Die Grenzen des Wachstums
Von Michael Müller (SPD),
Parlamentarischer Staatssekretär a. D.
und Mitherausgeber von klimaretter.info
Lange Zeit wurden die Grenzen des Wachstums verdrängt, Warnungen ignoriert, ja sogar bekämpft. Die wachstumskritischen Vorschläge von Radovan Richta wurden 1968 direkt nach der Niederschlagung des Prager Frühlings verboten, Dennis Meadows und sein Forscherteam, das 1972 Grenzen des Wachstums aufzeigte, wurden als Außenseiter abgetan, 1975 die Arbeiten von Fred Hirsch über die sozialen Grenzen des Wachstums kaum beachtet und als Erhard Eppler unterlag gegen Helmut Schmidt, als er die Alternative Ende oder Wende beschrieb. Die ökologische Modernisierung bleib aus, stattdessen wurden in der Hoffnung auf eine Rückkehr zu den Wachstumsraten der sechziger Jahre zuerst von der britischen und der amerikanischen Regierung die Weichen für den Finanzkapitalismus und Neoliberalismus gestellt.
Drei Jahrzehnte später kann die Herausforderung nicht mehr verdrängt werden. Nicht nur die ökologischen Großthemen wie Klimawandel, Peak-Oil und die Artenvernichtung machen ein Umdenken notwendig, auch die sozialen und ökonomischen Grenzen des Wachstums werden deutlich. Die Finanzkrise von 2008 war ein deutlicher Warnschuss und auch die explodierende Staatsverschuldung zeigt, dass es wie bisher nicht weitergehen kann. Die Krise des Wachstums ist auch eine Krise des gesellschaftlichen Modells der bisherigen Moderne.
Die Geschichte des Fortschritts ist sowohl janusköpfig als auch unvollendet geblieben. Entscheidend für die Schwachstellen ist, dass der technische Fortschritt damals als Hebel zur Befreiung und Emanzipation der Menschen verstanden wurde. Die Vordenker der europäischen Moderne vor 200 und mehr Jahren konnten sich die Herausforderungen der heutigen "überbevölkerten, verschmutzten, störanfälligen und ungleichen Welt", wie sie der Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen beschreiben hat, einfach nicht vorstellen.
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Das traditionelle Fortschrittsdenken ging von einem fehlenden, zumindest einem falschen Naturverständnis aus. Die Natur wurde nicht als Mitwelt verstanden, sondern als etwas "Weibliches", das beherrscht werden müsse.
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Es wurde ignoriert, dass Wertvermehrung immer auch Wertvernichtung ist. Alle ökonomischen Prozesse haben den "doppelten Charakter", dass in ihnen monetär bemessene Werte produziert und gleichzeitig unvermeidlich dabei Stoffe und Energie verbraucht werden. So werden zwar die gewünschten Gebrauchswerte geschaffen, aber auch Abfälle, Abgase und Abwasser produziert, die in den Schadstoffsenken der Erde entsorgt werden. Von daher gibt es einen Kipppunkt, an dem die Vorteile in Gefahren umschlagen.
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Die moderne Steigerungsprogrammatik mit ihrer Beschleunigungsdynamik und der Gleichsetzung von Wachstum mit Fortschritt verdrängt die Grenzen, die sich aus der Endlichkeit der Erde ergeben, immer mehr zugespitzt durch die nachholende Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum.
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Die permanente Entbettung der Wirtschaft aus der Gesellschaft führte zur Marktgesellschaft. Karl Polanyi sah hierin eine entscheidende Ursache für die großen Katastrophen des letzten Jahrhunderts. Tatsächlich blieb die politische Modernisierung immer wieder hinter den wirtschaftlichen Prozessen zurück, was massive Erschütterungen und tiefe Krisen ausgelöst hat.
Dennoch lieferte die Geschichte der europäischen Moderne eindrucksvolle Beispiele von Fortschrittlichkeit: Die Beherrschung von Natur und Technik, die Verbesserung von Gesundheit und Nahrungsversorgung, ein längeres Leben oder die Steigerung des Wohlstands und verfügbarer Informationen. Über längere Zeiträume ist auch, wie Dieter Senghaas am Beispiel der europäischen Geschichte herausgearbeitet hat, eine Zivilisierung und Steigerung der Sittlichkeit festzustellen.
Auf der anderen Seite gab es immer wieder dunkle Perioden menschlicher Barbarei, die Eric Dunning, Schüler von Norbert Elias, als "dezivilisatorischen Downswing" bezeichnet hat und dessen schlimmstes Beispiel der Holocaust war.
Das Wachstums- und Fortschrittsdenken ist also ambivalent: Ohne die "Grenzenlosigkeit" bis hin zur "Maßlosigkeit" wäre die okzidentale Dynamik des Fortschritts nicht vorstellbar gewesen. Kreativität, Innovationen oder Orginalität sind mit dem Drang verbunden, Grenzen zu überschreiten. Die andere Seite sind Gier und Machtstreben, Ausgrenzung der Natur und ein permanenter Verwertungszwang, die ohne institutionelle Arrangements, die von der Politik zu organisieren sind, in ökonomische Krisen, soziale Ungleichheiten und in die ökologischen Katastrophen führen.
Touraines Selbstproduktion von Gesellschaft
Unbestritten ist, dass die Gestaltbarkeit der Gesellschaft eine Dynamik der Veränderungen braucht, die materiell durch die Entwicklung von Wirtschaft und Technik erzeugt wird. Alain Touraine nennt das die Fähigkeit zur "Selbstproduktion von Gesellschaft". Von daher stellen sich vier Grundsatzfragen:
- Gibt es eine Entwicklung ohne Wachstum, die mehr Lebensqualität, Wohlfahrt und Emanzipation möglich macht?
- Sind „kapitalistische Wirtschafts- und Regulierungsformen ohne die bisherige Form der Akkumulation überlebensfähig“ (Karl-Georg Zinn 2008), ist eine „Staedy state“-Ökonomie (Herman Daly) als globales Modell denkbar, ist „Degrowth ohne einen grundlegenden Systemwechsel“ überhaupt machbar (John Bellamy Foster)?
- Ist trotz der unbestrittenen ökologischen Gefahren das bisherige quantitative Wachstum in den Ländern des Südens weiter notwendig, um den Entwicklungsabstand zu den Industriestaaten zu verringern und für alle menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen?
- Wie wird in den Industriestaaten, auch um Zeit für den Umbau in eine nachhaltige Ordnung zu gewinnen, eine selektive Wachstumsstrategie möglich, mit der das wächst, was sozial und ökologisch verträglich ist, während das schrumpft, was nicht nachhaltig ist
Ein erster Schritt auf diesem Weg ist die Unterscheidung zwischen Wachstum und Entwicklung, wie sie Joseph Schumpeter in die Wirtschaftswissenschaft eingeführt hat. In der Grundidee steht sie auch hinter dem von Karl Marx verwendeten Modell der „erweiterten Reproduktion“ und seiner dialektisch-materialistischen Geschichtsdeutung.
Joseph Alois Schumpeter gehörte lange Zeit zu den wenigen Wirtschaftswissenschaftlern, die von einem Fortschrittsoptimismus geprägt waren. Im Gegensatz zum wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream am Beginn des letzten Jahrhunderts sah er Märkte prinzipiell in einem Ungleichgewicht und erklärte die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung aus sich selbst heraus.
Das bedeutet, dass Gleichgewichtssituationen nur in seltenen konjunkturellen Momenten erreicht werden. In der Regel werden die Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital, Technologie und Ressourcen immer neu zusammengesetzt. Alte Strukturen werden beseitigt und durch neue ersetzt. Es wäre falsch, Schumpeter auf die Beschreibung des schöpferischen Unternehmers zu begrenzen, zumal er dem Staat durchaus die Fähigkeit zuschrieb, in unterschiedlichen Epochen Innovationen im Wirtschaftsleben voranzutreiben und durchzusetzen.
Seinen Ruhm verdankt Schumpeter den drei methodischen Neuerungen in seinem Hauptwerk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ von 1911/12:
- die Verbindung zwischen klassischer Ökonomie und historischer Schule;
- die Überwindung statischer Betrachtungen durch ein dynamisches Modell;
- die Erweiterung der Wirtschaftstheorie in Richtung einer Sozioökonomie.
Schumpeters Theorie erklärt die Konjunkturzyklen aus der wirtschaftlichen Dynamik heraus. Die Unterscheidung wirtschaftlicher Entwicklung von wirtschaftlichem Wachstumhat zentrale Bedeutung für die Förderung des Strukturwandels und die Gestaltbarkeit des Wirtschaftsprozesses. Um es an einem Beispiel Schumpeters zu verdeutlichen: „Autos mit Bremsen schneller fahren, als sie es sonst täten, weil sie mit Bremsen versehen sind.“
Wirtschaftswachstum und Innovationen
Wirtschaftswachstum wird als Zunahme oder Abnahme der Größe des Sozialprodukts verstanden, der in Preisen erfassten Gesamtheit der Güter und Dienstleistungen. Davon unterscheidet Schumpeter eine wirtschaftliche Entwicklung durch die Neukombination des Wirtschaftsprozesses (oder: Innovationen) mit Hilfe neuer Produkte und neuer Produktions- und Konsumtionsverfahren, verbunden mit dem Verschwinden alter Produkte und einer Veränderung der Proportionen innerhalb des Sozialprodukts und zwischen den Branchen.
Entwicklung entsteht im Unterschied zu bloßem Wachstum durch die Kumulation vieler Innovationen. Dabei werden die Innovationen realisiert, die in den jeweiligen Rahmensetzungen produktiv sind oder effektiv selektiert werden. Unter den Bedingungen der fordistischen Massenproduktion (dreißiger bis siebziger Jahre) setzten sich in erster Linie solche Produkt- und Prozessinnovationen durch, welche die Produktivität der Arbeit durch die economy of scale steigerten. Massenproduktion und Massenkonsum waren die Folge dieser Entwicklungsphase.
Effizienz spielt keine Rolle
Die Reduktion des Ressourcenverbrauchs, eine Steigerung der Energieeffizienz, die Schließung von Stoffkreisläufen und insgesamt eine Umweltkompatibilität spielten dagegen keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Da diese Form der Produktivität und der Massenproduktion beschleunigt wuchsen, die Ressourceneffizienz dagegen kaum, führt diese Produktionsweise schnell an die Tragfähigkeitsgrenzen der Ökosystems.
Seit der industriellen Revolution und der Herausbildung kapitalistischer Ordnungen ist die wirtschaftliche Entwicklung ein permanent endogen durch die Kapitalverwertung angetriebener Prozess. Joseph Schumpeter zeigte auf, wie der Wirtschaftsapparat und das Kreditemissionssystem Innovationen erzeugt und verbreitet, neue Produkte auf den Markt bringt und alte Unternehmen, Produkte und Verfahren verdrängt.
Bei Schumpeter ist Wachstum die Folge der wirtschaftlichen Entwicklung. Insofern stellt sich die Frage nach einer Entwicklung, die nicht nur ohne ein Wachstum des Verbrauchs an Ressourcen (Rohstoffe, Energie, Emissionen und Abprodukte) auskommt, sondern die trotz steigender Weltbevölkerung und nachholender Industrialisierung einen absolut sinkenden Verbrauch möglich macht.

Cover des Buches The Limits to Growth: The 30-Year Update.
Von daher geht es um die Frage, ob die Konstitution eines neuen Typs von wirtschaftlicher Entwicklung möglich ist? Kurz: Während das bisherige Wachstum die eigenen Voraussetzungen untergräbt, muss es um eine Entwicklung gehen, die auch langfristig möglich ist. Das ist die Frage nach der Nachhaltigkeit.
Eine Wirtschaft, die sich an den Tragfähigkeitsgrenzen der Natur orientiert
Die Antwort kann weder ein stationäres Wirtschaftssystem ohne Entwicklung sein, in dem alles gleich bleibt, noch die Fortsetzung der alten Massenproduktion mit einem wachsenden Verbrauch an Rohstoffen und Energie, steigenden Emissionen und deponierten Abfallprodukten. Notwendig ist eine Wirtschaft, die durch Innovationen gestaltet wird, aber in ihrem Naturverhältnis quantitativ stationär bleibt und zwar dauerhaft in den Tragfähigkeitsgrenzen der Natur.
Grundsätzlich wäre ein anderer Entwicklungspfad denkbar, ökologisch, sozial und ökonomisch. So haben beispielsweise Charles Sabel und Michael Piore in ihrer Studie beschrieben, welche Chancen innovative Klein- und Mittelbetriebe bei einer „Requalifizierung der Arbeit und Rückkehr der Ökonomie in die Gesellschaft“ haben. Die MIT-Wissenschaftler gehen vom Ende der traditionellen Massenproduktion aus und sehen die Zukunft in einer „flexiblen Spezialisierung“.
Auch für eine ökologische Marktwirtschaft eröffnen sich große Innovationsmöglichkeiten. Sofern auf der stofflichen Seite erneuerbare Rohstoffe und Energien genutzt und alle Abprodukte und Emissionen durch eine Kreislaufwirtschaft verträglich in die Ökosysteme zurückgeführt würden, wäre – wie Jared Diamond aufgezeigt hat – theoretisch eine fast endlose Fortsetzung stationärer Produktionssysteme möglich, wenn es kein Bevölkerungswachstum gäbe.
Innvationen durch naturverträgliche Produkte
Eine nachhaltige Wirtschaftsordnung entsteht durch einen neuen Entwicklungspfad für Innovationen. Entscheidendes Kriterium ist nicht mehr die Steigerung der Arbeitsproduktivität durch die bisherigen Formen der Massenproduktion und des Massenkonsums, sondern die Durchsetzung naturverträgliche Produkte und Konsumweisen, die Herausbildung einer Kreislaufwirtschaft und der Umstieg in die Solarwirtschaft.
Ausgangspunkt für eine nachhaltige Entwicklung ist ein zeitliches Verständnis von Verantwortung, dass die absehbare Zukunft in die Entscheidungen der Gegenwart einbezieht. Das regulative Prinzip der Nachhaltigkeit heißt, die Bedürfnisse der heutigen Generationen so zu befriedigen, dass künftige Generationen das auch noch angemessen tun können. Hans Jonas nannte das „Fernstenliebe“.
Globale, europäische, nationale und regionale Regulationsformen
Dieser Umbau wird durch eine politische Regulation ermöglicht, zu denen neben funktionsfähigen Märkten auch Ordnungssysteme, Eigentumsordnungen, Rechtsnormen und Verwaltungen gehören, um jede Form der Externalisierung zu Lasten der Allgemeinheit zu beenden. Zudem erfordern die Innovationsziele Naturverträglichkeit und Ressourceneffizienz globale, europäische, nationale und regionale Regulationsformen: die Reform der Finanzmärkte, ein faires Rohstoffregime, die systematische Beschränkung und Absenkung ökologischer Nutzungsrechte, die gezielte Förderung sozialökologischer Innovationen, die alte Produkte und Verfahren ablösen, sowie eine gerechte Handelsordnung, um nur einige Eckpunkte zu nennen.
In diesem evolutionären Konzept wird eine massive Steigerung der Ressourceneffizienz möglich, die weit über eine Entkoppelung vom wirtschaftlichen Wachstum hinausgeht und global eine deutliche Senkung des absoluten Verbrauchs möglich macht. Erst dann werden tatsächliche Fortschritte möglich, werden die Effizienzfortschritte nicht kompensiert und wird der Rebound-Effekt vermieden.
Bis Mitte des Jahrhunderts muss nicht nur der Umstieg in die erneuerbaren Technologien geschafft, sondern auch eine 2.000-Watt-Gesellschaft verwirklicht werden. Effizienzrevolution und erneuerbare Ressourcen gehören zusammen. Energie wird aus erneuerbaren Quellen in Energiedienstleistungen gewandelt, es werden nur erneuerbare Rohstoffe genutzt oder nicht erneuerbare vollständig in einem Kreislauf geführt, damit keine Emissionen oder Abprodukte entstehen. Der wirtschaftliche Prozess bleibt dann innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen der natürlichen Systeme.
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