Energiegipfel: Kaum Geld für Stromnetze
In Brüssel tagen heute die europäischen Staats- und Regierungschefs, um sich auf eine einheitliche Energiepolitik zu verständigen. Ein einheitlicher Strommarkt soll geschaffen, die Netze dafür ausgebaut werden. Das Geld dafür soll von den Verbrauchern kommen. Und der deutsche Lobbyverband der Stromwirtschaft fordert noch mehr Rendite - damit Anreize für den Netzausbau geschaffen werden.
Von Martin Reeh
Vor dem heutigen europäischen Energiegipfel in Brüssel zeichnet sich ab, dass auf dem Treffen keine konkreten Schritte hin zu einer europäischen Energiepolitik beschlossen werden. Dies berichtet das Handelsblatt, dem der Entwurf der Abschlusserklärung vorlag. Darin heißt es zwar, dass kein Mitgliedstaat "nach 2015 noch eine Energieinsel bleiben" dürfe, wie der dafür notwendige Ausbau der Gas- und Stromleitungen finanziert werden soll, bleibt aber unklar.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger. (Foto: EU)
Der weitaus überwiegende Anteil soll demnach von den Energieversorgern aufgebracht und auf die Strom- und Gaskunden umgelegt werden, heißt es in dem Erklärungsentwurf. Nur für unrentable Leitungen in den Randgebieten will die EU "begrenzte öffentliche Mittel" bereitstellen. Konkrete Finanzzusagen dafür soll es aber erst im Rahmen des neuen siebenjährigen EU-Haushaltsplanes ab 2014 geben.
Auf dem Gipfel der 27 europäischen Staats- und Regierungschefs sollen die Weichen für einen gemeinsamen europäischen Energiebinnenmarkt gestellt werden. Die EU hat bislang zwar verbindliche Ziele etwa für den Ausbau Erneuerbarer Energien (20 Prozent in 2020) festgelegt, die Umsetzung der Energiepolitik ist bislang aber Sache der Mitgliedstaaten. Einige Länder, so Estland, Lettland und Litauen sind bislang noch nicht an das EU-Netz angeschlossen und hängen vollständig von Lieferungen aus Russland ab. Trotz der fehlenden Finanzierungszusagen zeichnet sich vor dem Gipfel ein breiter Konsens für eine gemeinsame europäische Energiepolitik und -planung ab, die auch eine gemeinsame Erneuerbaren-Politik beinhaltet.
Eine vereinheitlichte europäische Erneuerbaren-Förderung steht dabei zwar noch nicht auf der Agenda, gewinnt aber weiter an Zulauf. EU-Energiekommissar Günther Oettinger hatte Ende letzten Jahres die Idee in Umlauf gebracht, war zunächst aber am Widerstand aus den Branchenverbänden der Erneuerbaren Energien und des deutschen Umweltministeriums gescheitert, die um das deutsche Einspeisemodell fürchteten.
Nun sprach sich am Tag vor dem Gipfel der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung (WBGU) für eine "einheitliche, ambitionierte Einspeisevergütung" in den Mitgliedstaaten aus - allerdings erst in zehn Jahren, wenn die Stromnetze europaweit ausgebaut seien. "Die Mitgliedstaaten sollten jetzt verbindlich festlegen, dass in den nächsten Jahren in allen Staaten der EU Fördersysteme schrittweise angeglichen werden", heißt es in der Stellungnahme der WBGU. "Dies würde bereits jetzt die Gefahr eines zu starken Ausbaus an weniger geeigneten Standorten" minimieren "und damit die Kosten senken sowie den Ausbau an Gunststandorten beschleunigen". Vorsitzender des WBGU ist Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Der Stromnetzausbau soll weitgehend von den Verbrauchern finanziert werden, fordert Oettinger. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
Die Grünen im Europaparlament hatten Oettinger anlässlich seines Vorstoßes vorgeworfen, "den Diskurs der deutschen Energiekonzerne" zu übernehmen und dezentrale Erneuerbare wie Strom- und Windenergie an Land zugunsten der Stromerzeugung aus Windkraft auf See durch die großen Stromkonzerne zurückzudrängen.
Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), die Lobbyorganisation der Stromerzeuger, plädierte gestern durch die Blume erneut für weniger Solarenergie. Zwar sei es richtig gewesen, die "viel diskutierte Harmonisierung der Förderung erneuerbarer Energien zurückzustellen und zunächst auf eine bessere Koordinierung der Mitgliedstaaten" zu setzen. Diese müsste nun im Rahmen der Novellierung des EEG geschehen: "Jedes Land wird sich sich perspektivisch auf die Erzeugungsarten konzentrieren müssen, die den höchsten Beitrag zu einer stabilen und wirtschaftlichen Energieversorgung aus Erneuerbaren leisten", so die Vorsitzende Hildegard Müller.Der BDEW forderte, die notwendigen Investitionen in die Netze verstärkt auf die Verbraucher umlegen zu dürfen: Investitionen in Netze und Speicher müssten mindestens so attraktiv sein "wie alternative Investments auf den Kapitalmärkten". Anders seien "die enormen Investitionen auf den Kapitalmärkten" nicht aufzubringen. Die deutsche Regulierung müsse "durch attraktive Renditen dafür sorgen, dass Investments in das deutsche Netz nicht unter 'ferner liefen' rangierten". Noch sind mögliche Gewinne durch die Regulierung der Bundesnetzagentur begrenzt. EU-Kommissar Oettinger hatte bereits in der vergangenen Woche angekündigt, dass sich die Verbraucher sowohl wegen der Erneuerbaren Energien als auch dem Netzausbau auf steigende Preise einstellen müssten.
Nach Angaben des grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Josef Fell musste Bundesumweltminister Röttgen seinen Erfolg bei der Verteidigung des deutschen EEG allerdings mit Zugeständnissen bei der europäischen Energieeffizienzpolitik bezahlen. Das EU-Vorhaben, den Energieverbrauch bis 2020 um 20 Prozent zu senken, ist bis heute als einziges der EU-Klimaziele nicht rechtsverbindlich. Aller Voraussicht wird dies nun auch dem dem EU-Gipfel auch so bleiben. Nach einem Bericht des Nachrichtenportals euractiv, wollen die Staats- und Regierungschefs die Einhaltung der Effizienzvorgabe erst 2013 überprüfen und erst dann weitere Maßnahmen ins Auge fassen.
Umwelt- und Verbraucherverbände sowie Gewerkschaften kritisierten dies in einem Brief an Oettinger heute als unzureichend. "Die neuesten Kürzungen in der Förderung des deutschen CO2-Gebäudesanierungsprogrammes sind ein Beispiel dafür, dass die Mitgliedstaaten dem Energiesparziel nicht die notwendige Priorität geben", heißt es in dem Schreiben, das unter anderem der Deutsche Naturschutzring, die IG Metall, der Deutsche Mieterbund und die Verbraucherzentrale unterzeichneten.
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 08 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Eine Billion Euro in zehn Jahren: Soviel Geld ist laut Europäischer Kommission für die Energiesicherheit der EU notwendig
Fünf statt zehn Jahre: EU-Energiekommissar Günther Oettinger will die Genehmigungsverfahren für Stromnetze beschleunigen
Wer will, der darf: Die EU ordnet Sicherheitsüberprüfungen für alle europäischen AKW an. Bis Ende Juni sollen entsprechende Kriterien entwickelt, Ergebnisse bis zum Jahresende vorgelegt werden. Allein: Die Stresstests sind freiwillig. Grüne kritisieren Maßnahme als "Beschwichtigungsstrategie".
Schlichtungsstelle Energie nimmt heute ihre Arbeit auf
Heute wird das schwarz-gelbe Energiekonzept Deutschlands beschlossen. Der 38-seitige Entwurfs des Energiekonzepts ist mittlerweile auf mehr als 50 Seiten angewachsen. "Mehr" steckt deswegen allerdings kaum drin in der Weichenstellung bis ins Jahr 2050: Ausnahmeregelungen, Prüfanträge und andere Änderungen machen aus der "Energierevolution" eine Mogelpackung. Aus Berlin Johanna Treblin
Deutschland wird die von der Europäischen Union festgelegte Höchstmenge für NH3-Emissionen (Ammoniak) im Jahr 2010 überschreiten. Bis Ende September muss die Bundesregierung sich bei der Europäischen Kommission erklären
Der Haushaltsausschuss des Europaparlaments hat beschlossen, die Fördergelder für das Kernfusions-Projekt ITER zu kürzen. Grüne fordern den kompletten Stopp
Eine verbindliche Verpflichtung der Mitgliedsstaaten lehnt Kommissionspräsident Barroso dennoch weiterhin ab
20 Prozent des Energiebedarfs sollen in der Europäischen Union 2020 aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. EU-Kommissar Günther Oettinger will sich zunächst nicht an eine einheitliche Ökostromförderung machen, fordert aber mehr "grenzübergreifende" Zusammenarbeit.
EU-Mitgliedstaaten wollen beim Energiegipfel am 4. Februar auf nationale Regelungen für die Ökostromförderung bestehen
Die Atommüllfrage soll endlich geklärt werden. EU-Energie-Kommissar Günther Oettinger hat am Mittwoch in Brüssel einen entsprechenden Richtlinienvorschlag vorgestellt. Die Mitgliedstaaten müssen nun nationale Programme zu sicherem Bau und Betrieb von Endlagern erarbeiten.
Das Bundesumweltministerium lässt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ein Gutachten zu den ökonomischen Folgen einer 30-Prozent-Reduzierung der Treibhausgase bis 2020 erstellen. Tenor: Alles wird gut. Nachprüfen lässt sich das nicht: Die Langfassung der Studie gibt es vorerst nicht - zumindest nicht öffentlich.
Kommt es oder kommt es nicht? Bundesumwelt- und Bundeswirtschaftsministerium sind sich so gut wie einig über einen Gesetzentwurf für die CO2-Verpressung. Bereits kommende Woche könnte er im Kabinett verhandelt werden.
Mit dem "Clean Energy Ministerial" sollen erneuerbare Energien gestärkt werden. Dänemark, Deutschland und Spanien starten Initiative für einen "globalen Solar- und Windatlas"
Volksinitiative zur Rekommunalisierung der Versorgungsnetze in Hamburg: Umwelt- und Verbraucherorganisationen wollen bis August 10.000 Unterschriften sammeln



