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Mit dem Fahrrad gegen die Kohle

Das traditionelle Lausitzcamp fand in diesem Jahr zum ersten Mal als Radtour statt: Eine Woche lang fuhren die Anti-Braunkohle-Aktivisten durch Dörfer, die abgebaggert werden sollen, solche, die noch einmal davongekommen sind, und solche, in denen die Menschen noch in Ungewissheit leben.

Aus Kerkwitz (Brandenburg) Friederike Meier

Ein sonniger Freitag im südöstlichen Brandenburg. Etwa fünfzig Menschen auf Fahrrädern fahren auf den Braunkohletagebau Jänschwalde zu. Von einem Lastenrad spielt eine solarbetriebene Musikanlage Reggae, viele Fahrräder sind mit Aufschriften wie "Stop Coal!" geschmückt. Dass das keine normale Radtour ist, merkt man spätestens, wenn man nach oben schaut: Eine Drohne schwebt über der Gruppe, vor und hinter ihr fahren Polizeiautos. Am Aussichtspunkt neben dem Tagebau und direkt vor den Betreten-verboten-Schildern steigen die Radfahrer ab.

BildDie Aktivisten fahren durch Kerkwitz. (Foto: Friederike Meier)

Sie gehören zum Lausitzcamp, dem traditionellen Aktionscamp der Anti-Braunkohle-Bewegung, das in diesem Jahr zum ersten Mal als Radtour stattfindet. Nachdem im vergangenen Jahr das Bündnis "Ende Gelände" zu Gast war, habe man nach Alternativen zu einem Camp am festen Ort gesucht, sagt Josephine Lauterbach vom Lausitzcamp. Das Ziel: eine Dialogplattform bieten für Braunkohlegegner und Befürworter, dabei verschiedene Orte besuchen und damit ein Zeichen gegen den Kohleabbau setzen. Die Aktivisten kritisieren, dass die Lausitz trotz der beschlossenen Klimaziele immer noch auf die klimaschädliche Kohle setzt.

Staub, Sand und Quietschen

Zu Pfingsten 2016 waren mehrere tausend Aktivisten dem Aufruf von "Ende Gelände" gefolgt und hatten über mehrere Tage Kohlebagger und Kohlebahnen blockiert. Das hat wohl auch die Polizei nicht vergessen. Diesmal kann sie sich aber entspannen. Niemand will in den Tagebau hinein, stattdessen gibt es für die Lausitzcamper einen Vortrag über die Grube und das nahe gelegene Dorf Grießen. Dessen Häuser stehen direkt an der Tagebaukante, die Bewohner leiden unter Staub und Sand, der angeweht wird. Auch vom ständigen Quietschen der Kohleförderbrücke können sich die Aktivisten vor Ort überzeugen.

Seit vier Tagen schon ist die Gruppe in der Lausitz unterwegs. Die Tour hatte am Montag mit einer Protestaktion vor der Cottbuser Zentrale der Lausitz Energie AG (Leag) begonnen, die die Tagebaue und Braunkohlekraftwerke in der Lausitz betreibt. Auch auf einer Wiese im Dorf Proschim, das direkt neben dem Tagebau Welzow-Süd liegt, haben die Aktivisten für eine Nacht ihre Zelte aufgeschlagen.

Das Dorf ist immer noch vom Tagebau bedroht, denn in dem Revierkonzept, das die Leag Ende März verkündet hat, steht, dass über die Erweiterung des Tagebaus erst im Jahr 2020 entschieden werden soll. Wenn Welzow-Süd II wirklich noch kommt, muss Proschim umgesiedelt werden.

Kerkwitz darf bleiben

Der Tagebau Jänschwalde, den die Aktivisten vom Aussichtspunkt aus besichtigt haben, soll hingegen doch nicht um das Teilstück Jänschwalde-Nord erweitert werden. Durch die idyllische Landschaft, die nun nicht den Baggern zum Opfer fallen wird, fahren die Radler auf kleinen Feld- und Waldwegen. Auch durch Kerkwitz führt der Weg. Es ist eines der drei Dörfer, die den Kohlebaggern durch die Entscheidung vom März nochmal von der Schippe gesprungen sind.

"Der überwiegende Teil der Menschen im Dorf ist über diese Entscheidung sehr froh", erzählt Roland Lehmann, der Kerkwitzer Ortsvorsteher. Das Dorf hatte seit dem Jahr 2007, als der damalige Betreiber Vattenfall seine Pläne für die Tagebauerweiterung veröffentlichte, gegen die drohende Umsiedlung protestiert.

"Welzow-Süd II darf nicht kommen"

"Der Widerstand war so breit aufgestellt wie in der gesamten Geschichte der Kohle noch nicht. Wir hatten unheimlich viele Unterstützer", sagt Lehmann. Er will die anderen Dörfer, die immer noch bedroht sind, weiter unterstützen. Dass die Menschen in Proschim noch bis 2020 warten sollen, bis sie wissen, ob sie bleiben dürfen oder nicht, macht ihn wütend: "Die Landesregierung muss der Leag sagen, dass man so nicht mit Leuten umspringen kann."

Das kritisieren auch die Aktivisten des Lausitzcamps, das am Samstag mit einer Abschlussaktion vor dem Braunkohlekraftwerk Jänschwalde endet: "Der Tagebau Welzow-Süd II darf nicht kommen", fordert Josephine Lauterbach. "Wir richten uns sowohl an die Leag als auch an die brandenburgische und sächsische Landesregierung, keine neuen Tagebaue aufzuschließen und den Kohleausstieg schnellstmöglich einzuleiten."

 Stopp vor dem Tagebau Jänschwalde. Der Gegensatz zwischen idyllischer Landschaft und trostlos wirkender Grube ist hier besonders groß. (Foto: Friederike Meier)

Zurücklehnen will man sich auch in Kerkwitz noch nicht: "Die Kohlevorranggebiete, die in der Landesplanung festgeschrieben sind, müssen aus dem Landesentwicklungsplan raus", sagt Lehmann. Erst dann könne man sicher sein, dass sich das Thema erledigt hat. In Kerkwitz geht es aber erstmal um Grundsätzliches: "Wer zum Tode verurteilt ist, wird keine große Lebensplanung mehr machen. Das ändert sich jetzt alles", freut sich der Ortsvorsteher. Die erste Investition in die Zukunft im Dorf seit zehn Jahren wird dazu dienen, eine baufällige Brücke über die Bahnstrecke zu sanieren.

[Erklärung]  
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