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Ein Lauf für das Leben

Antje Grothus läuft heute eine Teiletappe von "Run For Your Life", einem Staffellauf für Klimagerechtigkeit nach Paris. Die Ernährungsberaterin und dreifache Mutter will den Blick auf das Rheinische Braunkohlerevier lenken: "Hier", sagt sie, "wird der Klimawandel gemacht."

Aus Dortmund Marcus Meier

Die einen pilgern, die anderen radeln zur COP 21 nach Paris, um ein Zeichen zu setzen für eine ambitionierte Klimapolitik. Antje Grothus joggt lieber durch das Rheinische Braunkohlerevier bei Köln – aus exakt demselben Grund. Heute rennt die 51-Jährige eine vier Kilometer lange Teiletappe von "Run For Your Life", einem Staffellauf durch das nördliche Europa, der sich als "Aufruf zu Klimagerechtigkeit und einer nachhaltigen Zukunft" versteht. Das Ziel des 4.000-Kilometer-Laufs, der im schwedischen Kiruna startete: natürlich Paris.

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Bei der Aktion "Ende Gelände" protestierten im August rund 1.000 Aktivisten im Tagebau Garzweiler gegen die Braunkohlevertromung. (Foto: Ende Gelände/Flickr)

Antje Grothus' Etappe führt westlich des Braunkohletagebaus Garzweiler und östlich des Tagebaus Hambach entlang, vorbei auch am Tagebau Inden und dem Kraftwerk in Weisweiler. RWE-Land. "Ich laufe", sagt Grothus, "durch den ökologisch einzigartigen Hambacher Forst und an wertvollem Ackerland vorbei, beides soll für die Tagebaue der RWE weggebaggert werden."

Schließlich wird sie jenen mystisch aufgeladenen Stein, der den Staffelstab ersetzt, an den nächsten Läufer weitergeben. "Das Revier ist ein Hotspot der Kohlendioxid-Emissionen. Hier wird der Klimawandel gemacht", sagt die Anti-Braunkohle-Aktivistin.

Ein "Leben am Loch"

Seit gut 20 Jahren lebt die dreifache Mutter in der Ortschaft Buir, ist aktiv in der Initiative "Buirer für Buir" und beim "Bündnis gegen Braunkohle". "RWE verschandelt das Klima und wir, die Menschen hier, leiden unter Umsiedlungen, Lärm, Luftverschmutzung und der Machtpolitik von RWE." Ihre Heimat droht als gigantisches Loch zu enden, so groß wie 12.000 Fußballfelder und so tief, dass der Kölner Dom dreimal übereinander Platz darin fände.

Grothus würde dann direkt am Kraterrand leben müssen. Auch gegen das "Leben am Loch", das ihr blüht, wird sie am heutigen Freitag anrennen. "Wir Läuferinnen und Läufer im Rheinischen Revier transportieren mit diesem Stein unsere Wünsche, Hoffnungen und Ängste, aber auch unsere positive Energien, die Kraft unserer Widerständigkeit und den starken Willen, etwas zum Positiven bewegen zu können, zu den Klimaverhandlungen in Paris."

In ihrer 5.000-Seelen-Ortschaft lebt sie Tür an Tür mit RWE-Mitarbeitern und mit vielen Menschen, die resigniert haben. Auch hier schweigt die Mehrheit zum Gebaren des wichtigsten Arbeitgebers und Gewerbesteuerzahlers der Region. RWE scheint vielen übermächtig. "Wir Braunkohlegegner sind Anfeindungen ausgesetzt, aber nicht allein auf weiter Flur, auch wenn RWE seit jeher versucht, den Widerstand klein zu halten", berichtet Grothus.

RWE nicht bereit zum Dialog

Ihre Buirer Bürgerinitiative richtete sich insbesondere gegen die Teilverlegung der Autobahn A4, die dank des Expansionsdrangs von RWE notwendig wurde. "Wir suchten zunächst den Dialog mit RWE, auch wegen des Lärmschutzes. Es hat nichts geholfen", erinnert sich Antje Grothus. Als Baufahrzeuge beschädigt wurden, habe RWE versucht, die Straftaten der Bürgerinitiative in die Schuhe zu schieben. "In der Zeitung war zu lesen, man vermute politisch motivierte Autobahngegner hinter den Anschlägen. Dabei waren das natürlich nicht wir, sondern irgendwelche Frustrierten."

Für Grothus ein Versuch, die Buirer für Buir, die vor allem Kultur- und Informations-Veranstaltungen organisierten, in eine kriminelle Ecke zu drängen. Auch deswegen bleibt sie skeptisch, wenn sie von angeblichen Straftaten jener jungen Ökoanarchisten hört oder liest, die seit 2012 ein Widerstandscamp im Hambacher Forst betreiben. "Es passieren zunehmend viele Dinge, die mich als Bürgerin zum Grübeln bringen", ärgert sie sich.

Und erzählt eine Anekdote. "Neulich haben von RWE angeheuerte Security-Mitarbeiter der Polizei einen Tipp gegeben, dass sie eine Gruppe von Waldbesetzern vorbeiradeln sahen – und die Polizei kassiert die Fahrräder ein und hält die Fahrer über Nacht fest, weil sie keinen Kaufnachweis dabei haben." Aber wer habe schon immer eine Quittung für sein Fahrrad dabei?

"Nicht wir, sondern die Manager gefährden die Arbeitsplätze"

Ihr ehrenamtliches Engagement gegen die Braunkohle bereichere sie, es sei aber auch sehr zeitintensiv und längst ihre eigentliche Berufung, erzählt die Frau mit den blonden Locken. Dabei nutzt Antje Grothus die zeitlichen Freiräume, die ihr als selbstständige Dozentin, Event-Organisatorin und Fachjournalistin für Ernährungsthemen bleiben. "In diesem Jahr haben wir besonders große Aktionen von außen unterstützt", erinnert sie sich. Die große Menschenkette im April, das "Andante an der Kante"-Konzert des Orchesters Lebenslaute, die "Ende Gelände"-Proteste im August, bei denen sie eine Rede hielt.

Und nun "Run for Your Life", der Lauf für das Leben, dessen rheinländische Etappe sie mitorganisiert. "Von Run for Your Life gehen auch spirituelle Impulse aus, die die naturwissenschaftlichen Fakten zum Klimawandel sinnvoll ergänzen", betont Grothus. In der Tat klingt es mehr als dezent esoterisch, wenn die Sami-Aktivistin Jenni Laiti – sie lief die allererste Etappe – dem Staffel-Stein die Worte "Der Herzschlag von Mutter Natur, das bin ich" in den Mund legt.

Eine Aussage, die Antje Grothus pragmatisch interpretiert: Viele Menschen hätten ihre Naturverbundenheit verloren. Auch im Rheinischen Revier. "Wahrscheinlich deswegen nehmen so viele Einheimische auch die Abholzung des Hambacher Forstes klaglos hin". Nein, von den radikalen Waldbesetzern distanziert sich die gebürtige Bochumerin nicht: "Ich habe große Hochachtung vor den Menschen, die ohne jedes technische Gerät Baumhäuser bauen, sich für ein sehr einfaches Leben im Wald entscheiden und mit Waldbesetzungen den Hambacher Forst retten wollen."

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"Run For Your Life – A race against time": Antje Grothus mit Infoplakat vor dem Ortsschild von Buir. Die Ortschaft wird bald direkt an der Tagebaukante liegen. (Foto: Hubert Perschke)

Auch RWE-Arbeiter empfinde sie nicht als Feinde, betont Grothus, die Dogmatismus und erhobene Zeigefinger verabscheut. Die Entscheider bei RWE hingegen hätten die Zeichen der Zeit nicht erkannt und sträubten sich immer noch gegen Veränderungen. Nun wollten sie vom eigenen Fehlverhalten ablenken. "Deswegen schüren sie das schwachsinnige Feindbild vom Öko-Terroristen und Öko-Extremisten. Dabei sind nicht wir es, die die Arbeitsplätze bei RWE gefährden und auch nicht die Waldbesetzer." Es seien, betont Antje Grothus, vielmehr die Manager.

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