Mit Kompost gegen die Folgen des Klimawandels
An der Grenze von Tansania und Kenia liegt der Kilimandscharo. Erst Anfang September hatte die schmelzende Eiskappe des höchsten Bergs Afrikas für Überschwemmungen gesorgt: Bauern und Bewohner des Bezirks Mwanga berichten, dass der Gletscher des Kilimandscharo jedes Jahr in der Trockenzeit schmelze und die für ihre Dürre bekannte Region mit Wasser versorge – solch große Wassermengen habe es aber seit Jahrzehnten nicht gegeben.
Der
Kilimandscharo ist nur einer der Orte, an denen der Klimawandel in Afrika spürbar
wird: "Überall verändert sich die Landschaft. Seen und Flüsse vertrocknen,
Dürre- perioden und Überflutungen nehmen zu", sagt Grace Mketto von der
Organisation INADES (Institut Africain pour le Développement Économique et
Social). Ihr Heimatland Tansania gehört
zu den Verlierern des Klimawandels und ist von den Auswirkungen der globalen
Erwärmung stark betroffen. Mit dem Trockenfallen von Flüssen und Seen gehen
Wasservorräte und Fischgründe verloren. Starke Regenfälle und extreme Dürre
sorgen für Bodenerosionen und erschweren die Landwirtschaft. Für die Folgen des
Klimawandels ist Tansania nur in verschwindend geringem Maß selbst
verantwortlich: Jährlich werden gerade einmal 0,1 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf
verursacht und in ganz Subsahara-Afrika nur drei Prozent der weltweiten
Treibhausgase.
Das Klima in Tansania wird sich Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2100 um zwei bis vier Grad erwärmen. Im Landesinneren wird der Regen um bis zu 20 Prozent abnehmen, in den Regionen des Nordens, Südostens und rund um das Viktoriaseebecken dagegen um 25-50 Prozent ansteigen. Der Ertrag des Hauptnahrungsmittels Mais wird sich bis 2080 um über 30 Prozent verringern. In extrem trockenen Regionen wie um die Hauptstadt Dodoma im Landesinneren wird ein Rückgang der Ernten um ganze 80 Prozent erwartet.

Gerade genug zum Überleben: Der Anbau von Mais wird auf dem strapazierten Boden immer schwerer
Tansania ist eines der ärmsten Länder der Welt. Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Betroffen ist vor allem die Landbevölkerung: Kleinbauern, Kinder und Jugendliche, alte Menschen. In der traditionellen Landwirtschaft spielen vor allem Frauen eine wichtige Rolle – sie produzieren 60-80 Prozent der im Inland konsumierten Nahrungsmittel. Bereits jetzt müssen sie aufgrund sich erschwerender Bedingungen für einen gleich bleibenden Ertrag mehr Zeit auf den Feldern verbringen. Für die Energieversorgung mit Feuerholz und die Wasserversorgung müssen sie immer längere Wege in Kauf nehmen, mitunter täglich mehr als zehn Kilometer.
Aus Opfern des Klimawandels werden Vorreiter
Seit 6 Jahren arbeitet Grace Mketto für die INADES Formation Tansania. Die Organisation engagiert sich für die arme Landbevölkerung: "Das Leben der Kleinbauern ist hart – unvorstellbar hart", sagt Mketto. "Sie bewirtschaften ihr Land mit den bloßen Händen und können deshalb nur auf kleinen Flächen anbauen. Der Ertrag reicht oft gerade aus, um zu überleben". Schulbildung und Gesundheitsvorsorge bleiben aus Geldmangel dabei auf der Strecke.
Grace Mketto ist in Tansania lokale Koordinatorin des Projekts "Frauen stärken – Klima wandeln!", einer Kooperation mit dem Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen. Im Rahmen des Projekts arbeitet Grace Mketto mit "Innovatorinnen" wie Mama Suzana oder Sister Mwasu zusammen: Sie hilft ihnen, auf ausgelaugten, trockenen Böden höhere Erträge zu erlangen oder die durch den Wechsel zwischen extremen Trockenzeiten und Starkregenfällen entstehenden Gräben wieder landwirtschaftlich nutzbar zu machen. So werden Frauen in ihrer sozialen Rolle in der Gemeinschaft gestärkt und zu starken Vorreiter in der Anpassung an die Folgen des Klimawandels.
Mketto und acht weitere Ausbilder der Organisation besuchen die Dörfer im Landesinneren und unterrichten die Frauen vor Ort. Wichtiger Teil ihrer Arbeit ist die Vermittlung von Techniken für eine nachhaltige Bewirtschaftung des Bodens. Oft sind es kleine Mittel, die dann einen großen Effekt auf den Ertrag haben. "Wir zeigen zum Beispiel, wie Kompost als Dünger verwendet werden kann – das kann den Ertrag mitunter verdoppeln".
Die
INADES bemüht sich auch um Vernetzung der Kleinbäuerinnen: "Wenn Dörfer ihre
Erfahrungen austauschen, wenn sie am Beispiel anderer sehen, was Veränderungen
bewirken können, dann haben sie auch mehr Mut selbst aktiv zu werden", erzählt
Mketto. Keine einfache Arbeit, denn der Klimawandel verschärft die ohnehin
bestehende Probleme wie die allgegenwärtige Armut und die Ausbreitung von
Krankheiten. "Es ist schwer zu helfen, denn es gibt eine solche Vielzahl von
Problemen", sagt Mketto. "Wir können zudem nur informieren und anleiten, aber
keine finanzielle Hilfe leisten. Und genau das ist es, woran es am meisten
fehlt".
"Die Kohlekraftwerke der Industrienationen verursachen bei uns Hungersnöte"
Grace Mketto versucht Zuhörer zu finden, das Bewusstsein für die an den Klimawandel geknüpften Probleme zu schärfen und aktiv Dinge zu verändern. "Viele Menschen in Afrika sind betroffen vom Klimawandel, ohne es zu wissen. Sie sehen zwar die Veränderungen, kennen aber die Ursachen nicht", so Mketto. Die 35-jährige setzt sich deshalb für ein wachsendes Bewusstsein für den Klimawandel und seine Folgen ein – und fordert von den reichen Industrieländern ein Bewusstsein für das Ungleichgewicht der Kräfte: "Arme Länder wie Tansania werden vom Klimawandel besonders hart getroffen, ohne die Hauptverursacher zu sein".
Um den Klimawandel einzudämmen müssen vor allem die reichen Industrienationen mehr für die Reduktion ihrer Treibhausgas- Emissionen tun – und keine weiteren Kohlekraftwerke bauen, so die 35-jährige: "Die Kohlekraftwerke der Industrienationen führen bei uns zu Überflutungen, extremen Dürren, schlechten Ernten, Hungersnöten und der Ausbreitung tropischer Krankheiten". Der Klimawandel sei ein globales Problem, dass nur global gelöst werden könne, sagt Mketto: "Das heißt: Jeder muss so viel tun wie er kann, um die Erwärmung zu stoppen. Und diejenigen unterstützen, die am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden".
SARAH MESSINA
Fotos: Janecki/VEN
Weitere Informationen zu den Demonstrationen der Klima-Allianz am 13. September finden Sie hier
In der nächsten Woche stellen wir an dieser Stelle einen weiteren Klimazeugen vor: Fei Tevi aus Fidschi.
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