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"In diesen Tagebau passen mehrere Atolle"

BildEin gutes Dutzend Inselbewohner aus der Südsee kommt nach Deutschland, um das erste Mal in ihrem Leben einen Braunkohletagebau zu sehen. Sie wollen verstehen, warum ihre Heimat vom Meeresspiegelanstieg und von Stürmen bedroht ist, und sich mit den Aktivisten von "Ende Gelände" solidarisieren.

Aus Manheim im Rheinland Friederike Meier

Als sie aus dem Bus aussteigen, sind sie noch zum Scherzen aufgelegt. Ein Spielplatz am Rand eines Braunkohletagebaus? Wer will sich denn da vergnügen! Und Fitnessgeräte gibt es auch? Absurd! Die Pacific Climate Warriors, eine Gruppe von Klimaaktivisten aus dem Pazifik, sehen heute zum ersten Mal in ihrem Leben einen Ort, wo Braunkohle abgebaggert wird. Vom Aussichtspunkt "Terra Nova" aus werden sie in den Tagebau Hambach im Rheinland schauen. Erstmal aber entdecken sie den Spielplatz mit Fitnessgeräten und Liegestühlen, auf denen man einen Ausblick auf die Grube hat. Es gibt ihn tatsächlich!

BildDie Aktivisten aus dem Pazifik trösten sich gegenseitig. Auch für Brianna, vorn rechts, ist der Moment sehr emotional, wie sie später sagt. (Foto: Friederike Meier)

Aus den Gesichtern der Aktivisten weicht nach und nach die Fröhlichkeit. Je länger sie in die riesige, tiefe Grube starren, desto bedrückter werden sie. Minutenlang stehen sie am Rand des Tagebaus, sie können nicht glauben, was sie sehen. Einige weinen jetzt. Schließlich drehen sie sich lieber um. Sie stehen Arm in Arm vor der Grube und versuchen in Worte zu fassen, was sie angesichts des riesigen Lochs hinter ihnen fühlen und warum ihnen die Tränen kommen. "Weil wir wissen, was hinter uns ist ...", sagt eine von ihnen, bevor ihr die Stimme wegbricht.

Als Brianna Fruean, die von der Pazifikinsel Samoa kommt, sich gefangen hat, sagt sie: "Im Pazifik erleben wir die Folgen des Klimawandels, aber wir haben noch nie die Ursachen gesehen. Wir wussten, dass es Tagebaue gibt, aber haben noch nie welche gesehen." Dass ein Tagebau so groß ist, hätte sie nicht erwartet: "Einige unserer kleineren Atolle würden da reinpassen!"

Trotz der Traurigkeit geben die Climate Warriors die Hoffnung nicht auf. "Wir sind sehr dankbar, hier sein zu dürfen, weil wir die Solidarität mit den deutschen Aktivisten gespürt haben", sagt Brianna. Und auch untereinander sind sie solidarisch. Nach einer Weile an der Abrisskante fangen einige von ihnen an zu singen. Sie dichten spontan den Gospel "Swing low, sweet chariot" um und singen: "Coming for to defend our land."

Viele der Pacific Climate Warriors, die wegen der Klimakonferenz in Bonn nach Deutschland gekommen sind, waren noch nie in Europa. Sie kommen von Inselstaaten wie Fidschi, Samoa oder Tuvalu – ihre Inseln sind stark vom Klimawandel bedroht. Organisiert hat die Reise die Klimaschutzorganisation 350.org.

Fidschi-Zeremonie auf dem Manheimer Marktplatz

"Wir sehen die Folgen jeden Tag", erzählt Brianna, die in Samoa noch zur Schule geht. "Zum Beispiel bin ich als Kind jeden Sonntag zum Fischmarkt gegangen. Er war sehr vielfältig, als würde der ganze Pazifik vor den Augen ausgebreitet. Jetzt ist das nicht mehr so. Die Fische sind kleiner und es gibt nicht mehr so viele verschiedene."

Einige Stunden vorher im vom Kohletagebau bedrohten Dorf Manheim: Die Pacific Climate Warriors sitzen auf der Straße im strömenden Regen. Zunächst spricht ein Priester ein Gebet. Dann rühren zwei der Warriors in einer großen Holzschale ein Getränk an. Nach vielen rituellen Wortwechseln und Händeklatschen bekommen zwei deutsche Aktivistinnen davon zu trinken.

Es ist Kava, ein aus der Wurzel der Kava-Pflanze hergestelltes Getränk, das vor allem im Inselstaat Fidschi zu Zeremonien getrunken wird. "Ihr seht uns im Regen stehen, aber diese Zeremonie soll Demut ausdrücken", sagt einer der Aktivisten. "Wir fragen mit dieser Zeremonie um Erlaubnis, das Land betreten zu dürfen."

Eine der deutschen Aktivistinnen ist Antje Grothus von der Bürgerinitiative Buirer für Buir. Buir, ein Dorf nicht weit von Manheim, ist zwar nicht direkt vom Tagebau bedroht, engagiert sich aber seit Jahren gegen die Braunkohle. Nach der Zeremonie sagt Grothus: "Die Zeremonie mit euch war sehr berührend und emotional."

Sie fand es aber beschämend, wie sie sagt, dass die Klimaaktivisten aus der Südsee um Erlaubnis fragten. "Der Konzern RWE, der die Tagebaue betreibt, fragt niemanden um Erlaubnis. Wir in den europäischen Ländern haben eine große Schuld auf uns geladen." Als Aktivisten aus dem Hambacher Forst von ihrer Waldbesetzung erzählen, die schon seit 2012 andauert, kommt von den Climate Warriors spontanter Applaus.

BildDie Aktivisten von Ende Gelände auf dem Weg zur Grube. (Foto: Eva Mahnke)

Während die Climate Warriors sich warme Kleidung überziehen und in den Bus in Richtung Aussichtspunkt steigen, läuft einige Kilometer entfernt schon die "Ende Gelände"-Demonstration. In diesem Jahr hat das Bündnis eine legale Demonstration angemeldet, an der laut den Veranstaltern rund 4.500 Menschen teilgenommen haben. Die Demonstration startet von Buir in Richtung des ebenfalls nahe am Tagebau gelegenen Dorfes Morschenich.

Unterwegs spalten sich immer wieder Teile der Gruppe ab, um in den Tagebau einzudringen. Das Ergebnis wird schon um 13 Uhr verkündet. "Alle Finger sind in der Grube!", jubeln die Aktivisten, die draußen geblieben sind. Unter "Fingern" verstehen die Aktivisten Gruppen, die gemeinsam unterwegs sind.

Sie fordern einen sofortigen Ausstieg aus der Kohlenutzung und die meisten glauben nicht daran, dass der am morgigen Montag in Bonn beginnende Klimagipfel etwas am Klimawandel ändern wird. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir uns nicht darauf verlassen können, was auf dem Gipfel verhandelt wird", sagt Janna Aljets, Sprecherin von Ende Gelände.

Die Aktivistin ist am frühen Abend sehr zufrieden mit dem Protesttag. "Wir haben erreicht, was wir wollten. Die Bagger standen still." Insgesamt hätten etwa 3.500 Menschen an der Aktion des zivilen Ungehorsams teilgenommen. Ein endgültiges Fazit, auch was eine mögliche Konfrontation mit der Polizei angeht, will Aljets aber noch nicht ziehen. Allerdings sei die Strategie der Polizei wesentlich weniger eskalativ gewesen als noch bei den letzten Ende-Gelände-Protesten im Sommer. "Wir sehen uns deshalb darin bestätigt, dass das, was wir machen, legitim ist."

Bild"Das ist der Grund, warum unsere Inseln untergehen." Joseph aus Tonga vor dem Tagebau. (Foto: Friederike Meier)

Brianna und ihre Freunde aus dem Pazifik kehren mit dem Bus nach Bonn zurück, wo sie ab morgen die Klimakonferenz verfolgen wollen. "Hoffentlich wird das Ergebnis der Konferenz uns ein besseres Gefühl geben, was die nächsten Schritte für uns sind", sagt Brianna. Was sie selbst tun will, weiß sie schon: "Ich werde zu Hause die Geschichte dieses Tagebaus erzählen, damit die Menschen wissen, was hinter der Zerstörung unserer Inseln steht." Nachdem die Pacific Climate Warriors in den Bus in Richtung Bonn eingestiegen sind, dauert es nicht lange, bis sie wieder Lieder anstimmen.

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Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 23 
finden Sie in unserem Fidschi-Bonn-Dossier

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