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Tepco schaltet Reaktor Kashiwazaki ab

Lediglich drei der 54 japanischen Atomreaktoren werden Ende der Woche noch am Netz sein. Trotzdem genehmigte der außenpolitische Ausschuss des Parlaments gerade den Export japanischer Atomanlagen nach Jordanien und Vietnam. Dagegen organisiert sich nun der Widerstand - nicht nur in Japan selbst.

Aus Tokyo Suvendrini Kakuchi (IPS), aus Berlin Nick Reimer

Da waren es nur noch drei: Die Tokyo Electric Power Company - abgekürzt Tepco - hat am Mittwoch damit begonnen, ihren Reaktor Kashiwazaki-Kariwa 5 an der Westküste herunterzufahren. Die Japaner haben das deutsche Wort "Stresstest" in ihren Sprachgebrauch aufgenommen. Nach der Erdbebenkatastrophe im März vergangenen Jahres müssen alle 54 Atomkraftwerke den Nachweis erbringen, dass sie gegen derartige Erdstöße in direkter Nachbarschaft, wie am 11. März 2011 nahe Fukushima, gewappnet sind. Ein oft Monate andauerndes Procedere.

Kommenden Freitag wird dann auch der vom Konzern Chugoku Electric betriebene Reaktor Schimane 2 vom Netz gehen, dann sind nur noch drei der 54 Atomreaktoren Japans am Netz. Und auch die sollen bis spätestens Mai vorübergehend abgeschalten werden. Wann heruntergefahrene Anlagen wieder ans Netz gehen, ist ungewiss. Japan deckt seinen Energiebedarf eigentlich zu 30 Prozent aus Atomkraftwerken.


Straßenschleuse: Ein Lkw transportiert nahe der Stadt Minamisoma radioaktiv kontamiertes Material zum Zwischenlager. (Alle Fotos: Silke Malorny)

Nun versucht die Regierung, den Mangel an Erzeugerkapazität durch alte Öl- und Kohlekraftwerke, die wieder angeworfen werden, wettzumachen - was für die ohnehin schon katastrophale Kyoto-Bilanz Japans natürlich Gift ist. Ursprünglich hatte sich Japan nach dem in seiner alten Kaiserstadt Kyoto unterzeichneten Protokoll verpflichtet, bis Ende diesen Jahres sechs Prozent weniger Kohlendioxid zu produzieren. Tatsächlich liegt Japan 15 Prozent hinter diesem Ziel zurück. Und das wird sich dramatisch verschlechtern: Im Dezember importierte Japan viermal so viel Rohöl wie vor dem GAU.

Für 14 Reaktoren ist bereits der Stresstest abgeschlossen, eigentlich sollte der Reaktor Oi in der Verwaltungsprovinz Osaka als erster wieder angefahren werden. Allerdings haben Bürgerinitiativen dort 50.000 Unterschriften gegen das Wiederanfahren des AKW Oi abgegeben. Der Rat der Stadt muss sich jetzt dieser Bürgerinitiative stellen. Danach sollte das Atomkraftwerk Ikata nahe der Stadt Shikoku wieder angefahren werden, aber auch dort regt sich Widerstand.

"Wir brauchen Hilfe. Wir brauchen mehr Ärzte, mehr Strahlenexperten!"

Fuminori Tamba sagt, dass die Strahlungs-Karte in der Region Fukushima aussehe wie ein Leopardenfell. "Die radioaktive Kontamination tritt fleckenweise auf", der Experte vom Institute for Fukushima Recovery wundert sich selbst. "Es kann sein, dass in einer Straße kaum Radioaktivität gemessen wird. Wenn man aber um die Ecke geht, ist dort plötzlich eine sehr hohe Belastung."

Aya Marumori hat sich der Citizens Radioactivity Measuring Station angeschlossen, einem Bürgernetzwerk, dass die Radioaktivität selbst  misst. Die Frau erzählt von Angst, von Frustration und Wut. Fragen werden von den Behörden immer noch nicht beantwortet. Alles ist widersprüchlich. "Viele Jahrzehnte hat ganz Japan den Atomstrom aus Fukushima genommen. Wir haben ja gar nicht so viel  gebraucht. Jetzt haben wir den Schaden. Und die Regierung lässt uns jetzt allein. Wir brauchen Hilfe. Wir brauchen mehr Ärzte, mehr Strahlenexperten. Bitte helfen Sie uns, damit wir eine Zukunft haben."

Als Folge des Super-GAU im März 2011 hatten 150.000 Menschen die Umgebung von Fukushima verlassen müssen. Auf Zehntausenden Hektar kontaminierten Agrarlands dürfen keine Nahrungsmittel mehr angebaut werden. Produkte aus den verseuchten Küstengewässern sind ungenießbar. Als Betreiberin des verwüsteten Atomkraftwerks von Fukushima stehen der Tokyoter Elektrizitätsgesellschaft Tepco Schadenersatzforderungen von über 60 Milliarden US-Dollar ins Haus.

Parlamentsausschuss genehmigt Export japanischer Atomanlagen

Auch zehn Monate nach dem GAU von Fukushima hat die japanische Regierung immer noch alle Hände voll zu tun, um den Zorn der Bevölkerung zu beschwichtigen. Denn noch immer tritt verstrahltes Wasser aus den havarierten Atomreaktoren an der Küste bei Fukushima aus. Zugleich setzt Tokyo auf den verstärkten Export von Atomkraftwerken und atomarer Kraftwerkstechnologie. Lukrative Vertragsabschlüsse erhofft man sich vor allem in energiehungrigen Schwellen- und Entwicklungsländern.

Anti-Atom-Konferenz in Yokohama: Immer mehr Japaner engagieren sich gegen die Atomkraft.

Der außenpolitische Ausschuss des Parlaments genehmigte gerade den Export japanischer Atomanlagen nach Jordanien und Vietnam. Die Zustimmung zu ähnlichen Geschäften etwa mit Bangladesh, Indien und der Türkei steht noch aus. In diesen Ländern sollen japanische Unternehmen Atomkraftwerke bauen, betreiben und verwalten, forderte Ministerpräsident Yoshihiko Noda: "Japans Spitzentechnologie wird in diesen Staaten dringend benötigt." Japan müsse dort allerdings auch die Sicherheit der Atomkraftwerke verstärken, betonte der Regierungschef. Das sollte offenbar als Zugeständnis an die Atomkritiker gelten. Denn zunehmend formiert sich Widerstand.

"Von diesem gefährlichen Export-Kurs verspricht sich Tokyo neue Geschäftsverbindungen und mehr diplomatischen Einfluss in Entwicklungsländern", kritisierte beispielsweise Yuki Tanabe vom Japanischen Zentrum für eine nachhaltige Umwelt und Gesellschaft (JACSES). Auf einer Konferenz in Yokohama Mitte Januar machten japanische und internationale Umweltorganisationen gegen die japanischen Exportpläne mobil. Die Teilnehmer kamen aus Südkorea, Indien, Kanada und der Europäischen Union. Der Inder Praful Bidwai: "Die Anwohner von Atomkraftwerken werden ihre Ablehnung der unsicheren Technologie immer wieder mit Protesten und Demonstrationen in die Öffentlichkeit tragen."

Rebecca Harms: Regierung stresstestet nur den eigenen Stress

Zu Gast war auf der Konferenz auch die Spitzengrüne Rebecca Harms aus Niedersachsen. Ihre Einschätzung: "In Tokyo konnte ohne besondere Anstrengungen der Elektrizitätsverbrauch um 20 Prozent gesenkt werden und das in kürzester Zeit. Alles spricht dafür, dass Japan den Ausstieg aus der Atomkraft schnell schaffen könnte, wenn es denn wollte. Politik und Energiewirtschaft wollen das aber verhindern." Die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Europaparlament kritisierte die Tests als Farce: Die Regierung manage lediglich ihren eigenen Stress, meinte Harms.

Doch auch in den von den Exportplänen betroffenen Ländern formiert sich inzwischen Widerstand. Seit der Katastrophe von Fukushima habe man auch in seinem Land die mit der Atomkraft verbundenen Gefahren erkannt, berichtete Kim Heyung von der südkoreanischen Umweltbewegung. Eine im Oktober durchgeführte Untersuchung hatte ergeben, dass 68 Prozent der Bevölkerung den Bau neuer Atomreaktoren ablehnen. Dennoch hat die Regierung in Seoul bereits die Standorte für sechs neue Atomkraftwerke vorgeschlagen.

Misstrauen in die staatlichen Angaben - in Japan ein schwerer Vorwurf. Trotzdem organisieren sich immer mehr Bürger in den Citizens Radioactivity Measuring Station, einem Bürgernetzwerk, dass die Radioaktivität selbst misst.

Im vergangenen Jahr hatte Südkorea mit den Vereinigten Arabischen Emiraten einen neuen Vertrag über Atomexporte abgeschlossen. In Konkurrenz zu Japan bemüht sich Südkorea auch in Finnland um entsprechende Aufträge.

Auch die von Japan und den USA geplante Anlage einer Atommülldeponie in der an Uranvorkommen reichen Mongolei sorgte auf der Konferenz der Anti-Atom-Aktivisten in Yokohama für Protest. Selnge Lkhagvajav, eine Sprecherin der mongolischen Grünen Partei, sagte: "Wir werden gegen diese Pläne kämpfen, denn in der Mongolei ist die Abfallentsorgung sehr nachlässig."

"Ohne Atomstrom können wir nur extrem schwer durch den Sommer kommen", warnte jedenfalls schon mal Industrieminister Yukio Edano. Ohne Stom aus AKWs müsse der Verbrauch wie im Vorjahr erneut eingeschränkt werden. Und teurer wird es auch: Tepco-Großkunden wie Supermärkte und Autohersteller müssen ab April 17 Prozent mehr für Strom berappen.

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