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CCS - längst noch nicht tot

Im Landkreis Oder-Spree sollen östlich von Berlin jetzt die ersten geologischen Tiefenuntersuchungen der umstrittenen Speichertechnologie von Kohlendioxid beginnen - das sogenannte CCS. Dagegen protestierte am Samstag bei klirrender Kälte ein Zug von Gegnern: "Das Karnickel wird sich nicht schlachten lassen", so ihre Botschaft.

Aus Beeskow Nick Reimer

"Ohne Gehirn keine Schmerzen" steht auf der Stirn der Styropur-Puppe geschrieben, die hinten auf dem Hänger thront. Das ist eine feine Anspielung auf Brine, einem Projekt des Geoforschungsinstituts Potsdam. Im Landkreis Oder-Spree wollen die Forscher Untersuchungen durchführen, die für eine geplante Kohlendioxid-Verpressung dienen könnten, der sogenannten Carbon Capture and Storage - Technologie, der unterirdischen Abscheidung und Einlagerung von Kohlendioxid. "Die wollen gucken, ob das Karnikel schon schlachtreif ist", sagt Ulf Michael Stumpe, Sprecher der Bürgerinitiative Co2ntraEndlager aus dem Oderbruch.


Wollen noch nicht schlachtreif sein: die Brandenburger gegen CCS. (Fotos: Reimer)

Vielleicht 50 Demonstranten sind an diesem Samstag nach Raßmannsdorf gekommen, einem Kaff mit sieben Hunden und zwei Dutzend Einwohnern in der Mark Brandenburg. Die Einheimischen stehen hinter ihren Eingangstoren und gucken erstaunt: Eine Demo gab es hier noch nie. Es ist klirrend kalt, ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht, aber die Raßmannsdorfer bewegen sich nicht hinter ihrem Tor hervor. Stumpe schaltet das Megafon an und gibt den Plan aus: "Wir sind doch nicht blöde! Wir passen auf! Auf zum ersten Messpunkt!"

Das Geoforschungsinstitut in Potsdam wird jetzt konkret. Mit Vattenfall und der Universität Cottbus wollen die Forscher der Helmholtz-Einrichtung endlich mit Vorarbeiten zu CCS beginnen. Die Wissenschaftler erklären das Projekt "Brine" so: "Bei einer Speicherung von Kohlendioxid in tiefen salzhaltigen Grundwasserleitern wird das im Porenraum vorhandene Wasser verdrängt. Diese Verdrängung ist nur durch eine Druckerhöhung zu ermöglichen."

Irgendwo muss ja aber das, was verdrängt wird hin, so die Forscher: Die Auswirkungen dieses Verdrängungsprozesses sei bisher nur unzureichend betrachtet worden. Könnte es sein, dass beispielsweise trinkwasserführende Schichten in Mitleidenschaft gezogen werden?

Die Forscher schreiben weiter: "Mit »Brine« soll deshalb durch die Kopplung von Grundwassermodellen untersucht werden, ob Salzwassermigration aus tiefen salinaren Aquiferen zu einer Gefährdung (Versalzung) der trinkwasserführenden Grundwasserleiter in den oberen Gebirgsstockwerken führen könnte."

Ein gelbes X - ganz in der Tradition des Gorleben-Protestes

Es geht also konkret um die Frage, ob das Trinkwasser in Rassmannsdorf sicher ist. Unter dem Provinznest an der Spree wurde eine potentielle Speicherstruktur entdeckt, die sich 40 Kilometer im östlichen Brandenburg bis fast in den Spreewald zieht. Zwar hatte Vattenfall wegen des ausbleibenden CCS-Gesetzes sein Demonstrationskraftwerk in Jänschwalde abgesagt. Das Geoforschungsinstitut möchte aber dennoch wenigstens in die Grundlagenforschung einsteigen. Neben dem Forschungsfeld in Ketzin gibt es faktisch keine Feldversuche in Deutschland.

13 Messpunkte wollen die Demonstranten an diesem Samstag entlang des 40 Kilometer langen Querschnitts ansteuern, an 13 Messpunkten wollen sie ein gelbes X annageln. Das X steht für "nix da!" Nicht gerade neu, die Idee mit den Xen, das ganze Wendland ist damit zugepflastert. "Eben", sagt BI-Sprecher Stumpe. "Es ist wichtig, aus Gorleben zu lernen: Wenn es erst einmal losgegangen ist, ist es schwierig, es wieder loszuwerden". Wehret den Anfängen, ruft er durchs Megafon.


"Brain" - englisch für Gehirn - muss als Gedankenstütze für "Brine" herhalten. So nennt sich das Projekt des Geoforschungsinstituts in Potsdam.

Was ist denn eigentlich so schlimm daran, dass es Forschungsarbeiten zum CCS gibt? Der Weltklimarat IPCC hat doch in seinem letzten Sachstandsbericht dargelegt, dass das zwei-Grad-Ziel überhaupt nur mit CCS zu schaffen sei. Warum also nicht mit der Arbeit beginnen - zumal hier, wo Deutschland als Industrienation doch zu den Hauptschuldigen des Problems zählt?

"Wir müssen den Umstieg auf erneuerbare Energien schneller schaffen, als es sich gerade abzeichnet", sagt Herbert Wenske aus der Kreisstadt Beeskow. CCS zementiere nur die alten Energie-Erzeuger-Strukturen. "Große Kraftwerke, die zentral arbeiten. Die Zukunft geht aber anders: Viele tausend kleine Kraftwerke, die dezentral einspeisen", so Wenske. Das zu installieren bedarf mehr Anstrengungen. CCS "verneble" dabei nur den Blick.

Der Wahlbetrug der Linkspartei

Fünf Kilometer hinter Raßmannsdorf im märkischen Wald springen die Demonstranten aus dem Auto. Hier bringen sie das erste gelbe Kreuz des Tages an einem Baum an. "Nein zu Messpunkt 13", ruft BI-Sprecher Ulf Michael Stumpe in sein Megafon. "Kein CCS", tönt es zurück.

Die Linkspartei hatte hier vor mittlerweile vier Jahren ein Volksbegehren gegen neue Tagebaue unterstützt, war aber am Desinteresse der Brandenburger gescheitert. Im Wahlkampf zur Landtagswahl 2009 hatte sich die Linkspartei immer wieder gegen CCS ausgesprochen - nach ihrem Wahlsieg aber genau das Gegenteil vollzogen. Das dem linken Wirtschaftsminister Ralf Christoffers unterstellte Landesbergamt genehmigte im Januar 2011 die ersten CCS-Versuche überhaupt in Deutschland.


Messpunkt 13: Das gelbe X ist gesetzt.

Nein, gebohrt werde von den Wissenschaftlern hier an den Meßpunkten nicht. Die geologischen Tiefenuntersuchungen seien allenfalls eine Vorstufe zu Probebohrungen. "Aber wir wollen zeigen, dass unser Protest auch nur eine Vorstufe dessen ist, was auf die Landesregierung zukommt, wenn sie Ernst macht", sagt BI-Sprecher Stumpe. 

"Wichtig ist, dass alle betroffenen Landeigentümer an den Messpunkten sensibilisiert werden, die Betretung ihrer Flächen zu verweigern", sagt Sylvia Wadewitz, eine Demonstrantin aus dem Oderbruch. Sie klopft die Hände gegeneinander um die Durchblutung bei dieser monströsen Kälte zu fördern. Und dann lächelt sie schelmisch unter ihrer tief sitzenden Mütze hervor: "Zuwiderhandlungen durch Messteams wären dann Hausfriedensbruch".

 

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