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"Degrowth ist nicht mehr nur Theorie"

BildHeute beginnt die Degrowth-Sommerschule im Rheinland. Über 300 Wachstumskritiker wollen fünf Tage lang diskutieren, wie gerechte und ökologische Alternativen zum heutigen Wirtschaftssystem aussehen können. Mitorganisator Christopher Laumanns erklärt, welche Fähigkeiten für den Systemwandel nötig sind.

Laumanns arbeitet für das Konzeptwerk Neue Ökonomie, das die Veranstaltung mitorganisiert. Der 32-Jährige beschäftigt sich vor allem mit Klimagerechtigkeit. Gerade hilft er die Zelte der Sommerschule aufzubauen. Sie findet auf dem Klimacamp im Rheinland statt, das noch bis zum 26. August dauert. Rund tausend Klimaaktivisten wollen dort gegen die Braunkohleverstromung protestieren.

klimaretter.info: Dieses Jahr steht die Degrowth-Sommerschule unter dem Motto "Skills for System Change". Welche Fähigkeiten sind denn nötig, um das Wirtschaftssystem zu ändern?

Christopher Laumanns: Einerseits sind das ganz praktische, handwerkliche Fähigkeiten. Man kann auf der Summerschool zum Beispiel lernen, wie man aus Holz ein Gestell für ein Warmwasser-Solarsystem baut. Oder wie man einen urbanen Garten anlegt. Andererseits geht es um Organisatorisches: Wie entwickle ich eine politische Kampagne?

Wir werden uns auch mit uns selbst beschäftigen und uns fragen, wie wir das Konkurrenz- und Wachstumsdenken aus unseren Köpfen kriegen.Wir wollen lernen, wie wir anders miteinander umgehen können, zum Beispiel im Kurs zu gewaltfreier Kommunikation, und uns auch theorethisch mit dem Wirtschaftssystem beschäftigen.

Die Sommerschule ist zum zweiten Mal auf dem Klimacamp zu Gast. Können Klimaaktivisten und Wachstumskritiker voneinander profitieren?

Die Degrowth-Bewegung hat einen stärkeren Fokus auf die Analyse des Wirtschaftssystems und arbeitet stärker an der Entwicklung von Alternativen. Wir glauben, dass Klimagerechtigkeit nicht ohne Degrowth im globalen Norden erreichbar ist. Um 90 Prozent CO2-Reduktion bis 2050 zu schaffen, muss man auch ans Wirtschaftswachstum ran.

BildIm vergangenen Jahr gab es zum ersten Mal eine wachstumskritische Sommerschule auf dem Klimacamp. Für die Aktivisten gehören Energiewende und Wirtschaftswende zusammen. (Foto: Heather Buckley/Degrowth-Sommerschule)

Andererseits bringt die Klimabewegung mehr Sensibilität für globale Gerechtigkeit und mehr aktivistische Erfahrung mit. Und ein aktuelles gesellschaftliches Konfliktfeld: den Widerstand gegen die Braunkohle.

Im Mai haben Aktivisten des Bündnisses Ende Gelände Braunkohletagebaue besetzt und Kraftwerke blockiert. Haben sich dadurch Eure Debatten verändert?

Ende Gelände hat dazu geführt, dass der Widerstand sichtbarer wurde, viele neue Menschen haben sich uns angeschlossen. Auf dem Klimacamp gibt es dieses Jahr noch mehr Freiräume, damit die Leute ihre eigenen Ideen verwirklichen können. Wir haben viel Open Space im Programm.

Nach Ende der Sommerschule gibt es außerdem im Aktionslabor die Möglichkeit, eigene Aktionen durchzuführen – es wird viele verschiedene kleinere Aktionen geben, nicht eine große wie bei Ende Gelände.

Welche Konzepte habt Ihr für Menschen, die durch den Kohleausstieg ihren Arbeitsplatz verlieren werden?

An unserem Thementag "Brücken bauen" geht es genau darum: Wie können wir so aus der Kohle aussteigen, dass der Übergang für die Beschäftigten möglichst wenig Verluste bringt? Mit diesem Thema beschäftigen sich die großen Energiekonzerne gar nicht – damit lassen sie ihre Beschäftigten im Stich.

Wie bringt Ihr den Betroffenen vor Ort das Konzept der Klimagerechtigkeit nahe? Wer seinen Job verliert, findet das ja sicher auch ungerecht.

Im Gespräch mit den Menschen in der Region geht es erst einmal darum, zuzuhören. Wer hier wohnt und arbeitet, weiß aber unabhängig vom Konzept der Klimagerechtigkeit, dass Braunkohle ein Problem ist. Viele sind zwangsumgesiedelt worden. Die Landwirte haben zu wenig Wasser, weil das Grundwasser abgepumpt wird. Es kommt Quecksilber aus den Schloten, und dazu hat man hier die ständige Feinstaub- und Lärmbelastung.

Trotzdem muss man natürlich darüber reden, dass Braunkohle der klimaschädlichste Energieträger überhaupt auf der Welt ist und dass Deutschland Produzent Nummer eins ist.

Geht es bei Degrowth nur um trockene Theorie oder wird auch mal eine Straße blockiert?

Die Ursprünge von Degrowth liegen in der sehr abstrakten Überlegung, dass die globale Wirtschaft ihren Impact verringern muss.

2014 sind in Deutschland sehr verschiedene Leute unter diesem Label zusammengekommen. Viele davon hatten schon praktisch angefangen, ökonomische Alternativen auszuprobieren – zum Beispiel eine solidarische Landwirtschaft zu gründen oder Initiativen für Geflüchtete.

BildEin paar Zelte stehen schon: Am Wochenende werden beim Klimacamp im Rheinland mehrere hundert Aktivisten erwartet. (Foto: Ulrich Wevers/Klimacamp im Rheinland/Flickr; Porträtfoto: Konzeptwerk Neue Ökonomie)

Degrowth hat also sowohl als Label für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Wachstumskritik gedient als auch dazu, Menschen, die praktisch-politisch tätig sind, zusammenzubringen. Durch den Zusammenschluss mit der Klimabewegung ist Degrowth noch aktivistischer geworden.

Ersetzt Degrowth die globalisierungskritische Bewegung? 

Nein. Die Globalisierungskritiker waren viel stärker global vernetzt und haben sich auf den Welthandel bezogen. Degrowth versucht, im globalen Norden Alternativen aufzubauen und die Probleme vor der eigenen Haustür zu klären, statt einen alternativen Welthandel zu konzipieren. Deshalb sind es unterschiedliche Bewegungen, die sich ergänzen.

Der Degrowth-Kongress 2014 in Leipzig war sehr erfolgreich. Anfang September findet ein weiterer in in Budapest statt. Ist Degrowth auf dem Weg zur globalen Bewegung?

Vor Leipzig hat der Kongress auch schon in Barcelona, Paris und Venedig stattgefunden. Der Kongress rückt also zum ersten Mal weiter nach Osten als Leipzig. Das ist besonders spannend, weil postsozialistische Staaten teilweise stark von Schrumpfung betroffen sind. Dadurch sind ganz andere Debatten möglich. Die Konferenz ist aber bewusst kleiner gehalten als in Leipzig – die Organisatoren wollen zurück zu einem wissenschaftlichen Fokus.

Interview: Friederike Meier

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