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Ödland statt blühender Landschaften

In der Lausitz sollen weitere neun Dörfer der Kohle weichen. Günter Pfeiffer hat erlebt, was das bedeutet: Er verlor seine Heimat, sein Haus und seinen Glauben an die Politik. Noch heute kehrt er regelmäßig in seine alte Heimat zurück. Auf dem 3. Lausitzer Klima- und Energiecamp in Proschim kommt Günter Pfeiffer mit Aktivisten ins Gespräch.

Aus Proschim Nina Marie Bust-Bartels

Günter Pfeiffer schreitet bedächtig die Straße entlang. Zu beiden Seiten wuchern Schafgarbe, Hahnenfuß, Klatschmohn und Kornblume. Sie reichen ihm bis zur Brust. "Hier an der Ecke stand die Bäckerei. Hier habe ich jeden morgen Brötchen geholt", der 72-Jährige zeichnet mit den Armen die Umrisse der Häuser nach. Die Ruine der alten Post steht noch. Das Unkraut frisst sich zwischen die Steine, die zersplitterten Fenster. Hier stand einmal Haidemühl, Pfeiffers Heimatdorf.

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Hier droht Lebensgefahr: Ausflug zum Tagebau Welzow-Süd. (Foto: Bust-Bartels)

Heute ist Haidemühl eine Geisterstadt. Einer der 136 Orte in der brandenburgischen Lausitz, die in den vergangenen 80 Jahren ganz oder teilweise der Kohle weichen mussten. Günter Pfeiffer ist einer von 30.000 Menschen, die so ihre Heimat verloren haben. Der Energiekonzern Vattenfall fördert hier jährlich 20 Millionen Tonnen Braunkohle. Nun sollen neun weitere Dörfer verschwinden.

Neben dem, was früher Haidemühl war, steht ein gelb-rotes Zirkuszelt, daneben kleinere Zelte. "Kein Land mehr für Kohle", steht auf dem Plakat über dem Zirkuszelt. In dieser Woche findet hier das 3. Lausitzer Klima- und Energiecamp statt. Die Aktivisten veranstalten Workshops und Lesungen, zeigen Filme. Am kommenden Samstag ist eine Demonstration gegen die Braunkohle-Politik der rot-roten Landesregierung und gegen Vattenfall geplant.

Der Tagebau kommt unerbittlich näher

Zwischen den Ruinen Haidemühls blickt Günter Pfeiffer ins Leere, dorthin, wo einst sein Haus stand. 25 Jahre hat er hier mit seiner Frau gewohnt, seine Kinder sind hier aufgewachsen. "Es war unser Lebenswerk", sagt er. "Ich habe viel Herzblut hineingesteckt und viel Herzblut vergossen, als es abgerissen wurde." Das war im Januar 2007.

Im Februar kam Günter Pfeiffer zurück, räumte den Bauschutt und den Müll von seinem Grundstück, stutzte den Rasen. Auch dieses Jahr kam er wieder. Mit dem Spaten befreit er die wenigen Steine, die von seiner Einfahrt übrig geblieben sind. "Damit ich unser Zuhause wiedererkenne", sagt er. Jede Woche fährt er hier vorbei. Oft hält er an. "Ich kann unser Haus noch fühlen", erzählt er. Der Tagebau ist noch gut vier Kilometer entfernt, aber er kommt näher.

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Genau hier stand mal sein Haus, in dem Günter Pfeiffer 25 Jahre mit seiner Frau gewohnt hat. Die Einfahrt legt er immer noch frei. (Foto: Bust-Bartels)

Auch Günther Bartusch wohnte in Haidemühl. Auch er und seine Frau wurden zwangsumgesiedelt. "Meine Frau hat das nicht verkraftet, den ganzen Stress, die Trauer um unser Zuhause", sagt der 84-Jährige. Sie starb nur acht Tage nach der Zwangsumsiedlung. Nun stehen die beiden Männer verloren zwischen den Ruinen, auf der Straße, die früher "Straße der Deutschen Einheit" hieß.

Haidemühl ist verschwunden – jetzt geht es um Proschim

Nach der Wende versprach der damalige Ministerpräsident Brandenburgs, Manfred Stolpe (SPD), dass keine weiteren Dörfer dem Braunkohletagebau weichen müssen – Matthias Platzeck war damals Umweltminister und wurde 2002 Ministerpräsident. "Wir haben ihm geglaubt", sagt Günter Pfeiffer. Aus den blühenden Landschaften wurde nichts. Stattdessen: Schwarzes Ödland, so weit das Auge reicht.

Von einer Aussichtsplattform in der Nähe von Haidemühl kann man den Tagebau Welzow-Süd sehen – geplant ist nun ein Neuaufschluss des Tagebaus. Die Förderbänder stehen nicht still, tragen unablässig Kohle in Richtung Kraftwerk. Schwarze Pumpe, der Ort ist nach dem Kohlekraftwerk benannt.

"Der Kampf um Haidemühl ist verloren, aber jetzt geht es um Proschim", sagt Günther Bartusch. Der 84-Jährige wohnt nun in Proschim, nur zwei Kilometer von Haidemühl entfernt. Sein Enkel hat hier gebaut. Damals, als Haidemühl zwangsumgesiedelt wurde, hieß es, Proschim sei sicher. Nun will Vattenfall neue Tagebaue in der Lausitz. Unter anderem dort, wo jetzt Proschim liegt. Im kommenden Jahr soll entschieden werden. "Und dann geht's ganz schnell", sagt Günther Bartusch.

Austausch auf dem Camp

Bartusch und Pfeiffer verbringen viel Zeit auf dem Klimacamp in Proschim. Fast die Hälfte der Teilnehmer sind Betroffene aus der Umgebung. Die Kirche veranstaltet einen Auftaktgottesdienst, der Proschimer Chor singt, die Landfrauen backen Kuchen. In Proschim fährt ein Bauer jeden Tag Besucher mit seinem Traktor zum Tagebau Welzow-Süd.

Viele der Aktivisten auf dem Klimacamp kommen aus Cottbus. "Dort kommt man um das Thema Braunkohle nicht herum", sagt Falk Hermenau, der das Camp mitorganisiert hat. Die Klima-Gruppen und Bürgerinitiativen fordern den Abschied von fossilen Energien, anstatt neue Tagebaue zu genehmigen. Die persönlichen Schicksale der Bevölkerung vor Ort motivieren. "Dann weiß ich einmal mehr, wieso ich hier bin", sagt Hermenau.

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"Kein Land mehr für Kohle" steht auf dem Plakat über dem Zirkuszelt und darunter auf Sorbisch: "Heilig sind uns unsere Fluren" – in Anspielung auf die sorbische Hymne. Besucher können noch bis zum 21. Juli das Klimakamp in Proschim besuchen. (Foto: Daniel Häfner)

Aber nicht alle aus Proschim sind gegen den Kohlebergbau. "Die Bergbaubezogenen fürchten natürlich um ihre Arbeitsplätze", sagt Günther Bartusch. Seine Schwiegertochter musste das am eigenen Leib erfahren. Sie arbeitete im Büro von Vattenfall. Weil sie Flugblätter gegen den Tagebau verteilte, verlor sie ihren Job. "Die Kohle zerstört unsere Dorfgemeinschaft", sagt Bartusch. "Nachbarn hören auf sich zu grüßen."

Günther Bartusch sitzt auf einer Bierzeltgarnitur neben dem Zirkuszelt. Hier kommt er ins Gespräch mit den Klima-Protestlern. "Das ist das Wichtigste, dass sich auch Leute, die nicht von hier kommen, gegen den Tagebau einsetzen", sagt er. Das macht ihm Hoffnung.

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