Wenn echter Klimaschutz nur Satire ist

Die Europäische Investitionsbank EIB will eine neue, klimafreundlichere Energiepolitik unterstützen und Kohlekraftwerke nicht mehr finanzieren, hieß es kürzlich in einer EIB-Pressemeldung, die aufhorchen ließ. Nur: Die Meldung war bloß ein Fake. Aber warum eigentlich?, fragt die Aktivisten-Gruppe "The Yes Men", die den – eigentlich doch eher traurigen – Jux erfunden hat. 

Von Mike Bonanno, The Yes Men

Ich möchte Ihnen eine lustige Geschichte von der Europäischen Investitionsbank erzählen. Vorher aber zunächst ein wenig Hintergrund: Ich bin Mike Bonanno, ich bin ein "Yes Man". Seit über 15 Jahren personifiziere ich gemeinsam mit meinem Freund Andy einige der weltweit größten, übelsten und kriminellsten Unternehmen. So haben wir uns unter anderen als Exxon, Halliburton, Dow Chemical und viele andere ausgegeben. Unsere satirischen Interventionen dokumentieren wir, um sie mit der Weltöffentlichkeit zu teilen.


So sah sie aus, die Pressemitteilung der Yes Men, wonach die Europäische Investitionsbank eine neue, klimafreundlichere Energiepolitik unterstützen und keine Kohlekraftwerke mehr finanzieren will. Ursprünglich natürlich ohne das dicke rote "Fake". (Foto: Bankwatch)

Unser Ziel ist es, Kriminalität, Ignoranz und Gier zu entlarven. Und weil Andy und ich uns gerne einen Spaß erlauben, sind Humor, Irrsinn und Kühnheit wichtige Bestandteile unserer Aktionen. Wir haben neben vielen anderen Dingen den urkomischen "Überlebensball" verkauft, einen ein Meter langen goldenen Phallus als Instrument für das Management ausbeuterischer Betriebe präsentiert und wir haben für Treibstoff worben, der angeblich aus menschlichen Opfern des Klimawandels hergestellt wurde.

Wir lieben diese Art zielgerichteter Narrenstreiche. Es ist eine hervorragende Taktik, um die öffentliche Aufmerksamtkeit auf ein bestimmtes gesellschaftliches Problem zu richten. Als uns deshalb die Organisationen CounterBalance und Bankwatch baten, mit ihnen die Europäische Investitionsbank (EIB) herauszufordern, waren wir sofort begeistert. Wir hatten aber zunächst eine einfache Frage: "Wer ist die Europäische Investitionsbank?"

Europäisches Geld für "saubere Technologien" – und Kohlekraftwerke

Wie wir erfuhren, arbeitet die EIB, deren Eigentümer die EU-Mitgliedsstaaten sind, mit einer großen Menge europäischer Gelder, ist aber dennoch nur wenig bekannt. "Die Bank der EU", wie sie sich selbst nennt, ist das größte öffentliche Kreditinstitut – größer noch als die Weltbank. Ihr Mandat beinhaltet die Förderung der nachhaltigen Entwicklungsziele der EU, wozu vor allem auch die Reduzierung von Treibhausgasen um 80 bis 95 Prozent bis 2050 gehört. Auf ihrer Webseite verkündet die EIB, sie sei die "führender [sic] Finanzierungsinstitution für saubere und klimaverträgliche Technologien", jedoch unterschlägt sie dabei ein wichtiges Detail: die wuchtigen Kredite für Kohlekraftwerke – darunter zwei deutsche in Duisburg-Walsum und in Karlsruhe – sowie andere klimaschädliche Energieträger.

Counter Balance und Bankwatch wollten, dass unser YesLab ihnen hilft, diese Scheinheiligkeit bloßzustellen.

Im Vergleich zu einigen anderen Yes-Men-Aktionen sollten wir die EIB jedoch weniger der Lächerlichkeit preisgeben, sondern die in unseren Augen einzige Alternative für die EIB herausstellen und unsere Überzeugung deutlich machen, dass dieser Weg auch für die EIB gangbar ist – eine insgesamt recht positive Botschaft also.

Eine falsche Pressemitteilung und die richtigen Fragen

Einen Tag vor der exklusiven Jahrespressekonferenz der EIB gaben wir deshalb eine gefälschte EIB-Pressemeldung heraus, in der die EIB ankündigte, endlich das Richtige zu tun, indem sie keine weiteren Kohlekraftwerke finanzieren werde. Die Nachricht wurde erwartungsgemäß sofort von der Wirtschaftspresse aufgegriffen. Unser Schauspieler, der sich als Repräsentant der EIB ausgab, musste Journalisten per Telefon den ganzen Nachmittag Auskünfte erteilen, und viele Journalisten fragten über unsere falsche E-Mail-Adresse nach Details zu den Kohlekrediten der EIB. Es waren genau die Fragen, welche die Medien eigentlich viel öfter stellen sollten!

Die EIB reagierte sehr schnell mit einer Klarstellung und der Drohung, rechtliche Schritte einzuleiten. Aber damit waren wir noch nicht am Ende.

Am nächsten Tag verschaffte sich unser Schauspieler Zugang zu der exklusiven Pressekonferenz – dank echter Presseausweise von unseren polnischen Partnern Krytyka Polityczna – und überreichte dem Präsidenten der EIB, dem ehemaligen FDP-Abgeordneten Werner Hoyer, eine verblüffende Trophäe. Unser Mann bedankte sich im Namen von Europas Bürgern für die Entscheidung der EIB, von weiteren Kohlekrediten abzusehen, und suggerierte, dass dies seine Fortsetzung in der Abkehr von jeglichen fossilen Brennstoffen finden könnte.

Hoyer versuchte die Unterbrechung beiseite zu schieben, wurde aber während der Fragerunde von den anwesenden Journalisten gedrängt, die Bemühungen der EIB im Bereich des Klimaschutzes näher zu erläutern – besonders im Hinblick auf ein Kohlekraftwerk in Slowenien, dem just eine Woche später fast eine halbe Milliarde Euro von der EIB ausgezahlt wurde. Unsere Arbeit hier war getan. (Nun ja fast, wir stellten außerhalb des Gebäudes auch eine deutlich größere Version der Trophäe auf und mehrere Passanten wunderten sich, was es mit dem zwei Meter hohen silbernen Schlot, aus dem Blumen wachsen, auf sich hatte.)

Hier sind wir also. Eine Europäische Investitionsbank, die keine Kohle mehr unterstützt, ist noch immer ein Traum. Aber Counter Balance, Bankwatch und die Yes Men haben vielen Menschen geholfen, sich ein sauberes Europa auszumalen. Die EIB könnte eine führende Rolle bei der Dekarbonisierung Europas spielen, EU-Bürger und grüne Energieunternehmen würden die Vorteile willkommen heißen und die EIB würde vielleicht, aber nur vielleicht, eine echte Auszeichnung von Umweltschützern bekommen.

Bis dahin muss es offenbar noch einige Aktionen geben.


Die beiden führenden Mitglieder der "Yes Men", Mike Bonanno (links) und Andy Bichlbaum. Die Namen sind Pseudonyme. Die Aufnahme aus dem Jahr 2007 entstand bei einer Aktion gegen Exxon Mobil. (Foto: CherryX/​Wikimedia Commons)

Der Autor ist ein international bekannter Multimediakünstler und führendes Mitglied der Yes Men, einer Gruppe von Culture-Jamming-Aktivisten, die mit ihren Aktionen öffentliche Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Probleme schafft. Übersetzung aus dem Englischen: Sven Haertig-Tokarz.

Mehr (englischsprachige) Informationen zur andauernden Revision der Finanzierungspolitik der EIB im Energiesektor finden sich auf der Webseite von CEE Bankwatch Network.

[Erklärung]  
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