Wie aus dem Eis der Frühling werden sollte

Heute beschließt der Bundestag den Ausstieg aus der Atomkraft. Damit geht eine politische Irrfahrt zu Ende, die 1955 in Karlsruhe begann. Es folgte der Atomminister Franz-Josef Strauß, beinahe ein Atomkraftwerk in Berlin und Willy Brandts erste Niederlage.

Ein Rückblick von Nick Reimer

Es ist 2011 genauso wie vor zwei Generationen: Die Geschichte der bundesdeutschen Atomkraft hat sich oft in Staatskanzleien oder dem Kanzleramt entschieden. Als Angela Merkels Vor-, Vor-, Vor- undsoweiter Gänger - der Nachkriegskanzler Konrad Adenauer -  nach langem hin und her 1955 endlich endgültig entschieden hatte, den ersten Prototypen eines deutschen Atomkraftwerkes bei Karlsruhe bauen zu lassen, erhob sich Protest. Bauern, die in der Nähe Tabak anbauten, liefen Sturm gegen das Projekt. Sie hatten Sorge, ihr Produkt nicht mehr los zu werden.


Hier wusste er noch nicht, dass seine politische Karriere mit Niederlagen gegen Franz-Josef Strauß gepflastert sein würde: Willy Brandt bei der Vereidigung zum Außenminister. (Foto: SPD)

Solche "Technikfeindlichkeit" war damals allerdings die Ausnahme. Die Menschheit  war weltweit von einer wahren Atomeuphorie erfasst. Das Potenzial schien unbestritten. Ernst Bloch, der später als "Philosoph der konkreten Utopie" bezeichnet wurde, formulierte 1959 in seinem Werk Prinzip Hoffnung: "Einige hundert Pfund Uranium und Thorium reichen aus, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln." Atomenergie könne "aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling machen".

Alle, wirklich alle waren damals für die Atomkraft. Das Godesberger Grundsatzprogramm der SPD formulierte 1959 in der Präambel "…die Hoffnung dieser Zeit, dass der Mensch im atomaren Zeitalter sein Leben erleichtern, von Sorgen befreien und Wohlstand für alle schaffen kann, wenn er seine täglich wachsende Macht über die Naturkräfte nur für friedliche Zwecke einsetzt".

In Brüssel wurde das "Atomium" gebaut, eine 102 Meter hohe begehbare Skulptur, die zum Symbol des neuen Zeitalters werden sollte. Der Bikini, benannt nach dem Atomtestgebiet der Amerikaner auf den Marschall-Inseln, kam groß in Mode und Frauen mit großer Oberweite wurde ein "Atombusen" nachgesagt. Die endgültige Herrschaft über alles Materielle schien dem Menschen greifbar: Nutzt du das  kleinste Teilchen, kannst du die Welt in ihre Einzelheiten zerlegen und neu zusammenbauen. Sogar Micky Maus hatte das begriffen. In der Serie Unser Freund, das Atom bereitete er seine Fans auf das "strahlende" neue Zeitalter vor.

Die Einführung der Atomkraft war nicht Adenauers wichtigstes Thema, aber er unterstützte sie und ließ sich vom Atomforscher Werner Heisenberg persönlich über das Planungsstadium der atomtechnischen Arbeiten informieren. Das erste zivile Atomkraftwerk der Welt war 1954 im russischen Obninsk in Betrieb gegangen, mit 5 Megawatt Leistung, so viel wie heute ein großes Windrad besitzt. Doch schon ein Jahr später ging  im britischen Colder Hall ein Atomkraftwerk mit der zehnfachen Leistung ans Netz. In Shippingport, am Ohio-River in Pennsylvania, folgte 1957 das erste US-amerikanische Atomkraftwerk. Und ab da gab es kein Halten mehr.

Das Projekt: 80 Prozent Atomstrom für Deutschland

1955 hatte Konrad Adenauer sein Kabinett um ein spezielles Atomministerium erweitert, aus dem das heutige Ministerium für Bildung und Technologie hervor ging. Zum ersten deutschen Atomminister berief Adenauer am 12. September 1955 einen jungen, ehrgeizigen Politiker aus der CSU namens Franz-Josef Strauß. Und so ambitioniert dessen politische Pläne waren, so ambitioniert war auch das erste deutsche "Atomprogramm", das Strauß 1956 vorstellte. Atomkraftwerke sollten mittelfristig 80 Prozent des deutschen Strombedarfs decken. Das Potential der Atomkraft wurde in absurde Höhen gejubelt: Energie werde so billig, dass sich Stromzähler nicht mehr lohnen würden. Rund um jedes Atomkraftwerk könnten blühende Industrielandschaften mit Hunderttausenden Jobs entstehen.

1959 erließ der Bundestag das erste Atomgesetz, das "Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie und den Schutz gegen ihre Gefahren". Eigentlich hätten nun die atomaren Fantasien in Reaktoren umgewandelt werden können. Doch ausgerechnet die Strombranche zögerte. Schließlich gab es keinerlei Erfahrungen, wann und wie das teure Investment sich amortisieren würde. Und Ludwig Erhard, Adenauers Wirtschaftsminister, lehnte staatliche Subventionen für die Supertechnik kategorisch ab.


Und für Atomkraft: Sein Plan war 1956, dass Atomkraftwerke mittelfristig 80 Prozent des deutschen Strombedarfs decken sollten. (Foto: CSU)

Die Skepsis der Konzerne verflog erst, als sich das änderte und der Staat begann, die Technologie großzügig mit Milliarden zu fördern. 1966, unter der ersten – selbstredend atomanbetenden – Großen Koalition der Bundesrepublik, ging in Gundremmingen mit Reaktor A das erste kommerzielle Atomkraftwerk der Bundesrepublik ans Netz. Die RWE-Manager starteten in der Nacht zum 14. August die atomare Kettenreaktion im 237 Megawatt leistungsstarken Siedewasserreaktor.

Außenminister Willy Brandt erlitt seine erste Niederlage gegen Franz-Josef Strauß, der ihm bald zum Dauerrivalen werden sollte: Der SPD-Politiker und glühende Atomfreund hatte sich als Regierender Bürgermeister einen Reaktor ins eingemauerte Westberlin gewünscht, um unabhängig vom Willen der Sowjetunion zu werden. Nun begann das bundesdeutsche Atomzeitalter ausgerechnet im damals noch rückständigen Bayern.

Den richtigen Push für die Atomkraft brachte 1973 die Ölkrise. "Weg vom Öl", war das geflügelte Wort. Das unter Kanzler Willy Brandt 1973 veröffentlichte Energiekonzept des Bundes empfahl, bis 1985 Atomreaktoren mit einer Leistung von 50.000 Megawatt ans Netz zu bringen. Das entsprach 40 bis 50 Reaktoren. Und als dann Helmut Schmidt 1974 Kanzler wurde, sah es tatsächlich so aus, als ob dieses Programm zügig umgesetzt werden würde.

Wie kein anderer Kanzler rührte Schmidt die Werbetrommel für Atomreaktoren. Bei ihm wurde aus "Weg vom Öl" der Slogan "Atom statt Öl". Allerdings begann der Atomkraft-Mythos unter Schmidts Regentschaft auch erstmals zu bröckeln. Zum ersten Mal sah sich ein Bundeskanzler mit ernsthaftem Widerstand gegen einen AKW-Neubau konfrontiert. In Brokdorf, einem kleinen verschlafenen Örtchen an der Elbemündung in Schleswig-Holstein, war der Teufel los. Mitte der 70er-Jahre hatte es unzählige Demonstrationen gegeben, an denen auch ein niedersächsischer Juso namens Gerhard Schröder teilnahm. Schließlich kam es zu Gewalt. Die Regierung war in den RAF-Jahren plötzlich um einen innenpolitischen Konflikt reicher.

Im November 1976 erreichten die Demonstranten vor Gericht sogar einen Baustopp. Dabei argumentieren die Kläger geschickt mit dem Atommüll. Zwar hatten die offiziellen Stellen immer wieder erklärt, der Strahlenmüll sei ein beherrschbares Nebenproblem des sauberen Atomstroms. Bis dato aber gab es außer der Rhetorik noch nicht einmal eine Idee, wie das Müllproblem beseitigt werden könnte.

Die Kläger argumentierten mit Pommes Frites. Während die Behörden bei jeder Frittenbude einen Nachweis verlangen, wie das Frittenfett entsorgt wird, produzierten die Atomkraftwerke bereits seit zehn Jahren Strahlenmüll, ohne ein Konzept, nach dem der Müll jemals entsorgt werden konnte. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg entschied im Herbst 1977 schließlich, dass Brokdorf nur weiter gebaut werden dürfe, wenn es einen Entsorgungsnachweis gäbe. Also eine Müllkippe für Strahlenschrott.

Schmidt tobte, Schmidt raste, er kochte vor Wut. Und machte sich als erster Bundeskanzler nachweislich in der Energiepolitik schwerer Demagogie schuldig. "In meinem Sommerhaus am Brahmsee" werde die Stromlieferung für die Nachtspeicherheizung "für das Winterhalbjahr gesperrt", warnte Schmidt.  "Die Lichter gehen aus!" Der Kanzler bemühte damit als erster Politiker die Mär vom Mangel an Strom im Netz - falls die Atomkraft nicht ihren Beitrag leistet.

Seitdem ist dieses Argument nicht mehr wegzudenken von den Sprechzetteln der Atomlobby. So wie bei Schmidt damals stimmte es aber auch später nicht. Der Stromanbieter von Schmidts Sommerhaus am Brahmsee hatte lediglich die Grundgebühr für dessen Stromzähler erhöht. Aber Schmidt folgerte aus dem Kostensprung: "Brokdorf muss gebaut werden."


Politische Witzfigur? Jedenfalls brachte der Kanzlerin ihre "Rein - Raus"-Politik bei den Laufzeiten jede Menge politische Satire ein. (Foto: FGZ)

Dann kam Schmidt auch noch der Winter in die Quere. Am 13. Januar 1977 hatte dieser in Bayern jede Menge Raureif in die Landschaft gezaubert, so viel, dass die Stromleitungen zum Atomkraftwerk in Gundremmingen unter der Last rissen. Der im Reaktor produzierte Strom konnte nicht mehr abfließen, weil es keine Verbindung zum Stromnetz mehr gab, über die er abtransportiert hätte werden können. Zwar schaltete sich Block A noch selbst korrekt ab. Dann aber versagte die Kette der sicherheitstechnischen Systeme: Die Energie, die der Reaktor noch weiter freisetzte, brachte das Atomkraftwerk zum Schmelzen. Totalschaden. Nie wieder sollte Block A des Atomkraftwerks Gundremmingen ans Netz gehen können.

Von ein paar aufgeregten örtlichen Bürgerinitiativen abgesehen, gelang es den Atomisten damals noch den Vorfall lange Zeit herunterzuspielen. Atomkraft galt schließlich als eine sichere Angelegenheit. Zwei Jahre später passierte dann aber in den USA die Harrisburg-Kernschmelze. Am 28. März 1979 waren im Atomkraftwerk Three Mile Island bei Arbeiten an der Kondensatreinigungsanlage um 4:36 Uhr die Kühlwasserpumpen ausgefallen. Es kam zu dem, was später als GAU bezeichnet wurde: den technisch größten anzunehmenden Unfall. Dem Personal im Kontrollraum war lange Zeit nicht bewusst, dass der primäre Kühlkreislauf sehr wenig Wasser enthielt und mehr als die Hälfte des Reaktorkerns nicht mehr mit Kühlwasser bedeckt war. Nach neun Stunden entzündete sich ein Knallgasgemisch im Reaktor, es kam zur Explosion. 

Fernsehbilder davon gab es damals nicht. Aber es reicht, sich die Bilder von Fukushima anzusehen: Dort war es 32 Jahre später dasselbe.

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