gespart.

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Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 23 
finden Sie in unserem Fidschi-Bonn-Dossier

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