Die Strategie der Nadelstiche
In der Lausitz startete das Klimacamp mit einer Demonstration durch die Cottbuser Innenstadt. Mindestens eine weitere soll in den kommenden Tagen folgen. Im Rheinland zogen die Aktivisten des dortigen Klimacamps eine positive Bilanz: Zweimal hatten sie den RWE-Kraftwerken die Kohlezufuhr abgeschnitten.
Von Charlotte Schumann
Auftakt des Lausitzer Klimacamps: Unter dem Motto "Für eine Zukunft ohne Kohle und Atom" sind am Samstag einige hundert Demonstranten durch Cottbus gezogen. Mit bunten Plakaten und Sprechchören gegen Vattenfall und die Speichertechnologie CCS zogen sie vom Hauptbahnhof zur Abschluss-Kundgebung vor die Cottbuser Stadthalle. Die Polizei sprach von einer "friedlichen Veranstaltung" mit etwa 200 Teilnehmern.

Cottbus: Demo zum Auftakt des diesjährigen Lausitzcamps. (Foto: Lausitzcamp)
Bis zum kommenden Sonntag wollen die Aktivisten "vielfältige Diskussions- und Aktionsräume schaffen", wie es im Aufruf zum Camp heißt. Neben Workshops und Diskussionen ist am kommenden Freitag auch eine Demonstration am Kraftwerk Jänschwalde geplant. Aktionen wie im vergangenen Jahr - aus Protest gegen die kohlefreundliche Politik der rot-roten Landesregierung hatten die Campteilnehmer Parteibüros besetzt - wollten die Organisatoren ausdrücklich nicht ausschließen. "In Amerika rufen Persönlichkeiten, wie der Wissenschaftler James Hansen oder die Autorin Naomi Klein, zu Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen fossile Infrastruktur auf", erklärte Patrick Stötzel von der Initiative ausgeCO2hlt. Deshalb wollen die Aktivisten auch "tatkräftig" werden.
Vattenfall hatte die Organisatoren im Vorfeld des Camps davor gewarnt, firmeneigenes Betriebsgelände zu betreten. Die Teilnehmer sollten Abstand zu Anlagen und Maschinen halten, um sich nicht selbst in Gefahr bringen, hieß es martialisch. Vattenfall hat mit Klimacampern unangenehme Erfahrungen gemacht: 2008 hatten beispielsweise Aktivisten des Hamburger Klimacamps die Baustelle des Kohlekraftwerks Hamburg-Moorburg besetzt.
Ursprünglich sollte das Lausitzer Camp direkt in Jänschwalde neben dem dortigen Kraftwerk - einer der größten Kohlendioxidquellen Europas - seine Zelte aufschlagen. Allerdings hatte es im Vorfeld Querelen gegeben: Die Polizei hatte zwei Familien in Jänschwalde aufgesucht, die dem Lausitzer Klimacamp Platz zum Campen zur Verfügung stellen wollten. Mit nachhaltiger Wirkung: Jetzt wollten die Unterstützer die Aktivisten nur mit Zustimmung des Gemeinderates beherbergen. Doch der Gemeinderat lehnte ab. Neuer Standort ist nun das Strombad Cottbus.
Die Wendland-Bewegung als Vorbild
Eine positive Bilanz zogen die Organisatoren des Klimacamps im Rheinland, das heute am Rand des Braunkohletagebaus Hambach zu Ende geht. Es sei gelungen, zweimal die Hambachbahn mit Sitzblockaden und Ankett-Aktionen zu blockiert und so die Kohleversorgung des schmutzigsten Kraftwerks Deutschlands in Niederaußem zu unterbrechen. "Nur durch teils gewalttätige Räumungen seitens der Polizei konnte RWE seine CO2-Schleudern am Laufen halten", erklärte Lisa Schumacher, Sprecherin von ausgeCO2hlt.Auf dem Klimacamp hatten mehr als 50 Workshops und Bildungsveranstaltungen zur fossilen Energieversorgung stattgefunden. Zum Abschluss gab es ein zweitägiges Festival unter dem Motto "Feiern against Climate Change" mit vielen Bands.
Rheinland und Lausitz - in diesem Jahr findet auch im kleinsten deutschen Braunkohlerevier, im Mitteldeutschen Revier, erstmals ein Klimacamp statt. Vom 20. bis zum 26. August haben die Organisatoren nach Hohenmölsen eingeladen. Anders als etwa der Anti-Atom-Protest mobilisiert allerdings der Anti-Kohle-Protest derzeit nur einige hundert Menschen in Deutschland. "Wir brauchen eine Bewegung wie im Wendland um RWEs Irrsinn hier zu stoppen", sagt Sprecherin Lisa Schumacher.

Rheinland: Zweimal gelang den Aktivisten die Blockade der Hambacher Kohlebahn. (Foto: ausgeCO2hlt)
Vorerst versuchen es die Aktivisten mit der Taktik der Nadelstiche: wieder und wieder pieksen. Beispielsweise in der kommenden Woche: Wenn NRW-Regierungschefin Hannelore Kraft (SPD) am 15. August das neue Braunkohlekraftwerk Neurath II einweiht, dann wollen sie sich bei einer Gegendemonstration Luft machen. Ihr Motto: "Braunkohle killt das Klima. Hannelore Kraft findet's prima".
Als nächstes ist im Rheinischen Revier vom 29. September bis 3. Oktober eine Aktionswoche gegen die Abholzung des Hambacher Forstes geplant. Ab Anfang Oktober darf RWE hier wieder roden, um Platz für die Erweiterung seines Tagebaus zu schaffen. Dagegen gibt es seit April eine Besetzung, die dann von einer Räumung bedroht ist.
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