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"Hannelore findet's prima"

Großer Bahnhof in Nordrhein-Westfalen: RWE nimmt vor 400 geladenen Gästen heute sein neues Kraftwerk Neurath in Betrieb. Ungeladen sind etwa 50 Aktivisten, die gegen den neuen Klimakiller protestieren. RWE spricht vom "modernsten Braunkohlekraftwerk der Welt", die Kritiker von 16 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich. Daniela Setton von der Klima-Allianz erklärt im Interview mit klimaretter.info, warum sich der Protest auf die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) fokussiert.

Daniela Setton, 38, ist seit 2008 Energie-Referentin bei der Klima-Allianz. Davor war sie Weltbank-Expertin bei Weed und Mitglied der Attac-AG Finanzmärkte.

klimaretter.info: Frau Setton, Sie demonstrieren mit der Klima-Allianz heute gegegn die Eröffnung des neuen Braunkohlekraftwerks von RWE in Grevenbroich.Warum?

Daniela Setton: Braunkohle ist der klimaschädlichste Energieträger, den es überhaupt gibt. Bei der Verbrennung von einer Tonne entstehen bis zu 1,4 Tonnen Kohlendioxid. Deshalb brauchen wir einen Ausstieg aus der Braunkohleverstromung. Neue Kraftwerke müssen aber mindestens 30 Jahre laufen, um ihre Kosten zu amortisieren. Das passt nicht zusammen.

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Der Bauplatz 2007 – fotografiert vom Fotokünstler Henry Fair. (Foto: Fair)

Der Bau der neuen Anlagen hat 2,7 Milliarden Euro gekostet.RWE erklärt uns, das neue Kraftwerk Neurath sei flexibel und deshalb geeignet als Brücke in die erneuerbare Zukunft – das modernste Braunkohlekraftwerk der Welt. Was haben Sie dagegen?

Das ist eine absolute Mär. Abgesehen von Atomreaktoren sind Kohlekraftwerke diejenigen Stromproduzenten, die am unflexibelsten zu regeln sind. Daran ändert auch eine neue Technologie nichts. Es bleibt ein unflexibles Grundlastkraftwerk ohne nennenswerte Auskoppelung der Prozesswärme – ein Dinosaurier des Kohlezeitalters.

Deutschland ist der weltgrößte Braunkohleverstromer, ein Viertel des deutschen Stroms wird aus der Verbrennung von Braunkohle gewonnen. Und dieses neue Kraftwerk von RWE wird 16 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr erzeugen. Und das viele Jahre lang – das ist im Angesicht der Erderwärmung einfach nicht hinnehmbar.

RWE argumentiert, dass der Konzern jetzt ein altes Kraftwerk mit einem wesentlich schlechteren Wirkungsgrad vom Netz nehmen wird. Ist das nicht löblich?

Absolut nicht. Erstens muss RWE die alten Kraftwerke sowieso vom Netz nehmen. Dreckschleudern wie Frimmersdorf laufen seit fast 60 Jahren. Ohne neue Investitionen sind solche Kraftwerke verschlissen. Und da kommt es RWE eben insgesamt billiger, ein neues Kraftwerk zu bauen, als die alten, abgeschriebenen Reaktoren zu ertüchtigen. Zweitens glaube ich die Ankündigungen von RWE erst, wenn der Konzern tatsächlich ein altes Kraftwerk vom Netz genommen hat.

Sie protestieren vor dem Kraftwerk mit Konterfeis von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Warum?

"Nordrhein-Westfalen killt das Klima, Hannelore Kraft findet's prima" – das ist unser Slogan. Denn natürlich ist es die Politik, die der Wirtschaft den Rahmen vorgeben muss. Für den Klimaschutz reicht es einfach nicht, eine Energiewende auszurufen. Es muss gleichzeitig ein Ausstieg aus der Braunkohle eingeleitet werden. Offenbar hat das die SPD einfach noch nicht begriffen – hier in Nordrhein-Westfalen genau so wenig wie in Brandenburg.


NRW-Regierungschefin Hannelore Kraft wird von den Klimaschützern besonders kritisiert. (Foto: Klima-Allianz)

Peter Altmaier verantwortet die Bundespolitik, auch er gehört zu den 400 geladenen Gästen, die der Eröffnung beiwohnen. Warum richtet sich die Kritik dennoch so dezidiert gegen Hannelore Kraft?

Ja, Altmaier ist gerade mit seiner Limousine an uns vorbeigerauscht und ein Journalist hat uns gesagt, der Bundesumweltminister sei ganz begeistert von der neuen Anlage. Dennoch empört uns Hannelore Kraft in besonderem Maße. Dass ausgerechnet die Ministerpräsidentin diesen Klimakiller offiziell in Betrieb nimmt, belegt die widersprüchliche Energie- und Klimaschutzpolitik der SPD.

Vielleicht 50 Aktivisten sind nach Grevenbroich gekommen, um sich ihrem Protest anzuschließen. Nicht gerade atemberaubend viele, oder?

Sie dürfen nicht vergessen, dass heute ein ganz normaler Arbeitstag ist und die Leute aus der Region, die uns unterstützen, oft Urlaub nehmen mussten. Angesichts einer Protestkultur, in der der Protest nicht mehr zwangsläufig auf die Straße getragen wird, sind wir zufrieden: Wir werden gehört, unsere Botschaft kommt an.

Interview: Nick Reimer
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