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"Es geht um unser Überleben"

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Die globale Erwärmung schreitet voran, doch die internationalen Verhandlungen zur Reduktion des CO2-Ausstoßes verlaufen quälend langsam. Felix Finkbeiner (17) kam deshalb 2007 im Alter von neun Jahren auf die Idee, Bäume zu pflanzen. Heute hat die daraus entstandene Kinder- und Jugendorganisation Plant-for-the-Planet 100.000 Mitglieder und bringt weltweit junge Menschen für den Umweltschutz zusammen. Die drei Ziele des Projektes: Tausend Milliarden Bäume pflanzen, 100 Prozent erneuerbare Energien und Klimagerechtigkeit.

Anlässlich der Auszeichung zum "Europäer des Jahres" durch den Reader's Digest sprach klimaretter.info mit dem Siebzehnjährigen, der die kenianische Aktivistin Wangari Maathai als Inspirationsquelle bezeichnet und 2011 mit seinem Anliegen vor der UN-Vollversammlung auftrat. Für Kinder und Jugendliche, sagt er, geht es beim Klimaschutz letztlich ums Überleben.

klimaretter.info: Felix, die meisten Kinder verbringen ihre Freizeit anders, als vor den Vereinten Nationen aufzutreten oder Prominente aus Politik und Zivilgesellschaft zu treffen. Was ist dein Antrieb, dich zu engagieren und immer weiterzumachen?

Felix Finkbeiner: Das kann ich am besten mit zwei Leitsprüchen erklären: Ein Moskito kann nichts gegen ein Nashorn ausrichten, aber Tausend Moskitos können ein Nashorn dazu bringen, die Richtung zu ändern. Es sind die kleinen Dinge, die die Welt verändern. Wir pflanzen Bäume. Jeder Mensch kann 150 Bäume pflanzen. Zusammen sind das dann Tausend Milliarden zusätzliche Bäume. Für so viele Bäume ist auf der Erde Platz und diese binden dann ein Viertel des menschgemachten CO2. Bäume sind vergleichbar einem Schwamm, mit dem wir das Treibhausgas aus der Atmosphäre holen.

Außerdem: Wir haben es in zehn Jahren zum Mond geschafft, warum sollten wir nicht auch das größte Aufforstungsprogramm der Menschheit schaffen? Die Mondlandung war eine coole Aktion, jetzt aber geht es um unser Überleben. Wir sind schon bei 13 Milliarden Bäumen. Wenn jetzt das erste Unternehmen verspricht, eine Milliarde Bäume zu pflanzen, ist unser Ziel zu schaffen.

Schon in jungen Jahren in Kampagnen eingebunden und in der Öffentlichkeit präsent zu sein – bringt das nicht auch Nachteile mit sich?

Ich gehe ganz normal zu Schule, chille mit meinen Freunden und habe Hobbys wie Skifahren, Snowboarden und Mountainbiking. In keinem der letzten Schuljahre habe ich mehr als 20 Tage gefehlt. Klar, an Wochenenden war ich oft unterwegs. Ich denke, ein halbwegs talentierter Spieler der B-Jugend hat mehr Verpflichtungen als ich. So, wie sich meine Schwester fürs Tanzen als Hobby entschieden hat, so engagiere ich mich für das Allgemeinwohl.

Heute sind wir viele Tausend Kinder und Jugendliche. Als Botschafter für Klimagerechtigkeit teilen wir uns die Vorträge und Interviews auf. Für uns ist es ganz normal, dass wir uns um unser Überleben kümmern, es macht uns Spaß und wir sehen ja auch die Erfolge.

Was sagst du zu der Kritik, dass Kinder den Klimawandel gar nicht richtig verstehen können?

Um etwas Positives zu tun, muss man nicht alle Probleme und alle Lösungen, also die gesamte Klimawissenschaft, komplett durchblicken. Es ist klar, dass es diese Probleme gibt und dass sie politisch gelöst werden müssen. Es ist auch klar, dass viel zu wenig getan wird. Deswegen soll jeder einen positiven Beitrag dazu leisten können, vielleicht eben mit so etwas Einfachem wie Bäume pflanzen.

War es ein Problem, mit deinem Anliegen von den erwachsenen Entscheidungsträgern ernst genommen zu werden?

Ganz am Anfang haben wir uns ja relativ wenig auf die Zusammenarbeit mit Politikern und so konzentriert. Es ging stattdessen darum, dass wir selber gemeinsam Bäume gepflanzt haben. Dadurch, dass wir immer vorweisen konnten, was wir selber tun, dass wir selbst aktiv sind, wurden wir, glaube ich, immer ernst genommen. Es ist mir nie wirklich passiert, dass wir belächelt wurden.

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Plant-for-the-Planet ist weltweit aktiv, wie hier in Malawi im Südosten Afrikas. (Foto: Plant for the Planet/Flickr)

Hat dein Vater Frithjof Finkbeiner, der selbst in der Zivilgesellschaft aktiv ist, neben der familiären Unterstützung geholfen, zum Beispiel Türen zu öffnen und das Projekt zur professionalisieren?

Ja sicher, die Erfahrung meines Vaters, sowohl als Geschäftsmann als auch aus seinem zivilgesellschaftlichen Engagement, haben Plant-for-the-Planet geholfen, wenn es zum Beispiel darum ging, Verträge mit Sponsoren zu schließen oder unsere eigene Stiftung zu gründen. Als er früher Vorträge hielt, sind wir oft als ganze Familie mitgereist. So habe ich schon als kleines Kind viel über Globalisierung, die weltweite Ungerechtigkeit, das Finanzsystem und das Klima gelernt und wie diese Entwicklungen alle miteinander verbunden sind.

Als ich unser Baumpflanzprojekt an der Schule startete, hatte er anfangs keine Zeit, da er sich beim Club of Rome um das Projekt Desertec kümmerte. Als er merkte, welche Resonanz wir mit Plant-for-the-Planet erreichten, hat er sich umorientiert. Ich habe ihm kürzlich gesagt: "Papa, das war falsch. Die weltweite Energiewende, die Treibhausgase vermeidet, ist wichtiger als das Bäumepflanzen, das das CO2 nur noch binden kann."

Als das bekannteste Gesicht von Plant-for-the-Planet – wie wird dein weiteres Engagement aussehen?

In den Medien werde ich so wahrgenommen, aber tatsächlich halten viele Dutzend Kinder mehr Vorträge im Jahr als ich. Das war auch das Ziel. In Akademien bilden wir jedes Jahr neue Generationen von Kindern aus. Ich werde auch in Zukunft im Vorstand unserer Plant-for-the-Planet-Stiftung aktiv sein und sicherstellen, dass in dieser Stiftung immer die Kinder und Jugendlichen in unseren Vorständen das Sagen haben.

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Neben dem Pflanzen von Bäumen bildet Planet-for-the-Planet Kinder und Jugendliche in Akademien aus und veranstaltet Treffen – als nächstes den Youth Summit 2015 zum G-7-Gipfel. (Foto: Plant for the Planet/Flickr)

Und wie sehen deine persönlichen Pläne aus?

Ich möchte in den USA Internationales Recht und Wirtschaft studieren und bewerbe mich gerade bei verschiedenen Universitäten. Wenn es mit dem Studienplatz dort klappt, werde ich in den USA für Plant-for-the-Planet aktiv sein. Gerade dort gibt es noch viel zu tun. Die US-Amerikaner sind begeisterungsfähig und anpackend, aber der Lobbyismus und die intelligenten Kampagnen profitorientierter Menschen sind gefährlich und letztendlich tödlich für uns junge Menschen.

Was ich später einmal genau machen werde, weiß ich heute noch nicht. Ich werde aber sicher mein Leben lang politisch aktiv bleiben.

Zuletzt hast du dich für eine Herabsetzung des Wahlalters eingesetzt. Geht es darum, Kinder und Jugendlichen mehr Teilhabe einzuräumen, damit Zukunftsthemen mehr Beachtung finden?

Genau. Weltweit ist fast die Hälfte der Menschen vom Wahlrecht und damit der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Die Menschen, die heute das Wahlrecht haben und hauptsächlich wählen, sind der ältere Teil der Bevölkerung, die natürlich andere Prioritäten setzen. Es ist ja auch in der Demokratie so, dass jeder in seinem eigenen Interesse wählt.

Viele Erwachsene meinen noch immer, es gäbe eine Wahl zwischen Klima schützen oder Wirtschaft ankurbeln. Für uns Kinder und Jugendliche der Welt ist dagegen völlig klar, dass es um unser Überleben geht.

Interview: Maximilian Staude

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