Wenn Landwirtschaft stinkt

Zwei Tage vor dem Start der Grünen Woche in Berlin beginnt der Prozess gegen einen Kritiker der Agrarmesse. Am Samstag will ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft demonstrieren. Die Politik soll eine Kennzeichnung tierischer Produkte durchsetzen. Davon würde auch der Klimaschutz profitieren.

Aus Berlin Sandra Kirchner

Von heute an steht ein Kritiker der Grünen Woche vor Gericht. Gemeinsam mit der Gruppe "Grüne Woche demaskieren" hatte der Kletteraktivist im vergangenen Jahr ein Transparent mit dem Schriftzug "Fleisch ist immer Mord" am Eingang der Messe Berlin angebracht. Dort findet die Landwirtschaftsschau jedes Jahr statt – so auch ab dem kommenden Freitag.

BildVier Prozent der Milchbauern haben im vergangenen Jahr ihren Hof aufgegeben, weil der Milchpreis zu niedrig ist, um kostendeckend zu wirtschaften. (Foto: Matthias Rietschel)

Der Messebetreiber hatte den Kletterer angezeigt und wirft ihm Hausfriedensbruch vor. Der Aktivist selbst beruft sich auf seine Grundrechte: Die Messe gehöre zu fast 100 Prozent dem Land Berlin und müsse deshalb den Bürgern das Recht auf Versammlungsfreiheit gewähren. "Auch wenn vonseiten der Messe Berlin versucht wird, Kritik mit Strafanzeigen zu ersticken, werden wir auch dieses Jahr die Grüne Woche kritisch begleiten", kündigte der Aktivist trotz des laufenden Verfahrens an.

Auch Umwelt-, Tierschutz- und Entwicklungsorganisationen wollen gemeinsam mit Bauernverbänden den Auftakt der Grünen Woche nutzen, um gegen die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft und aus ihrer Sicht falsche Politikanreize zu demonstrieren. Am gestrigen Dienstag hatten das Aktionsbündnis einen großen Haufen Mist direkt vor dem Bundestag auf die Straße gekippt. Damit will das Bündnis klar machen, was es von der Agrarpolitik der Bundesregierung und der EU hält, und mobilisiert für die sechste Demo unter dem Motto "Wir haben es satt" am kommenden Samstag.

"Kennzeichnung würde Berge versetzen"

Das Bündnis kritisiert, dass große Landwirtschaftsbetriebe immer stärker bäuerliche Strukturen verdrängen. "2015 mussten vier Prozent der Milchbetriebe schließen", sagt Johanna Böse-Hartje, die selbst im niedersächsischen Thedinghausen einen Biohof betreibt und am Samstag bei der Demonstration dabei sein will. Viele Bauern würden sich und ihre Tiere ausbeuten, weil der zu geringe Milchpreis die Kosten nicht decke. Allerdings sei das Höfesterben nicht so offensichtlich, weil Großinvestoren in die Betriebe einsteigen würden.

Aus Sicht der Biobäuerin gäbe es Gegenmittel. Mit einer Kennzeichnungspflicht würden sich etwa Verbraucher eher für Lebensmittel entscheiden, die umwelt- und tiergerecht produziert werden. Eine Anfang der Woche veröffentlichte Forsa-Umfrage hat dafür sogar hohe Zustimmungswerte unter den deutschen Landwirten ergeben. "Der Verbraucher wird sich bewusster, was er so einkauft", sagt Böse-Hartje, die ihre Produkte auch im Direktverkauf anbietet. Der Hofverkauf nimmt nach ihrer Beobachtung zu, auch von weiter weg kämen die Leute, um frische Lebensmittel zu kaufen.

Eine eindeutige Kennzeichnungspflicht für Fleisch- und Milchprodukte könnte auch nach Ansicht des Protest-Bündnisses den Verbrauchern die Orientierung beim Einkauf erleichtern. "Kennzeichnung würde Berge versetzen", sagt Reinhild Benning, Agrarexpertin von der Umweltorganisation Germanwatch, und verweist auf den Eiercode. An der Zahl können die Kunden sehen, unter welchen Bedingungen die Hühner gehalten werden. Mittlerweile meidet die große Mehrheit der Verbraucher in Deutschland Eier aus Käfighaltung. 

"Grünland ist unser Regenwald"

Letztlich würde die Kennzeichnungspflicht auch dem Klimaschutz zugutekommen. Die Milchkühe von Böse-Hartje treiben sich in den Sommermonaten auf den umliegenden Weiden herum, nur zum Melken kommen sie zweimal am Tag zum Kuhstall. "Dieses Grünland ist unser Regenwald", sagt die Milchbäuerin über die Weideplätze ihrer Kühe. Wiesen und Weiden haben einen höheren Humusgehalt als Ackerboden und können mehr Kohlenstoff binden.

BildEin Aktionsbündnis aus Bauern-, Tierschutz-, Umwelt-, Verbraucher- und Entwicklungsorganisationen ruft zur Demo unter dem Motto "Wir haben es satt" am kommenden Samstag in Berlin auf. (Foto: Carla Constanza)

Damit haben Grünlandflächen eine hohe Bedeutung für das Zurückhalten von Treibhausgasen. Noch kommt Deutschland auf eine Fläche von rund fünf Millionen Hektar Grünland, doch seit den 1990er Jahren schrumpft das wertvolle Grünland stetig. Es wird immer häufiger als Ackerboden genutzt oder es fällt brach und verbuscht. Diese Entwicklung wird mit der Industrialisierung der Landwirtschaft noch verstärkt. Auch dagegen wollen die Kritiker bei der Großdemonstration am Samstag ihren Protest kundtun.

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