Verbrannte Erde in Nigeria
Vergiftete Flüsse und Fischteiche, verbrannte Obstbäume, zerstörte Gärten und jedes Jahr eine Exxon- Valdez-Katastrophe. Shells Umweltbilanz in Nigeria ist verheerend, doch die Bücher des Konzerns sind voller schwarzer Zahlen. Nun klagen nigerianische Shell-Opfer der britisch-niederländischen Gesellschaft erstmalig vor einem europäischen Gericht
Von Wolfgang Pomrehn
Sollte es doch noch Gerechtigkeit geben? Seit Jahren wird der britisch-niederländische Ölkonzern Shell wegen seiner Aktivitäten in Nigeria kritisiert. Jetzt hat die niederländische Sektion der Freunde der Erde, Milieudefensie, es endlich geschafft einige Fälle von offenbar schwerer Umweltverschmutzung durch den Konzern vor ein niederländisches Gericht zu bringen. Urteile nigerianischer Gerichte, die ihm zum Beispiel das Abfackeln von Gas untersagten, hat der Konzern in der Vergangenheit missachtet.

Nach dem Feuer in Goi. Foto: Brian Shaad, Milieudefensie
Einer der größten Profiteure ist Shell. Nimno Bassey, Direktor der nigerianischen Sektion der Freunde der Erde meint dazu: "Shell kümmert sich nicht um die Anweisungen nigerianischer Gerichte. Wir wollen deshalb, dass ein niederländisches Gericht die Gerechtigkeit gegenüber Royal Dutch Shell durchsetzt."
An dieser Stelle wird deutlich, wie hilfreich ein internationales Netzwerk wie Freunde der Erde, zu dem in Deutschland der BUND gehört, sein kann. In Nigeria wurden Menschen gesucht, die bereit waren, gegen Shell zu klagen. Nigerianische und ausländische Wissenschaftler haben dann in deren Dörfern Boden und Wasserproben untersucht, um Beweismaterial zu sammeln. Milieudefensie hat schließlich einen Anwalt gesucht und Geld für die Reisen der Kläger sowie die Klage in den Niederlanden aufgebracht.
Nach Angaben der Umweltschützer verursacht die Shells Ölförderung im Durchschnitt fünf Leckagen pro Woche in einem Gebiet, das kleiner als die Niederlande ist. Etwa 16.000 Liter Rohöl gelangen dabei jeweils im Schnitt in die Umwelt. Die Ursachen für die häufigen Unfälle sind teils Fehler des Personals, teils Sabotage, aber eigentlich wäre in jedem Fall Shell für die Beseitigung der Schäden verantwortlich
Die geschieht aber, wenn überhaupt, dann nur unzureichend, wie Untersuchungen in den Dörfern Ada Udo, Oruma and Goi zeigen, aus denen die vier Kläger gegen Shell kommen. Nigerianische und US-amerikanische Wissenschaftler haben dort festgestellt, dass zehn, 24 und 33 Monate nach verschiedenen Öl-Unfällen in Boden und Gewässer zu viel Öl war, sodass sie weder für die Landwirtschaft noch für den Fischfang genutzt werden konnten.
Ölanlagen in Ikot Ada Udo. Foto: Kadir van Lohuizen/NOOR, Milieudefensie
Die Kläger sind Fischer und Bauern aus den betroffenen Dörfern. Auf ihrer Webseite zitiert Milieudefensie sie. Chief Barizza Dooh aus Goi: "Durch die Leckage und das damit verbundene Feuer wurde mein Land zerstört: Meine Fischteiche, meine Kanus, mein Gemüsegarten und die Obstbäume, die ich gepflanzt hatte. Ich stehe nun mit leeren Händen da und hoffe, dass der Richter in den Niederlanden Shell zwingt, das richtige zu tun."
Anne van Schaik, Kampagnenleiterin bei Milieudefensie, dazu: "Hier (in den Niederlanden) würde Shell niemals die Menschen und die Umwelt so behandeln, wie es in Nigeria geschieht. Wir hoffen, dass der niederländische Richter beschließt, dass Shell die Verschmutzungen beseitigen und die Opfer angemessen entschädigen muss."
Shell versucht hingegen die Verantwortung auf die nigerianischen Behörden abzuschieben und verweist auf die Unterstützung, die es inzwischen an einige Dörfer und Städte bezahlt. Ein entsprechendes Programm hatte der Konzern eingeführt, nach dem er 1995 wegen seiner engen Zusammenarbeit mit der seinerzeitigen Militärdiktatur international unter Druck geriet. Die Militärmachthaber hatten 1995 den nigeriansichen Schriftsteller und Umweltaktivisten Ken Saro Wiwa zusammen mit acht Mitkämpfen hinrichten lassen, nach dem er zuvor für sein Volk, die Ogoni, Entschädigung und Beteiligung an den Öleinnahmen von Shell gefordert hatte.
Liesbeth Zegveld, die Anwältin der Kläger, meint zur Position des Konzerns: "Das Shell-Hauptquartier denkt, dass es unantastbar sei. Wir glauben jedoch, dass es juristisch für die Schäden in Nigeria verantwortlich ist. Die Muttergesellschaft hat die Autorität und die Kontrolle sicherzustellen, dass Leckagen vermieden und Schäden beseitigt werden."
Neben den Verschmutzungen durch Öl ist das Abfackeln von Gas ein weiteres Problem. Bei der Förderung von Erdöl fällt meist auch Gas an, dass nur mit aufwendigen Verfahren aufgefangen und gereinigt werden kann. Für die Ölfirmen ist es daher meist einfacher, es einfach zu verbrennen. Nach Angaben der Zeitung This Day aus Lagos, die allerdings schon von 1996 stammen, emittiert Nigeria dadurch 35 Millionen Tonnen CO2 jährlich. Außerdem werden aus den Förderanlagen weitere 12 Millionen Tonnen Methan emittiert, was gemessen an der Klimawirksamkeit 252 Millionen Tonnen CO2 entsprechen würde. Das wäre eine gewaltig Menge, die ungefähr dem Viertel der deutschen Treibhausgasemissionen entsprechen würde.
Oruma. Foto: Brian Shaad, Milieudefensie
Für die Menschen in der Nachbarschaft der Förderanlagen sind die Gasfackeln eine wahre Plage. Sie brennen 24 Stunden am Tag, tauchen Nachts die Landschaft in ein gespenstiges Licht und breiten eine öligen Rußfilm über Wälder, Felder und Gärten aus. Derzeit läuft in den Niederlanden ein Dokumentarfilm über dieses Problem an. Poison Fire ist haben die Autoren ihr Werk genannt. Auf ihrer Internetseite http://www.poisonfire.org/synopsis beschreiben sie die Situation im der Ölregion:
"Das Niger-Delta ist nach 50 Jahren Ölförderung eine Umwelt-Katastrophenzone. Eineinhalb Millionen Tonnen Rohöl wurde in die Bäche, Felder und Wälder gespült. Das ist das Äquivalent von 50 Exxon-Valdez-Katastrophen, also eine pro Jahr. Erdgas, dass im Rohöl enthalten ist, wird nicht aufgefangen, sondern in Gasfackeln vernichtet, die jahrzehntelang Tag und Nacht brennen. Da Abfackeln verursacht so viel Treibhausgase wie 18.000 Autos sowie außerdem toxische und krebserzeugende Substanzen, die in dicht besiedelten Gebieten emittiert werden. Korruption ist weit verbreitet, Sicherheit kaum vorhanden, Menschen sterben. Aber das Öl fließt weiter."
Die Regierung in Abuja hat Shell und den anderen Gesellschaften, die in der Delta-Region Gas verbrennen, eine Frist bis zum Jahresende gestellt, um diese Praxis zu beenden. Allerdings schreibt der Kolumnist Solomon Leggjack in der schon erwähnten Zeitung This Day, dass vermutlich auch diese Frist verstreichen wird, ohne dass sich etwas ändert. Shell & Co. spielen weiter auf Zeit und vermutlich haben sie in Zeiten sinkender Ölpreisen auch ein gutes Druckmittel in der Hand, denn die Behörden werden auf die Einnahmen aus der Förderung dringend angewiesen sein.
Weitere Informationen auf Englisch gibt es hier und auf Niederländisch hier .
Hier kann sich ein Trailer zu dem Film Poison Fire angesehen werden.
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