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Zwei Wochen Widerstand

Einzug ins Geisterdorf, Blockade eines Braunkohlebaggers, Diskussionen über eine Energiewende ohne Kapitalismus: Noch bis morgen dauert das Klimacamp im Rheinland an. Die Depression nach dem Kopenhagener Klimagipfel 2009 scheint verflogen. Unser Nordrhein-Westfalen-Korrespondent hat sich vor Ort umgesehen.

Aus dem Rheinischen Braunkohlerevier Marcus Meier

Vielleicht zum letzten Mal wird in Borschemich so richtig gefeiert. Im Dorfkern des Stadtteils von Erkelenz sind Bänke aufgebaut, es wird gemeinsam gegessen, getrunken und diskutiert. Ein Straßenfest, wie es die wenigen zurückgebliebenen Dorfbewohner hier nicht mehr erwartet hätten. Die meisten von ihnen halten jedoch sicheren Abstand. Zwei Rentner beäugen die Gruppe junger Leute und diskutieren mit einem Polizisten. Man kennt sich – und hält die meist Auswärtigen für Spinner. Ein Pkw hält, der Fahrer fragt, was hier los sei. "Da kannst' gesund essen", sagt Senior eins und deutet auf das Straßenfest. "Vegetarisch!", prustet Senior zwei hervor.

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Mal in Ruhe über alles nachdenken, das schiefläuft: Spruchtafeln auf dem Klimacamp. (Foto: Marcus Meier)

"Wir essen Fleisch", sagt der Pkw-Führer. "Und das wird auch immer so bleiben", ergänzt der Polizist. Nein, wirklich aufgeschlossen ist man im Rheinischen nicht für kritische Gedanken und klimafreundliche Lebensstile. Die Lokalpresse berichtet über Bauer Conzen, seit kurzem Präsident des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes ("Mittags Landtag, abends im Traktor") und über Dampfloks, die Nostalgie wecken. Nicht erwähnenswert erscheint, dass Menschen aus ganz Europa ins "Revier" streben.

Willkommen auf dem Klimacamp im Rheinland, das an diesem Mittwoch Abend einen kollektiven Ausflug nach Borschemich unternommen hat, einer jener fast verlassenen Ortschaften im Rheinischen Braunkohlerevier zwischen Köln, Aachen und Mönchengladbach, die den Baggern von RWE zum Opfer fallen sollen, damit der Energiekonzern im Klimavorreiterland Deutschland noch mehr Braunkohle fördern kann.

Etwa 200 Aktivisten protestieren mit dem Klimacamp gegen die Braunkohle. Aus der Region sind nur wenige gekommen. Etwa Jan Schiffer aus Kierdorf. Ob das Camp RWE wehtue? "Ich glaube und ich hoffe es", sagt der junge Mann mit den langen Haaren und streicht über sein neues "Kohleausstieg ist Handarbeit"-T-Shirt. "Hier im Revier läuft alles Schlechte zusammen", sagt Schiffer über seine Heimat. Und zählt auf: Die Vertreibung von Menschen, der Klimaschaden, der verseuchte See vor der Haustür, der RWE-Werkschutz in den weißen Jeeps, der Kritiker einzuschüchtern versuche.

Klimacamp statt Justin Bieber

"Ich bin noch sehr jung und ich halte es für ein Unding, wie RWE hier auf Kosten der künftigen Generationen wirtschaftet", sagt Jan und klingt routiniert wie der Pressesprecher einer Umweltgruppe. Er organisert auf dem Camp einen Workshop, ist in der Anti-Kohle-Bewegung aktiv und betreibt ein Blog namens irRWEg. "RWE muss 40 Millionen für toxische Kraftwerksreststoff-Deponien zurücklegen", ist einer der jüngsten Beiträge überschrieben. Dabei ist Jan erst 13 Jahre alt.

"Ich bin Politik-Freak", lächelt der Schüler, "dafür kenne ich mich weniger gut mit Justin Bieber aus". Auch zum Thema Klimagipfel hat der Jung-Aktivist eine Meinung: Proteste dort seien genauso wichtig wie dezentrale Aktionen, wie das Klimacamp.

Knapp zwei Wochen campieren die Aktivisten schon, am Sonntag endet das Klimacamp im Rheinland. Improvisierte Küche, selbstgezimmerte Kompost-Klos, Solarduschen. Auch Unterschriften werden gesammelt: gegen die in Nordrhein-Westfalen mitregierenden Grünen, die auf eine Besetzung ihrer Landesgeschäftsstelle im vergangenen Jahr mit Strafanzeigen gegen Klimacamper reagiert haben. In der nächsten Woche soll zehn der Kohlekraft-Gegner in Düsseldorf der Prozess wegen Hausfriedensbruch gemacht werden. Beide Landeschefs der einstigen Bewegungspartei werden als Belastungs-Zeugen aussagen.

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Auch Tüftler hat das Klimacamp: Ein Klimaaktivist beim Basteln einer Miniatur. (Foto: Marcus Meier)

Schon um zehn Uhr morgens beginnt das Camp-Programm mit Veranstaltungen zu Energiethemen, Kohleausstieg, Postwachstum, Klimagerechtigkeit, Anarchismus, Kompost und dem, was man in früheren Jahrzehnten die Dialektik von Reform und Revolution nannte. Viele Menschen hier sind jung und ein wenig punkig gekleidet.

Ein wenig aus dem Rahmen fällt ein gediegen wirkender älterer Herr mit weißem Vollbart, leicht bayerischem Akzent und marxistischen Ideen. Helmut Selinger ist gelernter Physiker und arbeitet ehrenamtlich für das Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung, das regelmäßig faktengesättigte Berichte veröffentlicht, die Gewerkschaftern und Aktivisten als Handreichung dienen sollen.

Der 68-Jährige ist einer der wenigen auf dem Camp, die Klimagipfel für eine wirklich wichtige Sache halten. Und er hat auch einen konkreten Verbesserungsvorschlag im Gepäck: "Gerechte Grundsätze" sollen die zwischenstaatlichen Verhandlungen aus der Sackgasse führen. Was er damit meint: eine möglichst präzise Aufteilung von Emissionsrechten nach egalitären Prinzipien.

Weil die USA, aber auch Deutschland, ihr "Klimakonto" längst überzogen hätten, wie Selinger durchaus überzeugend darlegt, sollen sie in einen neu zu gründenden Internationalen Klimafonds einzahlen, der Klimaschutz und Klimaanpassung im globalen Süden finanziert. Selinger hofft auf den Druck von China und Entwicklungsländern, die notfalls den Pariser Klimagipfel im nächsten Jahr platzen lassen sollen. Doch ob das realistisch ist? Das Publikum bleibt überwiegend skeptisch.

Wendepunkt Kopenhagen

Zum Camp angereist sind auch kleine Delegationen von jungen und lokalen Grünen sowie der Linkspartei. Doch die meisten Camper sind undogmatisch links und setzen eher auf außerparlamentarische Aktionen, was Forderungen an die Politik nicht ausschließt. Mehr oder minder verortet man sich hier, trotz Unterschieden, im Post-Wachstums-Diskurs – Niko Paech und Friederike Habermann sind selbstredend auch wieder mit dabei.

Für Mitorganisatorin Dorothee Häusermann war der Klimagipfel in Kopenhagen ein Schlüsselerlebnis: Viele waren nach dem gescheiterten Klimagipfel frustriert, erinnert sich die AusgeCO2hlt-Aktivistin. Die Klima-Bewegung habe aus Kopenhagen einen systemkritischen Ansatz mitgebracht. Der Slogan "System Change Not Climate Change", Systemwandel statt Klimawandel, etablierte sich. Hinzu kam eine eine grundsätzliche Kritik am Gipfelhopping: "Warum", so Häusermann, "sollten wir immer dahin reisen, wo die anderen sich treffen?"

In und nach Kopenhagen entstanden neue Vernetzungen und das Ziel, "dezentral vor Ort die fossile Infrastruktur anzugreifen und konkrete Kohlendioxid-Quellen abzuschalten". So wie hier im Rheinischen Revier.

Auch die ersten Klimacamps wurden in jenen Tagen geplant, das erste fand nicht zufällig im Sommer 2010 statt – ein Jahr nach Kopenhagen. "Es geht nicht nur um die Kohle", stellt Häusermann klar. "Wir wollen keine Windräder vor Rüstungsfabriken und keine überflüssigen Produkte, die mit Solarstrom hergestellt werden, aber nach anderthalb Jahren kaputtgehen."

Debatte über Waschmaschine der Zukunft

Tüftler hat das rheinische Klimacamp, das sieht man an der improvisierten Solaranlage. Verbrauchs- und Erzeugungsspitzen werden mithilfe von Batterien aufgefangen. Im Prinzip würde ein hunderprozentig auf erneuerbaren Quellen basierendes Energiesystem im Großen nicht anders ausschauen. Auf dem Camp können immerhin ein Kühlschrank, mehrere Beamer und Laptops sowie ein kleines WLAN betrieben werden. In den Abendstunden muss manchmal, gleichsam als Brückentechnologie, ein fossiler Generator aushelfen.

Auf einem Workshop zur Postwachstums-Praxis wird nach konkreten Utopien gesucht. Landwirtschafts-Kooperativen wie die Gartencoop aus Freiburg im Breisgau sind beliebt, "autarke Fahrradfabriken" und denkbare neue Verbrauchergenossenschaften ebenfalls. Wenig Begeisterung löst allerdings der Vordenker der französischen Wachstumskritiker aus: Serge Latouche hatte unlängst vorgeschlagen, im Kampf gegen Klimawandel und Ressourcenprobleme elektrische Waschmaschinen abzuschaffen und durch Geräte zu ersetzen, die per Muskelkraft betrieben werden. Und zwar bei geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung: Männer sollen in die Pedale treten, Frauen die Wäsche walken.

Debattiert werden andere Vorschläge: Seltener waschen, eine 15-jährige Gewährleistungspflicht, eine umrüst- und reparaturfreundliche Open-Source-Waschmaschine sowie kollektive Nutzung, damit langlebige und umweltfreundlichere, also teurere Geräte für alle bezahlbar werden und zugleich weniger Ressourcen in der Herstellung vernutzen.

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Den Giganten gestoppt: Klimaaktivisten (unten rechts) blockieren einen Braunkohle-Bagger. (Foto: Marcus Meier)

Das Debatten-Niveau ist durchaus hoch, konstruktiv und tendenziell eher heiter, Patenrezepte präsentiert hier niemand. Vielleicht wird es im nächsten Jahr auch ein Postwachstums-Camp geben. Bei aller Theorie wurde die Kritik dann doch praktisch: Am Freitag stoppten Teilnehmer des Klimacamps für mehrere Stunden einen der obszön gigantischen Braunkohle-Bagger im Tagebau Garzweiler II durch eine gewaltfreie Blockade nebst Samba-Gruppe und Feldküche. Und das für mehrere Stunden, bevor die gut 20 Blockierer von der Polizei abgekarrt wurden.

[Erklärung]  
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