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"Nicht nur das Gleiche in Grün"

Beim diesjährigen Klimacamp im Rheinischen Braunkohlerevier protestieren Hunderte Menschen gegen die Kohlepolitik von RWE – mehr als in den Jahren zuvor. Weitere Camps in der Lausitz und in Sachsen-Anhalt werden folgen. Mitorganisatorin Dorothee Häußermann will außerdem eine breite Kampagne gegen Braunkohlekraftwerke auf die Beine stellen.

Dorothee Häußermann organisiert seit 2010 die Klimacamps im Rheinischen Braunkohlerevier. Die freiberufliche Referentin war ursprünglich Lehrerin. Sie sattelte um, weil ihr die Schule nicht genug Zeit für die Klimabewegung ließ.

klimaretter.info: Frau Häußermann, zu Beginn der Woche haben etwa 90 Aktivisten des Klimacamps die Gleise der Hambachbahn blockiert, Kohlegegner ketteten sich an den Gleisen fest. Was soll mit den Protesten erreicht werden?

Dorothee Häußermann: Der Protest soll bewirken, dass die Öffentlichkeit auf die riesige Kohlendioxidquelle aufmerksam wird, die es hier gibt. Das Rheinische Braunkohlerevier mit seinen drei Tagebauen und seinen vier großen Kraftwerken ist die größte CO2-Quelle Europas. Diese Aktivitäten müssen gestoppt werden.

Die Schienenblockaden erinnern an die Blockaden während der Castortransporte. Kann die Blockade der Hambachbahn, über die die Versorgung der Kraftwerke mit dem Nachschub an Kohle unterbrochen werden soll, die gleiche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erzeugen?

Ja, mit den Schienenblockaden hier führen wir die Tradition der Castortransporte weiter. Wir wollen diese Energiekämpfe zusammenführen. Es geht eben nicht nur um den Atomausstieg, sondern auch um den Kohleausstieg und um eine Änderung des gesamten Energiesystems.

Mit den Castortransporten solidarisieren sich bundesweit Menschen. Wie gut gelingt es den Anti-Kohle-Aktivisten, ihren Protest auf eine bundesweite Ebene zu heben?

Zum Klimacamp sind Leute aus dem gesamten Bundesgebiet angereist, teilweise sogar aus Holland, England und Italien. Der Protest hier ist also keine lokale Angelegenheit. Man muss allerdings zugeben, dass die Klimabewegung noch nicht die Breitenwirkung der Castortransporte oder der Anti-Atom-Bewegung hat. Um den Klimawandel aufzuhalten, müssten wir viel weiter sein. Wir setzen aber darauf, dass die Bewegung wächst.

Ziviler Ungehorsam ist eines der Mittel, mit denen die Klima-Aktivisten ihrem Protest Ausdruck verleihen. Was passiert noch während der Camps?

Wir führen vor allem Workshops durch. Hierbei geht es unter anderem um die deutsche Energiepolitik, etwa den Bau neuer Kohlekraftwerke. Weitere Themen sind Rohstoffpolitik und Klimagerechtigkeit. Außerdem haben wir internationale Gäste, etwa einen Aktivisten aus Kanada, der über den Abbau der Teersande und dessen Folgen informiert, oder einen Aktivisten aus Kolumbien, der von den dortigen Aktivitäten gegen Kohleminen berichtet.


Angekettet im Schienenbett der Hambacher Kohlebahn: Mit solchen Aktionen wollen die Aktivisten die Debatte um Klimaschutz befeuern. (Foto: braunkohlestoppen)

Wir beschäftigen uns aber auch mit grundlegenden Themen wie der Postwachstumsökonomie, denn wir zielen mit unseren Aktivitäten nicht darauf ab, das gleiche System in Grün zu bekommen – mit ein paar mehr Solarzellen und Windrädern und etwas mehr Energieeffizienz. Stattdessen müssen wir unsere Gesellschaft grundlegend umstrukturieren und die Fixierung auf Wachstum und den massiven Verbrauch endlicher Rohstoffe beenden.

Am kommenden Freitag und Samstag gibt es hier vor Ort außerdem noch ein Festival, da wird gefeiert. Wir laden herzlich ein, vorbeizukommen und den Protest vor Ort zu unterstützen.

Gibt es Planungen für Aktionen, die über die Camps hinausreichen?

Auf jeden Fall. Wir wollen ja nicht nur Klimacamps organisieren, sondern eine breite Kampagne gegen Braunkohlekraftwerke auf die Beine stellen. Hierzu ist Verschiedenes in Vorbereitung.

Im vergangenen Jahr fanden die ersten beiden Klimacamps im Rheinland und in der Lausitz statt. In diesem Jahr ist ein weiteres Camp in der Nähe von Leipzig hinzugekommen. Wächst die die Anti-Kohle-Bewegung in Deutschland?

Ja. Im letzten Jahr haben 200 bis 300 Leute das Klimacamp im Rheinland besucht, im Durchschnitt waren rund 100 Leute pro Tag vor Ort. In diesem Jahr sind es schon 150, sodass am Ende der Woche rund 300 bis 400 Leute dagewesen sein werden. Außerdem sind auch mehr Initiativen vertreten, die Aktivisten sind breiter vernetzt. Auch für das Klimacamp in der Lausitz werden mehr Leute erwartet.

Wichtig ist, dass hier Leute aus unterschiedlichen Ecken zusammenkommen und sich kennenlernen und vernetzen können. Das bringt die Bewegung zusammen. Gerade auch junge Leute lernen hier viel Neues – zum Beispiel das vegane Essen. Die entscheiden sich dann oft dafür, in Zukunft kein Fleisch mehr zu essen. Das Klimacamp politisiert, die Leute beschließen, selbst für den Klimaschutz aktiv zu werden und die Anti-Kohle-Bewegung zu unterstützen.

Interview: Eva Mahnke

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