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"Verklagen ist die effektivste Protestform"

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Bagger besetzen oder zu Ökostrom wechseln – herkömmliche Aktionen reichen nicht aus, um den Klimawandel zu stoppen. Stattdessen sollte man die Verursacher und ihre Unterstützer verklagen, meint der 19-jährige Alex Loznak. Er ist mit anderen Jugendlichen gegen mehrere US-Bundesstaaten vor Gericht gezogen und bekam Recht. Ein Erfolgsrezept, das die Organisation Our Children's Trust nun auch in Europa ausprobieren will. 

Alex Loznak studiert an der Columbia University in New York und ist an mehreren Klagen für mehr Klimaschutz beteiligt. Our Children's Trust und seine Anwälte sowie Klimaforscher wie James Hansen unterstützen die Teenager.

klimaretter.info: Alex, erst Washington, dann Massachusetts: Du hast zusammen mit deinen Kollegen gegen die Regierungen von Bundesstaaten prozessiert und zweimal hintereinander gewonnen. Macht dich der Erfolg stolz?

Alex Loznak: Wir freuen uns über die Urteile, weil wir nun wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es waren wirklich unglaubliche Erfolge, und das gleich zweimal hintereinander. In Washington haben wir die Regierung des Bundesstaats mit der Klage gezwungen, die Emissionen bis 2050 um mindestens 50 Prozent zu reduzieren. Bis zum Ende dieses Jahres muss die Regierung reagieren und neue Gesetze vorlegen. In Massachusetts muss die Politik nun jährliche Emissionsgrenzen einführen und Regulierungen beschließen, um Treibhausgase zu begrenzen.

Massachusetts hat 2007 selbst die US-Umweltbehörde EPA darauf verklagt, Kohlendioxid als Schadstoff anzuerkennen – was am Ende die Grundlage für die Ausweitung des Clean Air Act und für die Klimapolitik der Obama-Regierung wurde. Was ist passiert, dass ihr diesen einst so fortschrittlichen Staat verklagen musstet?

2008 wurde in Massachusetts ein sehr anspruchsvoller Klimaschutzplan verabschiedet. Den gibt es bis heute – aber leider wurde er einfach nicht befolgt. Das wird sich nun ändern.

Dabei geht es ja um knallharte Interessenkonflikte mit der fossilen Energielobby. Mit welchen Widerständen habt ihr bei den Prozessen zu kämpfen?

Ein gutes Beispiel ist der Prozess in meinem Heimatstaat Oregon. Dort haben wir für mehr Klimaschutz geklagt und die Lobby der fossilen Energiebranche hat alles versucht, den Richter zu überzeugen, unsere Klage abzuweisen. Das hat aber nicht geklappt. Der Prozess geht jetzt erst richtig los. Der Richter hat das damit begründet, dass wir gewichtige Argumente vorbringen und dass unser Anliegen von der Verfassung gedeckt ist und geschützt werden muss. Das war eine historische Entscheidung.

Führen solche Gerichtsentscheidungen wirklich zu mehr Klimaschutz?

Ich glaube, dass die rechtlichen Verfahren der einzig realistische Weg sind, wie wir schnell und effizient CO2-Emissionen reduzieren können. Nur so können wir die Politik dazu zwingen, auf die Wissenschaft zu hören. Unsere Gouverneure und Abgeordneten nehmen das Problem des Klimawandels nicht ernst genug. Sie tun einfach zu wenig.

In manchen Fällen tun sie sogar das genaue Gegenteil und fangen wieder an, fossile Energien zu fördern. In Oregon haben Politiker eine Pipeline genehmigt, über die Fracking-Gas in andere Länder exportiert werden soll. Solange solche Entscheidungen gefällt werden, hilft nur ein Gerichtsurteil. Anders sind diese Lobbygruppen nicht zu stoppen.

Ist es wichtig, dass gerade junge Leute prozessieren?

Ja, weil unsere Rechte als junge Generation heute mit Füßen getreten werden. Wenn Politiker den Klimawandel nicht ernst nehmen, dann gefährden sie unsere zukünftigen Lebensgrundlagen. Indem sie weiter auf fossile Energien setzen, schränken sie auf längere Sicht unsere Grundrechte ein.

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Keineswegs eine kindische Idee: Regierungen zu verklagen ist ein außergewöhnliches Hobby für einen Teenager. (Foto: Dominique Garcin-Geoffroy/Flickr)

Es geht hier nicht nur um einen moralischen Appell der Jugend, sondern darum, dass wir von den Folgen betroffen sein werden. Die ältere Generation wird davon nichts mehr mitbekommen. Deshalb verstehen wir den Einsatz von fossilen Energien als direkten Angriff auf unsere vom Staat garantierten Rechte.

Wie kommt man dazu, mit 19 Jahren seine Regierung zu verklagen?

Ich habe lange gegen das Pipelineprojekt in Oregon gekämpft. Mit neun Jahren habe ich den Film "Eine unbequeme Wahrheit" von Al Gore gesehen. Bis ich zwölf war, hat mich meine Mutter an das Thema herangeführt – sie hat mir viel beigebracht. Danach habe ich selbst angefangen, wissenschaftliche Bücher von James Hansen und anderen Klimaforschern zu lesen. Da habe ich verstanden, dass wir nicht viel Zeit haben und dieses Problem wirklich dringend ist.

Ist es nicht schwierig – gerade auch für deine jüngeren Kollegen – die rechtlichen Prozedere zu verstehen?

Ja, ich habe viel gelernt. Es war sehr viel Arbeit, die ganzen Dokumente zu lesen und die Argumentationen nachzuvollziehen. Ich verstehe jetzt viel besser, wie Politik und Justiz funktionieren und welche Rolle die Wissenschaft dabei spielt. Denn unsere Klagen haben immer eine wissenschaftliche Begründung, die dann rechtlich ausgelegt werden muss.

Was sagen deine Freunde denn zu deinem Engagement?

Ich glaube, sie sind ein bisschen neidisch. Aber eigentlich finden Sie das schon ziemlich cool.

Interview: Susanne Götze

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