"Dann kommt ein Gorleben II"

BildNeustart für den Neustart der Suche nach einem Atom-Endlager: Am heutigen Mittwoch bringen CDU, SPD und Grüne eine Novelle für das entsprechende Gesetz in den Bundestag ein. Dass Gorleben weiter auf der "weißen Landkarte" ist, ärgert den Sprecher der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Wolfgang Ehmke.

klimaretter.info: Herr Ehmke, vor 40 Jahren begann der Streit um Gorleben, als der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht den Standort für einen atomaren "Entsorgungspark" bekanntgab. Sie sind seither im Widerstand. Ermüdet Sie der Kampf nicht allmählich?

Wolfgang Ehmke: Nein, ganz im Gegenteil. Er kann uns auch gar nicht ermüden. Weil es jetzt die Chance gibt, diese historische Fehlentscheidung durch bessere Regeln für die Endlagersuche zu korrigieren.

Am heutigen Mittwoch behandelt der Bundestag die Novelle des Endlager-Suchgesetzes. Sind sie zufrieden mit den Änderungen?

In zwei Punkten überhaupt nicht. Erstens: Die geologischen Kriterien für die Auswahl der Standorte sind zu schwach. So ist kein dichtes Deckgebirge vorgeschrieben, das das Endlager von der Biosphäre abschirmt. Damit ist der Standort Gorleben, wo das Gebirge zerklüftet ist, wieder dabei.

Zweitens: Die Rechte der betroffenen Bürger in einer Region und der Experten im nationalen Begleitgremium für die Endlagersuche reichen nicht aus, um nötigenfalls Korrekturen im Gesetz zu erreichen. Es wird, wie gehabt, von oben nach unten durchregiert. Das muss geändert werden. Ein solches Großprojekt kann man nicht gegen die Bevölkerung durchsetzen.

Immerhin wird nun bundesweit gesucht, auch in Bayern und Sachsen. Die Landesregierungen in München und Dresden hatten sich dagegen gesperrt ...

Das ist ein Erfolg für Bundesumweltministerin Hendricks. Allerdings werden Bayern und Sachsen weiter auf die Gelegenheit warten, ihre Standorte von der Landkarte zu nehmen. Ich glaube, Hendricks unterschätzt den Länder-Egoismus.

Für Gorleben soll die sogenannte Veränderungssperre aufgehoben werden, die den Standort besonders sicherte und gegenüber anderen möglichen Standorten heraushob. Ein gutes Zeichen?

Wir begrüßen das. Aber man darf sich nicht täuschen. Das bedeutet nicht, das man sich von Gorleben verabschiedet. In Gorleben sind Fakten geschaffen worden, zum Beispiel mit einem Bergwerk, das über 1,8 Milliarden Euro gekostet hat. Wenn am Ende nur ein weiterer Standort vergleichend zu Gorleben erkundet wird, sind wie an demselben Punkt wie 1983, als die Physikalisch-Technische Bundesanstalt das bereits einmal vorgeschlagen hat. Es wurden 35 Jahre verloren.

BildGorleben bleibt im Topf unter den möglichen Endlagerstätten. (Foto: Grüne NRW/​Wikimedia Commons)

Glauben Sie, dass die neue Endlagersuche tatsächlich eine Lösung für das Problem bringen wird? Oder droht ein "Gorleben II" an einem andern Ort?

Mit Protest muss man immer rechnen. Aber es kommt darauf an, ob die betroffenen Bürger ein echtes Mitspracherecht haben und ob es ausreichende Klagemöglichkeiten gibt. Wird das Gesetz nicht entsprechend geändert, läuft es auf ein Gorleben II hinaus.

In der Vergangenheit wurde immer wieder über Alternativen zu der auch jetzt wieder geplanten Endlagerung in tiefen geologischen Schichten diskutiert. Export nach Russland, technische Umwandlung des Spaltmaterials ...

Ein Export kommt nicht in Frage; wir dürfen das Problem nicht anderen zuschieben. Die Fixierung auf die geologischen Schichten Salz, Ton und Granit ist allerdings falsch. Man sollte durchaus andere Lösungen erwägen. Interessant könnte zum Beispiel die Lagerung in sehr tiefen Bohrlöchern sein, wie es in den USA untersucht wird. Das Atommaterial würde dann 3.000 bis 5.000 Meter unter der Erdoberfläche eingebracht, nicht nur 600 bis 800 Meter wie etwa in Salzstöcken.

Interview: Joachim Wille

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