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Revolte gegen Trump

Seit zehn Tagen ist Donald Trump im Amt. Von seinem Versprechen, er wolle der Präsident aller Amerikaner sein, ist keine Rede mehr. Mit einer Flut von Dekreten und Erlassen sorgt der neue US-Präsident täglich für Chaos, Empörung, Verunsicherung. Zugleich wächst die Protestbewegung gegen ihn – auch unter Wissenschaftlern.

Von Verena Kern

Das hat es noch nicht gegeben. Vor anderthalb Wochen kam Donald Trump ins Amt als der unbeliebteste Präsident seit langer Zeit. Seitdem bricht er jeden Tag sein Versprechen aus der Wahlnacht vom 8. November, er wolle der Präsident aller US-Amerikaner sein. Mit einer beispiellosen Flut an Erlassen und Dekreten regiert Trump an den gewählten Abgeordneten vorbei. Mit schroffen Polarisierungen sorgt er für Eklats und Chaos, als wäre er auf einer Mission, der sich niemand in den Weg stellen darf.

BildAm 21. Januar, einen Tag nach Trumps Amtseinführung, demonstrieren 500.000 Frauen und Männer beim "Women's March on Washington". (Foto: Mobilus in Mobili/​Flickr)

Doch der Widerstand gegen Trump wächst. Schon einen Tag nach seiner Amtseinführung demonstrierten beim "Women's March" in der US-Hauptstadt Washington eine halbe Million Männer und Frauen gegen den neuen Präsidenten. Eine Initiative für ein Amtsenthebungsverfahren sammelt seit Wochen Unterschriften. Als Reaktion auf das Einreiseverbot für Bürger aus sieben überwiegend muslimischen Ländern gibt es täglich Demonstrationen im ganzen Land. Ex-Präsident Obama äußerte – entgegen den üblichen Gepflogenheiten – öffentlich Kritik an seinem Nachfolger.

Auch viele Unternehmen gehen inzwischen auf Distanz zu Trump, darunter Schwergewichte wie Google, Coca-Cola und Goldman Sachs, der Finanzkonzern, für den vier Trump-Minister früher tätig waren. Selbst Mitglieder der Regierungsmannschaft äußern sich kritisch, etwa Außenminister Rex Tillerson, Pentagon-Chef James Mattis und Heimatschutzminister John Kelly. Einige Medien sprechen schon von einer beginnenden "offenen Revolte" gegen Trump.

Ungewöhnlich ist dabei auch, dass Hunderte von Wissenschaftlern ganz vorn mit dabei sind bei der wachsenden Protestbewegung. Nach dem Vorbild des "Women's March" planen sie einen "Science March on Washington" – zur Verteidigung der Wissenschaft. Innerhalb weniger Tage hatte ihr neu eingerichteter Twitter-Account ScienceMarchDC rund 300.000 Follower. In Dutzenden US-Städten haben sich nun Gruppen gebildet, um ebenfalls Protestmärsche zu organisieren. Auch in Deutschland gibt es seit dieser Woche einen Ableger.

"Eine Gefahr für die ganze Welt"

Hintergrund ist die Sorge vieler Wissenschaftler über den Umgang der Trump-Administration mit all dem, was Wissenschaft ausmacht und für demokratische Gesellschaften fundamental ist: Fakten, Empirie, überprüfbare Ergebnisse. Schon im Dezember hatten Forscher damit begonnen, ihre Daten in Sicherheit zu bringen, als die Ankündigung kursierte, der Wetterbehörde NOAA und der Nasa solle jegliche Klimaforschung verboten werden.

Trump-Mitarbeiter scheuen sich nicht, unliebsame Tatsachen durch "alternative Fakten" zu ersetzen. Kaum im Amt löschte die neue Regierung die Klimaseite auf der Hompepage des Weißen Hauses. Stattdessen ist dort nun Trumps "America First Energy Plan" zu lesen, der einseitig auf fossile Energien setzt und von Experten als politisch weltfremd, ökonomisch widersinnig und ökologisch gefährlich eingestuft wird. Die Umweltbehörde EPA soll all ihre Studien, auch die schon veröffentlichten, von einem Trump-Mann prüfen lassen.

Üblicherweise mischen sich Wissenschaftler nicht in die Politik ein, schon gar nicht warnen sie vor einem amtierenden Präsidenten. Bei Trump ist das anders. In ihrem Aufruf für einen "March for Science" werden die Wissenschaftler deutlich. "Politiker", schreiben sie, "die weder Tatsachen noch Sachverstand anerkennen, gehen das Risiko ein, dass sie realitätsfremde Entscheidungen treffen." Und: "Eine US-Regierung, die die Wissenschaften ignoriert, um ihre ideologische Agenda durchzuziehen, ist eine Gefahr für die ganze Welt."

BildDer erhobene Zeigefinger gehört zu Trumps Lieblingsgesten. (Foto: IoSonoUnaFotoCamera/​Flickr)

Bislang halten sich die Berufsverbände der Wissenschaftler zurück, so wie es ihrem traditionellen Selbstverständnis entspricht. Mit einer Ausnahme. Die Union der Amerikanischen Geophysiker veröffentlichte wenige Tage nach Trumps Amtsantritt einen offenen Brief. Darin ruft sie zum Widerstand gegen jede Politik auf, die die Integrität der Wissenschaft bedroht.

[Erklärung]  
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