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Gewerkschafter attackieren Gabriel

Während Umweltschützer bei Garzweiler gegen Braunkohle demonstrieren, macht die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie in Berlin mobil gegen die geplante Klima-Abgabe von Wirtschaftsminister Gabriel: Sie führe zum "sozialen Blackout ganzer Regionen". Alles, was das Aus für die Braunkohle bedeuten würde, müsse vom Tisch.

Aus Berlin Verena Kern

Geht es allein nach der Zahl der Demo-Teilnehmer, haben die Kohlebefürworter heute die Nase vorn. 15.000 Kumpel und deren Angehörige hatte die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) an diesem Samstag zu ihrer Pro-Kohle-Kundgebung mobilisiert, mit 300 Bussen herbeigekarrt aus den Braunkohlerevieren nach Berlin. 

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"Er war mal einer von uns", hieß es über Wirtschaftsminister Gabriel. Bei der nächsten Wahl könne man auch anders abstimmen, wurde gedroht. (Foto: Verena Kern)

Und auch das Wetter war auf der Seite der Gewerkschafter, rief IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis in die Menge: "In Garzweiler regnet es, hier scheint die Sonne." Bei Garzweiler hatten Umweltschützer zeitgleich eine Menschenkette gegen Kohle und für Klimaschutz organisiert. Teilnehmerzahl: 6.000.

Der Demonstrationszug der IG BCE startete um 14.30 Uhr vor dem Wirtschaftsministerium und zog dann Richtung Kanzleramt, dort fand die Abschlusskundgebung statt. Das Motto: "Es reicht! Wir wehren uns!" Aufgerufen hatten neben der Energiegewerkschaft auch die Betriebsräte der Lausitzer Vattenfall-Kraftwerke und der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag). Zu den Rednern gehörten die Wirtschaftsminister Sachsens und Brandenburgs, Martin Dulig und Albrecht Gerber, sowie der nordrhein-westfälische Bauminister Michael Groschek (alle SPD).

"Unsere Kohle, unser Leben"

Anlass der Gewerkschaftsdemo war die von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) geplante Klima-Abgabe, die dazu beitragen soll, das deutsche Klimaziel zu erreichen. Auf Plakaten und Transparenten wurde Gabriel scharf attackiert. "Er war mal einer von uns", hieß es neben einem Porträtfoto, das den SPD-Chef mit heruntergezogenen Mundwinkeln zeigte. "Lügenbaron" lautete eine andere Aufschrift. "Regierungsidiot bringt Familien in Not", eine dritte. "Stoppt den Wahnsinn", wurde gefordert. "Hände weg von der Braunkohle!"

In Sprechchören skandierten die Demoteilnehmer: "Unsere Kohle, unser Leben, wollt ihr uns die Arbeit nehmen?!" Ein Vattenfall-Beschäftigter sagte: "Zuerst geht es gegen die Atomenergie, dann geht es gehen die Braunkohle, und irgendwann wird es gegen die Lebensenergie gehen."

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Auch als "Lügenbaron" wurde Gabriel beschimpft. (Foto: Verena Kern)

Auch Gewerkschaftsboss Vassiliadis griff in seiner Auftaktrede Gabriel massiv an. Dem Minister müsse endlich ein "Licht aufgehen". Jeder einzelne Arbeitsplatz sei es wert, erhalten zu werden. Es sei ein Unding, dass nun gesagt werde, es seien ja nur 20.000 Jobs gefährdet, so als sei das nicht der Rede wert. Schließlich hingen an den Jobs ganze Familien und ganze Regionen. Mit Gabriels Kohleabgabe drohe der "soziale Blackout", ein "Domino-Effekt" werde ausgelöst, der den ganzen Industriestandort Deutschland in Mitleidenschaft ziehen könne.

Einsparen sollen vor allem die anderen

"Wo sind sie denn, die grünen Jobs", die für die Zukunft, für die Zeit nach der Kohle, in Aussicht gestellt würden, fragte der IG-BCE-Chef rhetorisch. Alles müsse "vom Tisch geräumt" werden, "was das Aus der Braunkohleförderung und Braunkohleverstromung in Deutschland bedeuten würde". Statt immer nur von der Kohleindustrie Emissionseinsparungen zu verlangen, solle man sich lieber auf die Gebäudedämmung konzentrieren oder im Verkehrssektor zu Reduktionen kommen. "Da könnte man genug einsparen."

Verantwortung müssten, schob der Gewerkschaftschef die Verantwortung noch etwas weiter weg, auch andere Staaten übernehmen. Etwa die großen Emittenten USA und China. Sie stünden in der Pflicht, für das Klimaabkommen, das im Dezember in Paris beschlossen werden soll, ambitionierte Reduktionsziele auf den Tisch zu legen.

Die Hauptforderung war aber eine andere. "Wir wollen Respekt und Anerkennung für uns", rief Vassiliadis. Ein Chor von Trillerpfeifen folgte. "Wir versorgen Deutschland Tag und Nacht mit Energie!" Wieder die Trillerpfeifen. "Aber wir werden oft respektlos behandelt." Trillerpfeifen.

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Bevor IG-BCE-Chef Vassiliadis bei der Abschlusskundgebung am Kanzleramt sprach, wurden Interviews gezeigt. Hier mit der Bürgermeisterin von Spremberg. Von ihr kamen auch versöhnlichere Töne: "Wir sind zum Dialog bereit." (Foto: Verena Kern)

Auf Twitter hat die IG BCE den Hashtag "#elektrisierenDE" eingerichtet. Zur Demo hatte sie unter den Teilnehmern knallrote Stromstecker verteilt. Sie sollten symbolisieren, worum es den Kohle-Gewerkschaftern geht: Zeigen, dass sie nicht unwichtig sind. Oder noch nicht.

[Erklärung]  
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