Harvards halbes Divestment

Die US-Eliteuni Harvard will nicht mehr in die Kohlewirtschaft investieren. Das hat zwar vor allem ökonomische Gründe, dennoch verbuchen es die Studierenden, die sich seit Jahren für das "Divestment" einsetzen, als Erfolg. In den USA, wo die großen Privatunis Milliarden verwalten, spielen Hochschulen beim Fossilausstieg eine große Rolle. 

Von Susanne Schwarz

Wäre die Divestment-Debatte an der Harvard-Uni ein Liebesfilm, so wäre es einer von der weniger romantischen Sorte: Nach ewigen Strapazen bleibt das Paar am Ende trotz anhaltender Differenzen aus pragmatischen Gründen zusammen, vielleicht wegen der gemeinsamen Schulden oder aus Bequemlichkeit.

BildEngagiert sich für die studentische Divestment-Bewegung: Noam Chomsky, bekanntester linker US-Intellektueller. (Foto: Andrew Rusk/Flickr)

Harvard "pausiere" gerade bei den Investitionen in "Mineralien, Öl und Gas", sagte Colin Butterfield von der Harvard Management Company, die das Vermögen der US-Eliteuniversität in Höhe von 36 Milliarden US-Dollar verwaltet, auf einem Diskussionsforum, über das die Studierendenzeitung Harvard Crimson berichtet. Bereits im Oktober hatten andere Vertreter des Unternehmens gemeldet, die renommierte Uni investiere zurzeit nicht in Kohle.

Bei der Gruppe "Divest Harvard" herrscht nun Jubel. Die Studierenden und auch Lehrenden setzen sich seit Jahren für das Divestment des Harvard-Vermögens aus der fossilen Wirtschaft ein, sie protestieren, gehen vor Gericht, organisieren Besetzungen. Als "große Neuigkeit" feiert "Divest Harvard" Butterfields Mitteilung.

Das sei noch "fast eine Untertreibung", meint Bill McKibben, Gründer der Klimaschutzorganisation 350.org, die die Divestment-Bewegung angestoßen hat. "Das passiert nach fast sechs Jahren, in denen Studierende, Lehrende und Alumni konstant Druck gemacht haben", so der Umweltschützer.

Harvard sagt niemals nie

Doch weder die Proteste noch die drohende Klimakrise gaben offenbar den Ausschlag für das "Pausieren". Die fossilen Energien sind derzeit schlicht nicht profitabel, das sagte auch Butterfield selbst. Den Begriff Divestment nahm er nicht in den Mund, verbindliche Zusagen machte er auch nicht. "Ich kann ehrlich sagen, dass ich bezweifle, dass wir je wieder in die fossile Branche investieren", sagte der Harvard-Manager. Aber: "Ich kann nicht 'nie' sagen, denn man soll niemals 'nie' sagen."

Universitäten spielen eine wichtige Rolle beim Divestment. Weltweit sind den Öl-, Kohle- und Gaskonzernen durch Divestment schon fünfeinhalb Billionen US-Dollar entgangen. Am stärksten haben sich daran religiöse Gruppen beteiligt, sie stellen ein Viertel der über 700 Institutionen, die ihr Geld bisher aus fossilen Anlagen zurückgezogen haben. 15 Prozent sind Bildungseinrichtungen. Halbe Bekenntnisse wie das von Harvard zählen in die Rechnung nicht hinein.

Dass die Divestment-Bewegung gerade an den Universitäten floriert, kommt nicht von ungefähr. "Die Unis müssen hier die Führung übernehmen, denn durch sie wissen wir vom Klimawandel", schrieb der Gründer der US-Umweltorganisation 350.org, Bill McKibben, schon 2012 in einem berühmt gewordenen Gastbeitrag in der Musikzeitschrift Rolling Stone, der eine regelrechte Gründungswelle mit vielen neuen Uni-Divestment-Gruppen nach sich zog. Besonders in den USA, wo es viele milliardenschwere Privatunis gibt, lohnt sich das Engagement.

Bislang bringt Divestment den Fossilen nicht den Ruin

Es heißt aber genau hinzuschauen, wenn jemand Divestment verspricht. Die kalifornische Uni Stanford mit einem Vermögen von 22 Milliarden US-Dollar zum Beispiel hat sich 2014 nur von der Kohle verabschiedet, nicht jedoch von Öl und Gas. Genau das fordern aber die Studierenden von "Fossil Free Stanford", dem Pendant zu "Divest Harvard". Sprecherin Courtney Pal: "Der Klimawandel hat nicht aufgehört – unsere Bewegung also auch nicht."

Bisher stoßen die Studierenden mit ihrer Forderung auf Granit. "Wir sind davon überzeugt, dass langfristig nur ein niedriger Verbrauch von fossilen Treibstoffen gegen den Klimawandel helfen kann", schrieb das Kuratorium der Hochschule im Frühjahr in einem offenen Brief an die Fossil-Free-Aktivisten. "Weil das aber noch dauern wird und Öl und Gas noch zu stark mit unserer Wirtschaft verflochten sind, glauben die Kuratoren nicht, dass Divestment in diesem Fall sinnvoll ist."

Es ist eine beliebte Argumentation: Noch ist es nicht so weit, dass die Finanzlücke, die durch ein bisschen Divestment entsteht, durch neue Investments ausgeglichen würde.

BildDie Widener-Bibliothek der Harvard Universität. (Foto: Joseph Williams/​Wikimedia Commons)

Das sieht auch einer der prominenteren Unterstützer der Divestment-Bewegung so, der US-amerikanische Linguist Noam Chomsky. Warum das Unterfangen sich dennoch lohnt und besonders in der Hochschullandschaft wichtig ist, erläuterte er in einer Rede vor der Divestment-Gruppe an "seiner" Uni, dem Massachusetts Institute of Technology (MIT). "Beim Divestment geht es nicht nur darum, Exxon Mobil zu ärgern", so der berühmte Sprachwissenschaftler. "Wenn große Institutionen wie das MIT, das den guten Ruf eines intellektuellen Weltzentrums genießt, ihr Geld aus klimaschädlichen Anlagen zurückziehen, weckt das Aufmerksamkeit für den Klimaschutz."

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