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Spaß statt Spielverderber

BildDer Klimaaktivist Daniel Hires ist von Beruf Weltretter. Seine Mission ist, so viele Menschen wie möglich für den Klimaschutz zu begeistern. Diesen Sonntag organisiert er zum dritten Mal die "Silent Climate Parade" in Berlin – die Loveparade für Klimaschützer.

Ein Porträt von Susanne Götze

Daniel Hires arbeitet im Bunker. Er nennt es den "Innovationsbunker". Im Hinterhof der Reinhardtstraße in Berlin-Mitte vergräbt sich der Klimaaktivist im Keller einer Nichtregierungsorganisation. Von hier aus entwickelt Daniel den Schlachtplan für die Zukunft, mit einem Laptop, einem Edding und vielen bunten Klebezetteln. Heute kommen rund 50 Post-its mit in sein Reisegepäck. Morgen wird es nach Brüssel gehen, dann nach London. Der Anfang 30-Jährige hat sich mit Haut und Haaren dem Klimaschutz verschrieben und arbeitet für eine Nichtregierungsorganisation, die klimabezogene Daten von Unternehmen sammelt.

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Der Aktivist Daniel Hires organisiert die Loveparade für Klimaschützer. (Foto: D. Hires)

"Guten Tag, ich bin hier für die Zukunft verantwortlich", stellt er sich in perfektem Englisch vor. Er hat etwas studiert, das erst mal nicht nach Umweltschutz klingt, aber für die Weltrettung dringend gebraucht wird: Kommunikationswissenschaft. Daniels Job ist es, so viele Menschen wie möglich auf die tickende Zeitbombe der CO2-Emissionen aufmerksam zu machen. Er will sie wachrütteln, mit ihnen diskutieren, kämpfen und – tanzen.

An einem Freitagabend um 18 Uhr, wenn alle schon in Wochenendstimmung sind, geht es für Daniel erst richtig los. Nach einem vollen Arbeitstag hastet er ohne Abendbrot und Pause noch zum ersten Berliner Hackathon, wo übers Wochenende Programmierer zusammen daran arbeiten, "den Klimawandel zu hacken". Nebenbei muss er durch ganz Deutschland telefonieren, denn am kommenden Sonntag findet die dritte Silent Climate Parade statt – zwei Tage, bevor sich am 23. September 125 Staatschefs in New York treffen, um mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon über den Klimawandel zu sprechen. Die Parade ist eines der vielen Events, die in über 150 Ländern geplant sind.

Ehrensache, dass Daniel sich um den Protest kümmert, Freizeit und Sozialleben dafür opfert. Er arbeitet mit seinem Team seit Monaten dafür, dass am 21. September 3.000 Menschen in Berlin zum Brandenburger Tor tanzen. Das Protest-Tanzen findet allerdings äußerlich geräuschlos statt – die Teilnehmer der Parade tragen alle Kopfhörer und zappeln zu melodischen Elektrosounds. "So wird die Climate Parade organisiert", ruft Daniel lachend zwischen zwei Telefonaten. Die Climate Parade sei tatsächlich so eine Art Loveparade, nur eben mit politischem Inhalt.

Keiner muss, aber alle müssen wollen

Und genau das macht den Aktivisten der neuen Generation vielleicht auch aus: Politisch zu sein, heißt heute nicht mehr, immer der Spielverderber zu sein. So sieht es jedenfalls Daniel. Sein Umgang mit Leuten ist genauso locker wie sein Jeans-und-T-Shirt-Outfit. Er will niemandem etwas aufzwingen, aber trotzdem das Klima retten. Die Menschen sollen nicht durch moralisierende Reden, sondern aus innerer Überzeugung heraus für den Klimaschutz gewonnen werden. Ob diese Rechnung aufgeht, weiß Daniel selbst nicht. Probieren kann man es jedenfalls einmal.

Auf dem Weg zum Euref-Campus in Schöneberg, wo der Hackathon stattfindet, steigen die ersten Partygänger in die S-Bahn. Daniel erzählt, dass er lange unpolitisch war und erst wach wurde, als er zum Studium in die USA ging. "Als Europäer erlebst du dort einfach einen Kulturschock und beginnst, diesen ganzen Konsum und die Ressourcenverschwendung zu hinterfragen." Dann begann er Bücher des Wirtschaftswissenschaftlers Muhammad Yunus zu lesen, der eine Bank für Mikrokredite aufmachte, um armen Menschen ein kleines Geschäft zu ermöglichen. Bis heute treibt Daniel die Idee vom sozial-ökologischen Unternehmen um. Er sucht nach Alternativen zum Profitstreben auf Kosten von Mensch und Umwelt. Und er ist sich sicher, dass ein Umdenken auch in der Wirtschaft möglich ist. Ein Glück also, dass er nun in Berlin für eine Organisation arbeiten kann, die Unternehmen animiert, ihre Emissionen zu senken – und er darf neue Ideen dazu entwickeln. Besser könnte es nicht sein.

Spricht er von Berlin, sieht man ihm an, dass er in die Stadt richtig verliebt ist. Der Weltenbummler ist angekommen. Seinen Vortrag hält er an diesem Abend an einem Ort, der ihn als Zukunftsbeauftragten eigentlich inspirieren müsste. Auf dem Euref-Campus in Berlin-Schöneberg fahren Elektroautos lautlos an einem vorbei und Windräder summen.

Tanzend in den Klimawandel

Auf den ersten Blick passen tanzende Demonstranten und der Klimawandel eigentlich nicht zusammen. Anfangs hätten viele Leute den Einwand gebracht, dass es angesichts der dramatischen Entwicklung ja schließlich nichts zu feiern gebe. "Wir wollen aber so viele Menschen wie möglich dazu bewegen, sich zu engagieren und ein Zeichen zu setzen", meint Daniel. "Bei diesen typisch deutschen Lauf-Demos mit den wütenden Reden habe ich mich noch nie wohl gefühlt, und überzeugend sind diese Kampfparolen schon gar nicht." Trotz seines ansteckend fröhlichen Wesens weiß Daniel, dass es beim Klima um eine verdammt ernste Sache geht. "Wenn wir unsere Emissionen nicht in den nächsten 20 Jahren in den Griff bekommen, wird die Weltgemeinschaft vor enormen Problemen stehen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können."

Beim Hackathon angekommen, macht sich Daniel erst einmal ein Bier auf. 50 Programmierer warten darauf, gute Ideen mit ihrem Können für drei Tage zu unterstützen. Eine Idee kommt von Daniel: Er will zusammen mit den Fachleuten eine Browser-Anwendung entwickeln, die Verbrauchern anzeigt, ob Angebote im Internet klimafreundlich sind oder nicht. "Aber ihr müsst mir helfen, ich habe keine Ahnung." Er ist schließlich erst einmal für die großen Ideen zuständig.

Früher hatte er sich immer gewünscht, in den 1960er Jahren aufzuwachsen und das Protestjahr 1968 mitzuerleben, erzählt er bei einer Feierabendzigarette und blickt einem futuristischem Fahrzeug nach, das gerade um die Ecke gesummt kommt. Damals habe es noch Idealismus und Überzeugungen gegeben. Mittlerweile findet er aber, "dass wir in dem vielleicht spannendsten Zeitalter der Menschheit überhaupt leben". Die heutige Technik würde ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, Menschen zu vernetzen und Gutes zu tun. Alles sei eine Frage der Anwendung. "Es gibt vor allem bei jungen Menschen immer mehr ökologisches Bewusstsein."

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Die Silent Climate Parade 2013 in Berlin: Geräuschloser Tanz-Protest. (Foto: Christopher Peetz)

Sein Bruder rede mit 20 Jahren schon wie selbstverständlich über Energie, Umwelt und Klimaschutz. "Geschichte verläuft nicht linear, es gibt immer Sprünge", philosophiert Daniel in den Abendhimmel von Berlin. Fünf Jahre vor der Rede von Martin Luther King hätte sich auch niemand vorstellen können, dass der Kampf gegen Rassismus einmal solche Resonanz haben werde. So eine Art turning point könnte es irgendwann auch beim Klimaschutz geben, hofft er und schaut das erste Mal etwas unsicher. Viel Zeit gebe es aber nicht mehr. Eben deshalb bleibe keine andere Wahl, als es zu probieren: "Yes, it's too late to be a pessimist", zitiert er den Umweltschützer Yann Arthus Bertrand. 

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Alle Beiträge zum Ban-Ki-Moon-Gipfel finden Sie in unserem New-York-Dossier

 

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