Frankreich blockt bei Schiefergas
Absage ans Fracking: In Frankreich ist die umstrittene Förderung von Schiefergas kaum mehr möglich. Nachdem die Fracking-Technik verboten wurde, sind schon drei Anträge der Energiekonzerne Total und Schuepbach abgelehnt worden – ein Etappensieg für Umweltaktivisten. Diese befürchten nun, die großen Konzerne könnten sich um das Verbot herummogeln.
Aus Paris Susanne Götze
Atomkraft ja, Schiefergas nein danke. Während Fukushima, alte Atommeiler und Unfälle in eigenen Atomkraftanlagen die meisten Franzosen kalt lassen, bringt die Schiefergasförderung viele "citoyen" der "grande nation" auf die Palme. Denn wenn es um ihren Grund und Boden geht, hört der Spaß auf: In ländlichen Regionen gibt es Frankreichweit 64 Bohrprojekte, in denen Schiefergas, Erdgas oder Erdöl aus dem Untergrund geholt wird und entsprechende Chemikalien in den Boden injiziert werden - oder besser wurden.

Die Aktionen gegen die Schiefergasförderung haben in Frankreich Wirkung gezeigt (Foto: Greenpeace France)
Umweltverbände und Bürgerinitiativen mobilisieren seit Anfang des Jahres gegen die umstrittene Förderung und haben trotz der industriefreundlichen Regierung schon erstaunliche Erfolge eingefahren: Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet gab kürzlich bekannt, dass drei Anträge auf neue Förderplätze für Schiefergas nicht genehmigt werden. Die Verlierer sind der Ölriese Total und der amerikanische Konzern Schuepbach. Schon am 30. Juni hatte das französische Parlament die Fördertechnik "hydraulic fracturing" verboten. Frankreich ist somit das erste Land überhaupt, in dem das sogenannte Fracking gesetzlich untersagt ist. Ohne das ist eine unkonventionelle Erdgasförderung kaum möglich - aber eben auch nicht unmöglich, wie sich bei genauerem Hinsehen herausstellt.
Denn Schiefergas befindet sich tieferen Gesteinslagen. Diese müssen mit Hilfe von künstlichem Druck aufgesprengt werden. Dazu wird Wasser mit Sand und Chemikalien versetzt und in das Gestein gepresst. Umweltaktivisten warnen vor einer Verunreinigung des Untergrunds und des Grundwassers durch die in die Tiefe gepressten "Fracfluide", unter denen sich krebserregende Stoffe befinden. Die dramatischen Folgen von unkontrollierten Bohrungen mit Hilfe der Fracking-Technik zeigt der Film "Gasland". Vor allem in den USA und Kanada wurden in den letzten Jahren tausende Bohrungen vorgenommen, die teils verheerende Auswirkungen auf das Leben der Anwohner hatten. Filmemacher Josh Fox erreichte mit seiner investigativen Dokumentation weltweit Millionen Menschen. Seit der Premiere des Films wächst auch in Europa der Widerstand. Im deutschen Bundestag hatte ein im Sommer gestellter Antrag der Grünen und der SPD auf ein Verbot der umstrittenen Fördertechnik jedoch kaum eine Chance.

Schiefergasförderung hat vor allem in den USA bereits zu großen Umweltschäden geführt (Foto: Energy Watch Group EWG)
Das Einlenken von Sarkozy in Sachen Schiefergas ist jedoch mehr mit der anstehenden Präsidentenwahl im Frühjahr 2012 als mit ökologischen Bedenken zu erklären. Seit Monaten wächst der Widerstand gegen die Förderung. Regionale Initiativen mit Unterstützung der Grünen und der Sozialisten sowie Umweltguru José Bové hatten mit Protesten Druck auf die Regierung ausgeübt und ein erstaunliches Medienecho erhalten.
"Sieg und Falle"
Nach dem französsichen Verbot des "hydraulic fracturing" wurde den Unternehmen Zeit gegeben, nach anderen Fördermethoden zu suchen, um ihre Projekte dennoch zu realisieren. Doch bis heute konnten diese letztendlich keine Alternativen vorweisen. Deshalb wurden die drei Genehmigungen für neue Förderplätze nicht erteilt. Was jedoch mit den 61 anderen Bohrplätzen geschehen wird, ist derzeit noch unklar.
So ist der Kampf der Umweltschützer trotz des Etappensieges noch längst nicht gewonnen. Bürgerinitiativen wie "collective 07: Stopp gaz de schiste" aus dem Departement Ardèche vermuten sogar, die Anträge von Total und Schuepbach seien aus taktischen Gründen zurückgewiesen worden. "Sieg und Falle!" – mit diesen Worten "freuen" sich die Umweltaktivisten über ihren ersten Erfolg. Sie vermuten, dass die Regierung mit diesem Zugeständnis der massiven Mobilisierung gegen Schiefergas und die Förderunternehmen den Schwung nehmen will. Françoise Veillerette, Sprecherin der Umweltorganisation Générations Futures, befürchtet, dass die Betreiber ihre Eingriffe in den Untergrund beschönigen könnten, um nach einigen ökologischen Korrekturen trotzdem weiter zu bohren. Problematisch sei, dass es keine klare Definition für das Fracking gebe. So könnten die Unternehmen, die bereits eine Genehmigung besitzen, versuchen, sich aus der Affäre zu ziehen. Deshalb fordert Générations Futures zusammen mit anderen Umweltverbänden ein generelles Verbot der Förderung von Schiefergas. Ein entsprechender Antrag im Parlament von Grünen (Europe Écologie des Verts), Sozialisten (Parti Socialiste) und Linken (Parti de Gauche) wurde aber erst letzte Woche mehrheitlich abgelehnt.
Alternativen zum Fracking?
Unberechtigt ist diese Befürchtung der Fracking-Gegener nicht. Gezwungenermaßen suchen die Firmen nun nach Alternativen zum herkömmlichen Chemie-Fracking. Im Gespräch sind elektrisches Fracking, "grünes" Fracking oder gar Fracking mit Hilfe von Flüssiggas. Bisher sind diese Technologien aber noch nicht ausgereift oder zu teuer – jedenfalls stellen sie derzeit auch für Total und Schuepbach keine Alternative dar. Das Umweltministerium hingegen beruhigt, man führe verstärkte Kontrollen durch. Die verbleibenden 61 bereits laufenden Bohrungen, darunter auch nach Erdöl und konventionellem Erdgas, würden derzeit auf das neue Gesetz hin überprüft.
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