Standing Rock im Bank-Tower

Indianerinnen berichten in deutschen Geldhäusern über die Proteste gegen Öl-Pipeline-Projekte in den USA und Kanada. Die von den Banken mitfinanzierte Dakota-Pipeline ist zwar inzwischen eröffnet. Es gibt aber hoffnungsvolle Signale, dass öffentlicher Druck bei den Banken etwas bewirkt.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Michelle Cook gehört zum Stamm der Navajo. Gerade war sie zusammen mit drei anderen Indianerinnen unterwegs in Europa. Die Frauen besuchen Banken und Versicherungen, die Ölpipeline-Projekte in den USA mitfinanzieren, um sie über deren Folgen zu informieren.

BildOsprey Orielle Lake und Michelle Cook (von rechts) und Mitstreiterinnen vor dem norwegischen Parlament, einer weiteren Station ihrer Europa-Tour. (Foto: Teena Pugliese)

Der Besuch bei der Großbank Credit Suisse in Zürich blieb ihr besonders in Erinnerung. "Die haben uns tatsächlich vorher mitgeteilt, wir sollen keine Waffen mitbringen", erzählt die Menschenrechtsanwältin, die in Arizona lebt. Man habe nicht an Pistolen, sondern eher an Tomahawks oder Speere gedacht, hätten die Bank-Leute später erläutert. "Aber ziemlich schräg war es doch", sagt Cook. Die Delegation aus den USA besteht aus hochgebildeten, intelligenten Frauen, darunter eine Ärztin, eine Politikwissenschaftlerin sowie eine Campaignerin und Buchautorin.

Cook hat selbst in dem Protestcamp in der Nähe des Sioux-Reservats Standing Rock, gelebt, das im letzten Herbst weltweit Furore machte. Dabei ging es um die Dakota Access Pipeline, die die Erdöl-Fracking-Gebiete im US-Bundesstaat North Dakota mit Industrieanlagen in Illinois verbindet.

Pipeline-Protest endete mit Niederlage

Bis zu 15.000 Sioux, Indianer anderer Stämme und Umweltschützer nahmen an dem Camp teil, das bis zum Februar bestand. Die Trasse der inzwischen fertiggestellten Pipeline verläuft durch ein Gebiet, das den Sioux heilig ist und aus dem sie ihr Trinkwasser gewinnen. Der neue US-Präsident Donald Trump hatte als eine seine ersten Amtshandlungen den Weiterbau der von Vorgänger Barack Obama auf Eis gelegte Pipeline angeordnet.

Die Aktion gegen die Dakota Access Pipeline endete zwar in einer Niederlage. Die Protestierer gaben das Camp auf, um der Räumung zu entgehen; Dutzende Polizisten hatten sich mit Schlagstöcken, Helmen und dunklen Sonnenbrillen ringsum postiert, um Druck zu machen. Die Bilder der Proteste und von Polizeigewalt gingen weltweit durch die Medien. Die Pipeline-Gegner zogen damals ab – singend und betend.

Banken und Versicherer über die Folgen aufklären

Doch der Kampf gegen die Pipeline- und andere Erdöl-Projekte habe durch "Standing Rock" eine ganz neue Dimension bekommen, sagt Cooks Mitstreiterin Jakie Fielder, eine Lakota-Indianerin, die in der Divestment-Bewegung aktiv ist, die Investoren zum Ausstieg aus Kohle-, Erdöl- und Erdgas-Aktien bewegen will. "Das hat der Sache erst richtig Schub gegeben", sagt die junge Frau.

Neben der Dakota-Access-Trasse gibt es in den USA und Kanada weitere Pipeline-Projekte, von denen ebenfalls indigene Völker betroffen sind, die bekannte Keystone XL sowie Transmountain und Line 3. Und gegen diese hoffen die Gegner mit mehr Erfolg vorgehen zu können – unter anderem, indem sie bei den internationalen Banken und Versicherern, die direkt oder indirekt an der Finanzierung der Milliardenprojekte beteiligt sind, für mehr Bewusstsein über die dramatischen Nebenwirkungen auf Anwohner, Klima und Umwelt sorgen.

Cook und ihre Mitstreiterinnen schafften es immerhin, in einer ganzen Reihe von Big Playern der Geldbranche in Norwegen, der Schweiz und Deutschland empfangen zu werden. Hierzulande besuchten sie die Deutsche Bank, die Bayerische Landesbank und die Allianz.

Bayern LB steigt aus Finanzierung von Dakota Access Pipeline aus

Dass geschärftes Bewusstsein und öffentlicher Druck durchaus etwas bewegen können, zeigen Beispiele aus jüngster Zeit. So hat der Konzern Transcanada, der neben Keystone XL auch noch das Pipeline-Projekt Energy East bauen wollte, letzteres aufgegeben – unter anderem wegen der starken Gegenwehr von Indigenen- und Umweltgruppen sowie bevorstehenden Prüfungen zu den Klimafolgen.

Ein weiteres Signal: Die französische Großbank BNP Paribas, die ebenfalls an Dakota Access beteiligt war, gab bekannt, keine Fracking- und Ölsand-Firmen mehr finanzieren zu wollen.

Als Erfolg sehen die Pipeline-Gegner auch die Kehrtwende der Bayerischen Landesbank. Das Münchner Geldhaus zählt zu den 17 Banken, die die Dakota-Pipeline direkt finanziert haben; angeblich mit 120 Millionen Dollar. Die Konzernspitze der Bayern LB teilte im Februar mit, sie werde aus dem Konsortium aussteigen und stehe "für eine zeitnah erwartete Anschlussfinanzierung nicht zur Verfügung".

Andere Öl-Infrastrukturprojekte werden weiter finanziert

Die Indianerinnen hatten natürlich nicht erwartet, dass ihre Besuche in den Geldzentralen ähnlich spektakuläre Entscheidungen zur Folge haben würden. "Es ging darum, ins Gespräch zu kommen und klarzumachen, dass die Projekte dem Image der Banken schaden", sagt Delegationsleiterin Osprey Orielle Lake, die Geschäftsführerin beim Women's Earth and Climate Action Network ist.

Man sei zumeist sehr freundlich aufgenommen worden, zum Teil dauerten die Gespräche mit den Nachhaltigkeitsmanagern der Banken mehrere Stunden. "Wir haben klargemacht, dass wir weiter für die Rechte der Indigenen und den Schutz des Landes, des Wassers und des Klimas eintreten. Und dass wir zurückkommen werden, um den Austausch fortzusetzen", sagt Lake.

Die Banken halten sich bedeckt. Es seien vertrauliche Gespräche gewesen, in guter Atmosphäre, man habe Meinungen ausgetauscht, heißt es bei der Bayern LB. Der Beschluss zum Ausstieg aus Dakota Access stehe, sagte ein Sprecher zu klimaretter.info. Andere Öl-Infrastrukturprojekte würden aber "natürlich weiterhin finanziert" – wenn die Nachhaltigkeitskriterien der Bank erfüllt seien.

Bild"Es ging darum, ins Gespräch zu kommen": Die Indianerinnen vor der Zürich-Versicherung. (Foto: Teena Pugliese)

Auch bei der Deutschen Bank, die ein am Bau der Dakota-Pipeline beteiligtes Unternehmen mit Krediten versorgt hat, ist von einem "interessanten, angenehmen Gespräch" die Rede. Ob der Kurs des Geldhauses künftig weiter in Richtung fossiles Divestment geht, nachdem die Bank einen Ausstieg aus neuen Kohlebergwerks-Projekten angekündigt hat – dazu hieß es, es gebe noch keine neue Position.

Allerdings sagte ein Banksprecher, der Schritt von BNP gegen Fracking-Projekte könne als "richtungsweisend" angesehen werden. Bei der Deutschen Bank gebe es eine solche Entscheidung – noch – nicht.

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