"Wo es schön ist, da geht der Mensch hin"

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Morgen, am 17. März, kommt der Film "Power to Change – Die Energierebellion" in die Kinos. Er erzählt die Geschichte von 15 Menschen, die ganz unterschiedliche Rollen in der Energiewende einnehmen. Zu Wort kommen Wissenschaftler, Bundestagsabgeordnete, Aktivisten und Unternehmer.

Regisseur Carl-A. Fechner ist vor allem für den Kino-Dokumentarfilm "Die 4. Revolution – Energy Autonomy" bekannt, der seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2010 von weltweit etwa sieben Millionen Menschen gesehen wurde. Er spricht über die Bedeutung erneuerbarer Energien für den Frieden, seine ästhetische Bildsprache und die Lethargie der Menschen. Fechner ist glühender Verfechter der Energiewende. Der 63-jährige wohnt selbst in einem Passivhaus und fährt ein Elektroauto, das von seiner Solaranlage mit Strom versorgt wird.

klimaretter.info: Herr Fechner, worum geht es in Ihrer Dokumentation "Power to Change – Die Energierebellion"?

Carl-A. Fechner: "Power to Change" ist die Geschichte von Menschen, die sich für eine radikale, aber auch sanfte Revolution in diesem Land engagieren – und zwar eine, die das Ziel hat, eine hundertprozentige Umstellung auf erneuerbare Energien in einem dezentralen System zu erreichen, und das in 15 bis 20 Jahren. Der Film zeigt Schicksale ziemlich ungewöhnlicher, aber doch wieder ganz normaler Menschen.

Da ist zum Beispiel die Geschichte eines iranischen Flüchtlingskindes, das sich hocharbeitet und schließlich Chef eines Solarunternehmens wird. Oder die Geschichte eines Langzeitarbeitslosen, der für die Caritas als Stromsparhelfer in Berlin unterwegs ist.

Inwieweit ist "Power to Change" eine Fortsetzung zu Ihrem letzten Dokumentarfilm "Die 4. Revolution"?

"Die 4. Revolution" ist eine Tour um die Welt, bei der man eine Vorstellung davon bekommt, wie die Energiewende weltweit funktionieren könnte. "Power to Change" ist in gewissem Sinne eine Fortsetzung. Seit 2010 ist vor allem in Deutschland bei der Energiewende ein Rollback eingetreten, wie ihn Hermann Scheer vorhergesehen hatte: Der Widerstand der Kohle- und Atomkraftwerksbetreiber ist zunehmend erfolgreich. Mit "Power to Change" gehen wir darum jetzt in die Tiefe und zeigen eine große Bandbreite im Engagement für die Energierevolution.

BildHans-Josef Fell, Mitautor des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, auf dem Maidan in Kiew: "Um Sonnenenergie muss man keine Kriege führen." (Foto: Change Filmverleih)

Zugleich hat "Power to Change" ein Metathema: Krieg und Frieden. Viel zu wenig wird wahrgenommen, welche Rolle die fossilen Energien und die Energiesysteme für kriegerische Auseinandersetzungen spielen. Unser Film zeigt deshalb die Bedeutung erneuerbarer Energien für Frieden, so wie bei "Die 4. Revolution" die Bedeutung erneuerbarer Energien für Gerechtigkeit gezeigt wurde. Und es gibt eine Kontinuität dahingehend, dass wir die visuelle Gestaltung noch weiter ausgefeilt haben – weiter kann man es in einem Dokumentarfilm wohl nicht mehr treiben.

Inwiefern?

Wir drehten mit einer achtköpfigen Spielfilmcrew mit hohem technischem Aufwand und ließen die Musik vom Prager Symphonieorchester aufnehmen – Sie erkennen den Film nicht mehr als Dokumentarfilm, denn er sieht genauso aus wie ein Spielfilm. Das haben wir gemacht, weil wir glauben, dass das Thema es rechtfertigt und dessen auch bedarf.

In Ihrem Dokumentarfilm ist eine gewisse Ästhetisierung der Bilder, beispielsweise mit intensiven und warmen Farben, zu erkennen – wie sehen Sie dieses Stilmittel in Bezug auf die "Message" des Films?

Wenn die Bildgestaltung die Assoziationen schön, warm, sonnig, angenehm oder gar emotional weckt, dann haben wir das erreicht, was wir wollten. Zunächst soll der Zuschauer ein gutes Gefühl kriegen. Und dann soll er sehr gut informiert sein – journalistisch ist der Film bis ins letzte durchgecheckt, denn Sie machen sich mit einem solchem Film nicht nur Freunde. Viele warten nur darauf sagen zu können, dass diese oder jene Sache falsch ist. Wir wollen das Herz ansprechen und den Verstand – aber zuerst das Herz. Und das erreichen wir durch schöne Bilder. Denn wo es schön ist, da gehen die Menschen hin.

Läuft man dann nicht Gefahr, der Schönfärberei beschuldigt zu werden?

Ich wüsste nicht, warum die Glaubwürdigkeit der Protagonisten oder des Filmes darunter leiden sollte, wenn ich mir Mühe mache, sie gut in Szene zu setzen. Entscheidend ist, dass man die Protagonisten authentisch zu Wort kommen lässt. Ihnen textlich irgendetwas vorzuschreiben ist gegen mein Selbstverständnis.

Vor diesem Hintergrund finde ich es eine berechtigte und auch notwendige Herausforderung, einen Film so zu gestalten, dass auch Hunderttausende Menschen ins Kino gehen. Es hat mich gereizt, die Grenze des Dokumentarfilms zu überwinden und die Genres Spielfilm und Dokumentation zu vermischen. Wir wollen die Menschen unterhalten und erreichen, dass sie ein Stück weit glücklich aus dem Kino herausgehen.

Woher haben Sie den inneren Antrieb, Umweltdokumentationen zu drehen?

Ich bin ein Kind der Siebziger Jahre, habe Pädagogik und Psychologie studiert. Das Thema Krieg und Frieden hatte schon immer eine sehr starke Bedeutung für mich. So richtig klar wurde es am 10. August 1983, als meine Tochter geboren wurde. Damals habe ich die unmittelbare atomare Bedrohung durch den Kalten Krieg förmlich physisch gespürt. Aus dem Irakkrieg habe ich dann berichtet. Ich war in Bagdad und kurz vor Kuwait. Daraus folgten dann eine Menge weiterer Aktivitäten.

BildAxel Uhl, Professor für Wirtschaftsinformatik und Mitarbeiter des IT-Konzerns SAP, der seine gesamte Energieversorgung auf erneuerbare Energien umgestellt hat. (Foto: Change Filmverleih)

Später war meine Grundidee dann, Lösungen statt Probleme zu zeigen. Die Menschen wissen viel über die Dramen und Katastrophen. Wenn man sie fragt, was man denn dagegen machen kann, kommt die Ratlosigkeit. Anfang der Neunziger Jahre entschied ich mich, derjenige zu sein, der die Chancen und Visionen darstellt – und die Menschen, die dahinter sind.

Haben Sie Erfahrungen mit Vertretern der fossilen Energiewirtschaft gemacht – wie reagieren die auf Ihr filmisches Engagement für erneuerbare Energien?

Vielfältig. Die fossile Seite mag uns nicht. Allerdings wurden wir von BASF letztes Jahr zum 150-jährigen Bestehen des Konzerns eingeladen und dort wurde "Die 4. Revolution" gezeigt. Das fand ich sehr beeindruckend, jedoch muss man sich natürlich darüber im Klaren sein, dass man unter Umständen auch benutzt wird. Trotzdem haben dort weitere 350 Menschen diesen Film sehen können und sie waren bestimmt überrascht.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Barriere für die Umsetzung der Energiewende?

Die größte Barriere ist die Lethargie der Menschen. Dieses "zur Seite schauen", dieses "eigentlich müsste man, aber ich tu es nicht" – die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass der Widerstand gegen diese Rebellion, diesen Kampf von unten, zunimmt. Wenn sie Marktanteile verlieren, dann kämpfen Unternehmen mit allem, was sie haben, dagegen an. Es geht um die hohe Bedeutung von Geld versus Moral.

Interview: Oliver Grob

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