Das dunkle Geschäft mit den Kohle-Importen

Woher kommt eigentlich die Steinkohle für deutsche Kraftwerke? Der Frage sind die Organisationen Fian und Urgewald nachgegangen. Das Ergebnis ist die Studie "Bitter Coal", die auf die katastrophalen Umstände des Kohleabbaus in Kolumbien und anderen Ländern hinweist. Doch deutsche Energiekonzerne wie Vattenfall importieren munter weiter.

Aus Berlin Laura-Sophia Schulz

Wenn Hamburg in diesen Tagen seinen Hafengeburtstag feiert (Donnerstag bis Sonntag), dürften sich bei der traditionellen Schiffsparade am Freitag einige mit Transparenten behangene Boote und Flöße einschmuggeln. Die Kampagne Gegenstrom13 plant am morgigen Freitag um 16 Uhr ein ganz besonderes Geburtstagsständchen: Mit mehreren Schiffen wollen die Aktivisten für anderthalb Stunden die Elbe blockieren, um gegen das geplante Steinkohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg zu protestieren. Das Vattenfall-Projekt in Hamburg ist nur eines von mehreren Kohlekraftwerken, die künftig ans Netz gehen sollen.

Foto
Steinkohle-Tagebau der Firma Cerrejón in Kolumbien. (Foto: Sebastian Rötters/​Fian)

Trotz der viel beschworenen "Energiewende" werden Steinkohlekraftwerke in Deutschland und Europa auch weiterhin in Betrieb genommen. Rund 19 Prozent des deutschen Stroms gingen im vergangenen Jahr auf die Verbrennung von Steinkohle zurück. Und die Tendenz für die kommenden Jahre ist steigend. Wenn in diesem Jahr in Deutschland Steinkohlekraftwerke mit einer Rekordleistung von beinahe 5,3 Gigawatt in Betrieb gehen, während durch das Stilllegen alter Kraftwerke lediglich ein Gigawatt eingespart werden, schlägt sich das negativ auf die Klimabilanz nieder.

Neben dem CO2-Ausstoß und der damit einhergehenden Belastung für das Weltklima haben Kohlekraftwerke noch weitere Schattenseiten. Kaum jemand fragt, woher die Steinkohle für das Betreiben deutscher Anlagen überhaupt kommt und welche Bedingungen beim Abbau vor Ort herrschen. Deswegen haben die Organisationen Fian und Urgewald die Studie "Bitter Coal" herausgegeben, die bei der Veranstaltung "Rohstoffe für die Elektromobilität – entwicklungs- und umweltgerecht?" am Dienstag vorgestellt wurde. 

75 Prozent der "deutschen" Steinkohle kommt aus dem Ausland

Die Ergebnisse: 75 Prozent der "deutschen" Steinkohle kommen aus dem Ausland. Ab 2018 dürften es sogar 100 Prozent werden, wenn die Subventionen für den deutschen Steinkohlebergbau auslaufen und die beiden letzten Bergwerke Prosper-Haniel und Ibbenbüren schließen, heißt es in der Studie. Vor allem aus Kolumbien, Russland und den USA importierte Deutschland in den letzten Jahren fleißig, ohne dabei allzu sehr hinter die Kulissen zu schauen. Dort sieht es laut Studie düster aus.

Besonders der Blick nach Kolumbien sollte den Energiekonzernen Eon, RWE, Vattenfall und Co Bauchschmerzen bereiten. Von allen Exportländern ist die Exportabhängigkeit dort am größten: Insgesamt exportiert das südamerikanische Land 95 Prozent der geförderten Kohle ins Ausland, wobei 2011 und 2012 jeweils zwischen 60 und 70 Prozent der Kohle nach Europa verschifft wurden. "Während die Milliardengewinne ins Ausland fließen, bleiben für die Menschen vor Ort Mondlandschaften, ausgetrocknete Flüsse und zerstörte Lebensgrundlagen zurück", heißt es in der Studie.

Besonders schwarze Schafe unter den Kohlelieferanten in Kolumbien seien die Unternehmen Cerrejón und Drummond. Die Firma Drummond habe auch in deutschen Stromkonzernen dankbare Abnehmer gefunden. Gegen das Unternehmen läuft zurzeit ein Gerichtsverfahren in den USA: Drummond wird vorgeworfen, in Kolumbien Paramilitärs finanziert zu haben, die Hunderte Morde begangen haben sollen. RWE, Eon und Co äußern sich nur verhalten zu den Vorwürfen und beziehen ihre Kohle weiter von dem zweifelhaften Unterehmen, kritisieren die Autoren der Studie.

Foto
In deutschen Kraftwerken werden jährlich 30 Millionen Tonnen importierter Steinkohle verbrannt. (Foto: Nostrifikator/​Wikimedia Commons)

Wenn wie geplant das Hamburger Steinkohlekraftwerk Moorburg 2014 in Betrieb geht, könnte der Steinkohle-Import aus Kolumbien noch einmal deutlich steigen, vermutet Sebastian Rötters von Fian. Das bereitet nicht nur ihm Sorgen. Auch die Aktivisten von Gegenstrom13 sind alarmiert. Am morgigen Freitag um 17:30 Uhr wollen sie die symbolische Blockade aufheben und die Elbe wieder freigeben – in der Hoffnung, dass bei Vattenfall und anderen Stromkonzernen vielleicht doch noch ein Umdenken stattfindet.

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen