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Ein Sommer der Klimacamps

Ursprünglich sind die klimapolitischen Zeltlager ein "Exportprodukt" aus Großbritannien – mittlerweile gibt es sie in mehreren Ländern Europas. Heute beginnt das zweite französische Klimacamp. Auch im deutschen Rheinland trifft sich die Klimabewegung noch in diesem Monat.

Von Susanne Schwarz

Die Utopie dauerte nur drei Tage, halb so lange wie gedacht. Am Sonntagnachmittag hatten sich im brandenburgischen Dorf Siehdichum bei Frankfurt/Oder etwa 130 Menschen getroffen, um gemeinsam eine Woche zu zelten, zu lernen, zu musizieren und zu tanzen – im Einklang mit der Natur. Zu sehr, wie das Ordnungsamt befand: Es gebe auf dem "Utopival", wie die Camper ihre Veranstaltung nennen, keinen Kühlschrank, kein Abwassersystem und keine Müllentsorgung. Und angemeldet sei das Festival ohnehin nicht. Am Mittwoch wurde es von der Polizei geräumt.

BildAuch in diesem Jahr will das deutsche Aktionsbündnis "Ende Gelände" vom rheinischen Klimacamp aus die Kohlewirtschaft blockieren. (Foto: Ende Gelände/​Flickr)

Festivalbesucher und -organisatoren finden die Vorwürfe albern: Das ausschließlich pflanzliche Essen komme sehr wohl ein paar Tage ohne einen stromfressenden Kühlschrank aus, die Komposttoiletten verursachten gar kein Abwasser und im Übrigen richte man sich nach dem No-Waste-Prinzip. Eine Anmeldung habe man nicht für nötig befunden, weil die nicht gewerbliche Veranstaltung auf einem Privatgrundstück stattgefunden habe.

Das Utopival hat ein frühes Ende gefunden – für einen mit Gesellschaftsveränderung gekoppelten Zelturlaub gibt es aber in diesem Sommer weitere Möglichkeiten in Europa. In immer mehr Ländern organisieren Aktivisten Klimacamps – im Juni beispielsweise erstmals in Tschechien. Nicht überall protestieren die Klimaschützer wie in Deutschland gegen die Kohlewirtschaft – in anderen Ländern kämpfen sie gegen Fracking-Bohrungen oder Gaskraftwerke.

Am heutigen Freitag beginnt ein Zeltlager im südfranzösischen Weinbaugebiet Maury. Es ist das zweite Mal, dass in Frankreich ein Klimacamp stattfindet. Organisiert haben es die Klimaschützer von Alternatiba, Amis de la Terre und ANV COP21. Noch bis zum 15. August gibt es vor Ort Vorträge, Diskussionen und Protestaktionen.

Auch in Schweden treffen sich die Klimaaktivisten zurzeit zum gemeinsamen Zelten und Politikmachen. Seit Donnerstag und noch bis Montag richten die Umweltverbände Fossilfritt Sverige, Jordens Vänner, Fältbiologerna und die lokale Kampagne Fossilgasfällan ein Klimacamp nahe Göteborg aus, wo ein neues Erdgasterminal entstehen soll.

Das rheinische Klimacamp öffnet sich

Auch in Deutschland gibt es diesen Sommer wieder ein Klimacamp. Bereits im Frühjahr hatte sich die Klimabewegung in der Lausitz getroffen – diesmal nicht nur an einem Ort, sondern zu einer mehrtägigen Fahrradtour mit verschiedenen Stopps. Im rheinischen Kohlerevier geht das Klimacamp am 18. August los, wie schon in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam mit der wachstumskritischen Degrowth-Sommerschule, außerdem hat die BUND-Jugend ein eigenes Zeltlager organisiert. 

Dieses Mal will die Bewegung sich allerdings öffnen. Zeitgleich findet das neue Connecting-Movements-Camp statt, auf dem Klimaschutz etwa mit Antirassismus und Feminismus zusammengebracht werden soll. Außerdem wollen die Klimaschützer stärker auf die Bevölkerung im Revier zugehen. Veranstaltungen in den umliegenden Orten sollen erstmals einen breiten Austausch ermöglichen. In der Erkelenzer Stadthalle gibt es eine Podiumsdiskussion mit Gewerkschaftern über Alternativen zur Kohle und einen gerechten Strukturwandel.

Der Protest gegen die Kohle wird aber wohl weiter im Vordergrund stehen: Das Aktionsbündnis Ende Gelände hat angekündigt, erneut Teile der Kohleinfrastruktur – also etwa Tagebaue oder Kraftwerke – blockieren zu wollen. Unabhängig davon will die Gruppe "Kohle ersetzen" Zulieferstrecken durch eine Sitzblockade versperren. Auch die Umweltverbände rufen diesmal zu Aktionen auf und veranstalten selbst am 26. August eine Menschenkette, um der Kohle die "rote Linie" aufzuzeigen.

BildDas Klimacamp im Rheinland beginnt am 18. August. (Foto: ausgeCO2hlt)

In Deutschland haben die Klimacamps im Rheinland und in der Lausitz schon mehrjährige Tradition. Ursprünglich stammt die Idee aus Großbritannien. Dort hatten Globalisierungskritiker ab 2006 begonnen, "Camps for Climate Action" zu organisieren, damit sich die Bewegung von den Rückschlägen erholen konnte, die der G8-Gipfel 2005 im schottischen Gleneagles gebracht hatte: Die Proteste waren von einem massiven Polizeiaufgebot im Grunde erstickt worden.

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