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Windkraftgegner kennen keine Grenzen

Abstand gut, alles gut? Die Windkraft an Land hat immer noch sehr zornige Gegner. Deshalb gilt in Bayern nun die 10-H-Regelung. Doch der Abstand von Windrädern zu Wohnanlagen hat nichts mit deren Akzeptanz zu tun, bilanziert eine Studie der Universität Halle.

Aus Berlin Susanne Götze

Viele Windkraftgegner meinen: Je weiter eine Windanlage von Dörfern und Gemeinden weg ist, desto besser. Am besten wäre natürlich, wenn es gar keinen Sichtkontakt mehr gäbe. Aber der Abstand macht jedenfalls den Unterschied, ist das landläufige Argument. Deshalb führte Bayern im vergangenen Jahr die sogenannte 10-H-Regelung ein. Diese besagt, dass der Abstand einer Windkraftanlage zu Wohnhäusern das Zehnfache ihrer Höhe betragen muss. Bei modernen Anlagen von rund 200 Metern Höhe sind das zwei Kilometer – womit der Bau von Windkraftanlagen drastisch eingeschränkt wird. Das sei ein typisch bayerischer Coup à la Betreuungsgeld, wetterten die Vertreter der Windbranche und auch die restliche Republik schüttelte größtenteils den Kopf.

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Windparkbaustelle in einer dörflichen Gemeinde: Viele Menschen fühlen sich schlicht übergangen. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)

Nun ist der Gesetzesinhalt als Propaganda der Windkraftgegner entlarvt. Jedenfalls, wenn man die gestern in Berlin veröffentliche Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ernst nimmt, die von der Fachagentur Windenergie an Land in Auftrag gegeben wurde. Die Forscher haben mehr als 1.300 Personen, die in unmittelbarer Nähe zu Windanlagen wohnen, zu ihren Probleme und Sorgen mit Windanlagen befragt. Heraus kam, dass die Beschwerden relativ unabhängig davon waren, wie nahe eine Anlage vom Wohnort der Befragten entfernt ist.

Am deutlichsten ist der Zusammenhang noch bei der Geräuschbelästigung: Bei einem Abstand von unter 800 Metern zum Haus geben etwas über 20 Prozent der Befragten an, sich gestört zu fühlen, bei 1.200 Metern sind es nur noch knapp vier Prozent. Allerdings steigt die Zahl der "Geschädigten" ab 1.400 und bei über 2.000 Metern wieder an. Bei den allgemeinen Belästigungen wie dem Rotorschatten, dem Landschaftsbild oder der Drehbewegung verschwimmt der Zusammenhang von Abstand und Beschwerdeumfang noch mehr.

"Unsere Daten zeigen eindeutig, dass wir die Akzeptanz der Windenergie nicht über Abstandsregelungen lösen werden", erklärt Gundula Hübner von der Universität Halle. "Es muss endlich sachlich über die wirklichen Ursachen der Ablehnung von Windanlagen diskutiert werden", meint die Professorin. Sie hat zusammen mit den Autoren der Studie vor Ort mit Windkraftgegnern und Befürwortern diskutiert und deren Meinungen in Zahlen gefasst.

Dabei kam heraus, dass die meisten Bedenken das veränderte Landschaftsbild und die Geräuschentwicklung betreffen. Jedoch sind auch hier die Zahlen vergleichsweise unkorreliert; im Durchschnitt liegen die schlechtesten Werte auf der Skala genau auf der Mitte zwischen die Windanlage "stört gar nicht" und "stört sehr". Die Auswirkungen auf die Gesundheit sind beispielsweise laut den Befragungen verschwindend niedrig. Insgesamt sind es laut Studie zwischen sechs und 18 Prozent der Befragten, die sich durch Windanlagen beeinträchtigt fühlen.

Gefühlter Bedrohung ist so nicht beizukommen

Die Auswertung zeigt durchgehend, dass es bei Beschwerden kaum darauf ankommt, wie weit die Anlage weg ist. So halten Anwohner, die zwei Kilometer weit weg wohnen, die Windanlagen häufiger für eine allgemeine "Bedrohung" als Anwohner, die weniger als zwei Kilometer entfernt wohnen.

Wenn Abstandsregelungen also nicht die Lösung gegen das "Bedrohungsgefühl" sind, was kann man dann für die Wutbürger tun? "Die Menschen dürfen nicht einfach von Windparkprojekten überrollt werden", sagt Gundula Hübner. Ressentiments seien schnell geschürt und entstünden vor allem, wenn sich die Menschen ausgeschlossen fühlen, so die Wissenschaftlerin.

Bleibt also nur eine Lösung: Bürgerbeteiligung. Eine Variante wäre, den Bürgern eine finanzielle Beteiligung zu ermöglichen. Über Genossenschaftsmodelle können Anwohner schon heute ihren Anteil an der Energiewende in ihrem Ort erwerben. Allerdings kann sich das nicht jeder leisten.

Eine zweite Variante wäre, die Anwohner von Beginn an in die Planungen einzubeziehen. Bisher können Investoren, die einen Windpark planen, erst auf der Ebene der konkreten Genehmigung mit der Kritik der Bürger konfrontiert werden. "Dann sind aber die wichtigsten Entscheidungen schon gefallen und es geht nur noch darum, ob gebaut wird oder nicht", kritisiert Thorsten Müller von der Stiftung Umweltenergierecht. Eine Möglichkeit sei, die Öffentlichkeit so früh wie möglich einzuschalten. "Die Politik hat die  Möglichkeit die Bürgerbeteiligung von Beginn an fördern", erklärt Müller. Oftmals könne in dieser Phase auch noch zwischen verschiedenen Standorten gewählt werden.

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Bürgerinitiativen gegen Windkraftanlagen haben Hochkonjunktur, allerdings sind die radikalen Wind-Gegner laut der Studie der Uni Halle keinesfalls in der Mehrheit. (Foto: Nick Reimer)

"Je mehr die Menschen in den Prozess eingebunden werden, desto rationaler entscheiden sie", meint auch Ko-Autorin Hübner. Und laut der Studie hat es ja vor allem emotionale Gründe, dass der Windkraft solche Ablehnung widerfährt. Gegen ein stures "Find ich einfach hässlich" kann man eben nicht viel ausrichten. Allerdings war das stärkste gemessene Gefühl der Befragten weder Wut noch Freude, sondern Neugier.

Der Beitrag wurde am 15. Mai um 14:46 Uhr korrigiert

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