"Die Sachverständigen rechnen falsch"
Axel Berg ist Vorsitzender von EUROSOLAR Deutschland. Von 1998 bis 2009 war er SPD-Bundestagsabgeordneter und dabei an der Ausarbeitung des 2000 beschlossenen Erneuerbaren-Energien-Gesetzes beteiligt, das den Boom der Photovoltaik mitbegründete. Im klimaretter.info-Interview begründet er, warum der Sachverständigenrat für Umweltfragen falschliegt, wenn er aus Kostengründen einen Deckel von nur noch 1.000 Megawatt jährlichen Zubaus an Solarstromkapazität fordert und stattdessen auf Offshore-Windenergie setzt.
Axel Berg: Nein, überhaupt nicht. Der Sachverständigenrat hat ja zwei vernünftige Grundgedanken aufgenommen, die wir als Autoren des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) auch hatten. Der eine heißt: Das EEG muss flexibel auf Produktionskosten reagieren: Wenn zum Beispiel die Stahlpreise steigen, muss die Vergütung für Windräder entsprechend steigen. Wenn der Weltstahlpreis fällt, dann kann die Windvergütung auch geringer sein. Und zudem wollten wir ja nicht die Ölscheichs und Putins dieser Welt durch Photovoltaik-Scheichs ablösen ...
… die sich eine goldene Nase mit der Solarförderung verdienen.
Uns war bewusst, dies verhindern zu müssen, damit uns die Zuneigung für das Gesetz im Volk nicht verloren geht. Diesen Gedanken hat der Sachverständigenrat aufgegriffen, aber dabei zwei Fehler gemacht, einen sachlichen und einen Denkfehler. Der Sachfehler ist, dass die Studie mit dem veralteten Vergütungssatz für Solarstrom rechnet. Der ist längst radikal gekürzt worden.
Und der Denkfehler?
Das ist ein bisschen komplizierter. Das Kostensenkungspotenzial bei der Photovoltaik stellt der Sachverständigenrat ja überhaupt nicht in Abrede. Nur sagt er. Wir sollten jetzt den Zubau verringern und dann wieder massiv damit beginnen, wenn der Solarstrom preiswerter geworden ist. Aber die Kosten der Photovoltaik sind in den letzten Jahren gerade deshalb so stark gesunken, weil wir gefördert haben. Jetzt zu warten, bis die Kosten sinken, wäre die Garantie dafür, dass die Kosten nicht sinken.

Axel Berg (Mitte) bei einer Demonstration von Campact in München. (Foto: Axel Berg)
Der Sachverständigenrat argumentiert sinngemäß: Deutschland hat bisher überdurchschnittlich viel gebaut und gefördert, jetzt ist das Ausland mit der Förderung dran.
Das ist wirtschaftlich falsch. Der Sachverständigenrat sagt ganz klar, die Zukunft ist erneuerbar. Es geht nur um den Weg, wie wir schnell genug da hinkommen. Dann hat aber das Land den First-Mover-Advantage, das sich als erster in diese Richtung bewegt. Noch sind wir Deutsche am weitesten bei den erneuerbaren Technologien. Wir haben die besten Windräder, die besten Biomasse-Anlagen und die besten Photovoltaikanlagen. Und wir sind eine exportorientierte Nation. Seit Jahrzehnten wird „Made in Germany“ in der ganzen Welt verkauft. Wenn wir jetzt aufhören und sagen: Sollen doch mal andere Länder an den Erneuerbaren herumforschen und schauen, ob sie Effizienzsteigerungen hinbekommen, dann bedeutet das, dass wir den First-Mover-Advantage aufgeben.
Solarworld-Chef Frank Asbeck glaubt, von den deutschen Solarmodulherstellern werden angesichts der chinesischen Billigkonkurrenz ohnehin nur zwei oder drei überleben.
Das wird man sehen. Eine Konzentration findet in allen Branchen statt. Bei den Automobilherstellern sind auch viele geschluckt worden, ebenso bei Supermarktketten oder den Banken. Die Großen schlucken die Kleinen, das ist ein genereller Trend. In der Energiewirtschaft haben wir schon lange das Kartell der großen Vier: Eon, RWE, EnBW und Vattenfall. Die Energiewende ist Mittelstandspolitik. Und sogar der Energiekonsument selbst wird zum Sonnenkraftproduzenten. Wenn sich die Beschleuniger gegen die Verzögerer durchsetzen.
Wenn man den Ausbauplänen des Sachverständigenrats folgt, hätten wir 2020 zwischen 27 und 30 Gigawatt Solarstrom. Wie viele hätten Sie denn gerne? Und welchen Energiemix befürworten Sie?
Das weiß ich auch nicht genau. Es hängt von der technologischen Entwicklung ab: Im EEG haben wir Fördersätze für unterschiedliche Energiearten angelegt, damit nicht nur in eine Richtung geforscht wird. Wir haben damals gesagt: Natürlich ist die Photovoltaik derzeit mit Abstand die teuerste Investition, um eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen. Aber sie wird große Anwendungsmöglichkeiten haben. Inzwischen sind wir soweit, dass ungefähr in zwei Jahren die Photovoltaik günstiger Strom erzeugen kann als Offshore-Windkraft oder ein hochsubventioniertes Atomkraftwerk. Und wenn man jetzt den weiteren Ausbau bremsen würde, wäre diese Entwicklung natürlich nicht mehr gewährleistet.

Trotzdem gibt es seit mindestens einem dreiviertel Jahr eine massive Kampagne gegen die Photovoltaik.
Schon länger, immer wieder kommt das hoch. Diese Desinformationskampagnen kommen vor allem aus der Atomindustrie ...
Aber nicht nur. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen etwa ist doch ein renommiertes Gremium. Hat sich mittlerweile eine Allianz unterschiedlicher Interessen gebildet, in der auch die Windbranche gegen den Solarstrom kämpft?
In diese Keilereien werden wir reinkommen. Bereits jetzt haben wir einen Konflikt zwischen dem günstigen Onshore-Windstrom und der Offshore-Windkraft, die die Kosten hochtreibt. In wenigen Jahren werden wir zwischen 50 und 100 Prozent erneuerbare Energien haben. Und dann sind eventuell die Netze zu voll. Dann wird es ein Gehader geben, welche Erneuerbaren draußen bleiben müssen. Irgendwann gehen wir auf eine Problematik zu, in der wir Hierarchien zwischen den erneuerbaren Energien begründen müssen.
Diese Debatte ist die letzten Jahre nicht geführt worden. Ist das ein Versäumnis?
Nein. Die Befürworter der konventionellen Energien sind dermaßen übermächtig, wie jetzt auch das Energieprogramm der schwarz-gelben Regierung zeigt, dass der Debattenschwerpunkt erst einmal in der Auseinandersetzung mit ihnen lag. Das Problem der derzeitigen Diskussionen ist, dass sich die Gegner der erneuerbaren Energien nicht mehr als solche zu erkennen geben. Die Gegner erkennt man heute daran, dass sie eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke fordern, weil wir so angeblich schneller zu einer Versorgung mit Erneuerbaren kommen. Die Gegner erkennt man daran, dass sie sagen, in der Sahara scheint doch mehr Sonne als bei uns in Deutschland, also lass es uns dort machen. Erneuerbare sind aber am besten lokal und dezentral. So wie der Energieverbrauch ja auch. Deshalb sind auch Desertec und Seatec, Großanlagen in der Wüste oder in der Nordsee zur Stromversorgung weit entfernter Gebiete weder notwendig noch nachhaltig – weil dies nur zu einem Aufschieben des Umstiegs auf Erneuerbare im eigenen Land führt.
Interview: Martin Reeh
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