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"Bitte keine Flüchtlingskrise wie in Europa"

BildDie Fidschi-Inseln haben ihrem Nachbarn Kiribati Land verkauft, weil das Atoll durch den Meeresspiegelanstieg zu versinken droht. Der Klimaaktivist Krishneil Narayan erklärt, wie sein Land die Umsiedlung von eigenen Landsleuten und die Ansiedlung von Menschen aus Kiribati bewältigen will.

Krishneil Narayan ist Fidschis Jugendvertreter für Klimaschutz, Chef der Jugend-Klimabewegung Project Survival Pacific und Vertreter des Climate Action Network für die Pazifikinseln.

klimaretter.info: Herr Narayan, seit diesem Jahr steht "Klimawandel" auf den Fidschi-Inseln auch im Lehrplan. Kinder sprechen schon heute mehr über die Folgen der Erderwärmung als über Schule oder Fernsehen, sagt Karen Allen, die Unicef-Repräsentantin in 14 pazifischen Ländern. Die Folgen des Klimawandels müssen in Ihrer Heimat schon sehr präsent sein?

Krishneil Narayan: Für uns als kleiner Inselstaat ist der Meeresspiegelanstieg die größte Bedrohung. Über 800 Dörfer auf den Fidschi-Inseln sind durch den Klimawandel beeinträchtigt. 45 davon suchen nach einem neuen Ort, an den sie umziehen können. Eines davon war Vunidogoloa im Norden von Fidschi. Die Felder wurden dort jedesmal mit Salzwasser überflutet, wenn der Meerespegel anstieg. Die Ernten wurden zerstört.

Was ist mit dem Dorf passiert?

Im vergangenen Jahr wurde es umgesiedelt. Aber nicht alle verließen das Dorf – viele der Alten blieben. Sie wollten ihre Häuser nicht verlassen, wo sie ihr Leben lang gewohnt haben, sie wollen ihr kulturelles Erbe nicht aufgeben. Ältere können sich nicht so leicht umstellen wie die Jüngeren. Auf den Fidschiinseln gibt es eine starke Verbindung zu unserem Land. Das spielt eine große Rolle in unserer Kultur, unserer Identität.

Hat sich das neue Dorf einen neuen Namen gegeben?

Nein, das neue Dorf hat den alten Namen mitgenommen. Das alte Dorf wiederum ist nun Niemandsland.

Die Umsiedlung von Vunidogoloa hat geklappt?

Es war ein Erfolg. Und das, obwohl das früher ein Dorf von Bauern und Fischern war, die abhängig vom Meer waren.

Hat Fidschi genug Platz, um sich gegen den Meeresspiegelanstieg zu wappnen?

Wir haben das Glück, dass wir ein vulkanischer Inselstaat mit Gebirge im Inland sind. Die vom  Wasser bedrohten Dörfer können ins Inland umsiedeln. Ganz im Gegensatz zu den Atollen wie Kiribati, den Marshallinseln oder Tuvalu, die oft nicht mehr als zwei Meter hoch sind.

Der Präsident von Kiribati hat im vergangenen Jahr 4.000 Hektar Land auf den Fidschi-Inseln gekauft. Ist schon jemand umgesiedelt?

Kiribati hat Land in der Mitte von einer der beiden Hauptinseln von Fidschi gekauft. Derzeit nutzen die Kiribatier das Land, um Nahrung anzubauen. Denn viele Felder Kiribatis werden regelmäßig mit Salzwasser überschwemmt. Aber sie sehen in den Flächen auch eine Versicherung für die Zukunft. Fidschi ist das einzige Land der Welt, das Kiribati Hilfe und Flächen zur Neuansiedlung angeboten hat. Sie sollen nicht als Flüchtlinge kommen, sondern als Migranten mit Würde, die sich assimilieren. Wir wollen keine Flüchtlingskrise wie in Europa.

Geplant ist also kein neues Kiribati auf den Fidschi-Inseln?

Nein. Die Neuankömmlinge werden ein Teil von Fidschi sein. Aber es tauchen auch rechtliche Fragen auf: Werden sie sich Fidschianer nennen oder können sie sich immer noch das Volk von Kiribati nennen? Um das zu klären, will Fidschi nächstes Jahr eine Kommission einrichten, um die Rechtsfragen der Klimamigration zu bewerten.

Zeitungsberichten zufolge sollen demnächst Zehntausende aus Kiribati auf die Fidschi-Inseln umsiedeln.

Sie werden nicht sofort kommen. Das gilt für das Worst-Case-Szenario. Die Menschen in Kiribati wollen ihre Heimat nicht verlassen. Wenn sie es aber müssen, haben sie Land auf den Fidschi-Inseln, wo sie hinkommen können.

Vor allem die jungen Leute werden die Hauptlast der Klimaerwärmung zu spüren bekommen. Wie ist die Stimmung unter ihnen?

Die jungen Leute sind sehr beunruhigt über ihre Zukunft. Sie sehen schon die Folgen des Klimawandels für ihre Dörfer. Als Direktor von Project Survival Pacific, Fidschis Jugend-Klimabewegung, versuche ich, junge Leute fortzubilden und sie für Politik zu interessieren. Sie sollen ihre Beunruhigung ausdrücken können. Zum Beispiel in einem nationalen Jugendparlament auf den Fidschi-Inseln. Im September wurden junge Leute zudem erstmals in das Pacific Island Development Forum eingeladen, dem 22 Regierungsvertreter von Pazifikstaaten angehören. Es geht um einen gemeinsamen Klimaschutzplan.

Wie unterscheiden sich die Sorgen der Jüngeren auf den Fidschi-Inseln von denen der Älteren?

Die Sichtweise ist ziemlich gleich.

Warum braucht man dann all die Jugendgremien?

Unsere Kultur baut auf dem Wissen und der Weisheit der Älteren auf. Sie treffen traditionell die Entscheidungen. Der Punkt ist: Der Klimawandel geht alle an. Junge Leute sind außerdem aufgeschlossener für Veränderungen. Wir wollen nicht nur die Entscheidungsträger der Zukunft sein, sondern auch die Partner von heute. Es geht darum, gemeinsam eine Langzeitlösung zu finden – und da muss die Jugend natürlich beteiligt sein.

Was gehört für Sie unbedingt zu einer Lösung?

Eines unserer Hauptanliegen, zum Beispiel für den neuen Weltklimavertrag, ist das 1,5-Grad-Ziel. Es wurde schon oft gesagt, aber: Eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Grad sichert unser Überleben nicht. Das Zwei-Grad-Ziel reicht also nicht.

Außerdem ist uns wichtig, dass im Abkommen explizit auf "Loss and Damage" eingegangen wird – also auf den Umgang mit Verlusten und Schäden durch den Klimawandel. Diese Frage darf nicht einfach unter Klimaanpassung im weitesten Sinne abgehandelt werden, denn da gehört sie wirklich nicht hin. "Loss and Damage", das sind die Schäden, die trotz Anpassung jetzt schon auftreten und künftig auftreten werden.

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In guten Zeiten ein Paradies, in schlechten ein Katastrophengebiet: Strand auf einer der Fidschi-Inseln. (Foto: Mairyn Piloto/Frontier/Flickr; Porträtfoto Krishneil Narayan: Benjamin von Brackel)

Es geht hier nicht nur um finanzielle Verluste, sondern auch um unsere Kultur, unsere Heimat, unsere Sprache. Was passiert zum Beispiel mit Kiribati, wenn die Menschen ein Teil von Fidschi werden? Solche Umsiedlungen werden im Pazifikraum in Zukunft oft vorkommen, also sind das wichtige Fragen. Und damit es beim Klimaschutz vorangeht, muss es alle fünf Jahre eine Revision der nationalen Klimaziele geben.

Und wenn diese Punkte am Ende nicht im Paris-Vertrag stehen?

Beim 1,5-Grad-Ziel könnten wir uns vielleicht auf einen Kompromiss einigen. Es könnte zum Beispiel als Option noch neben dem Zwei-Grad-Ziel auftauchen. Aber einem Klimaabkommen, das "Loss and Damage" nicht als seperaten Punkt aufführt, werden die Inselstaaten nicht zustimmen. Das ist ein K.o.-Kriterium!

Sie sagten bereits: Fidschi hat Kiribati als einziges Land Zuflucht angeboten. So viele – viel reichere – Staaten werden nicht tätig. Wie fühlen Sie sich dabei?

Besonders Australien kann ich nicht verstehen. Das wird ja oft als der "Große Bruder" der Pazifikinseln gesehen, aber die Regierung hat in den vergangenen Jahren bei den internationalen Klimaverhandlungen vorne und hinten blockiert, in die Kohleförderung investiert und sogar zwei neue Kohlekraftwerke genehmigt. Dabei hätte das Land sogar ganz eigene Gründe für guten Klimaschutz. Australien will ja ganz offenkundig keine Klimaflüchtlinge, es ist aber für viele Inselbewohner das nächste sichere Land. Wer nicht will, dass die Klimakatastrophe sie alle auf den Weg nach Australien zwingt, sollte seine Emissionen rapide senken!

Und die anderen Industriestaaten?

Vor allem wurmt mich die Frage nach der Verantwortung: Wir haben kaum etwas zum Klimawandel beigetragen, Fidschi verursacht ungefähr 0,003 Prozent der weltweiten Emissionen. Die Industrieländer haben den Klimawandel verursacht, wir leiden darunter. Deshalb sind wir Inselstaaten untereinander auch solidarisch; wir sitzen alle im selben Boot. Wir wollen niemanden von unseren pazifischen Brüdern und Schwestern zurücklassen.

Zur katastrophal gescheiterten Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen haben Sie sich erstmals aufs Verhandlungsparkett begeben. Damals wollte sich die Welt schon einmal ein neues Klimaabkommen geben und hat das nicht geschafft. Was ist dieses Mal anders?

Wir, die Inselstaaten, haben unsere Haltung geändert. In Kopenhagen haben wir gesagt: Unsere Inseln versinken, wir brauchen Hilfe. Dieses Jahr gehen wir auf die Konferenz und können sagen: Wir haben jetzt auch Klimaziele – wir senken unsere CO2-Emissionen noch weiter, obwohl wir schon so wenige verursachen. Wir erwarten das gleiche auch von den Industrieländern!

Interview: Benamin von Brackel und Susanne Schwarz

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