Merkels "aggressive Klimapolitik"
Wikileaks enthüllt: Die deutschen Bemühungen zur Begrenzung der Erderwärmung halten US-Diplomaten offenbar für übertrieben. In Zukunft könne das zu mehr öffentlichen Meinungsverschiedenheiten führen.Von Felix Werdermann
Man weiß nicht, ob es ein Lob oder eine Beleidigung für die deutsche Regierung ist: US-Diplomaten sprechen von einer aggressiven Klimapolitik Deutschlands. In einem Bericht der amerikanischen Botschaft aus dem Jahr 2008 heißt es: "Kanzlerin Merkel und die restliche politische Führung Deutschlands verfolgen weiterhin ernsthaft aggressive internationale Maßnahmen gegen die Erderwärmung."

Hier wird aggressive Klimapolitik verhandelt: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und US-Präsident Barack Obama diskutieren Ende 2009 auf dem Klimagipfel in Kopenhagen. (Foto: White House)
Der als "geheim" eingestufte Bericht aus der Berliner Botschaft wurde kürzlich von Wikileaks im Internet veröffentlicht. Am letzten Sonntag hatte die Whistleblower-Plattform begonnen, tausende Dokumente einzustellen, jeden Tag kommen neue hinzu. Nach den bislang verfügbaren Daten zu urteilen, sehen die USA vor allem in Deutschland und Frankreich die Zugpferde der internationalen Klimaverhandlungen.
"Fundamentale Unterschiede in unseren Ansätzen"
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) genieße in Deutschland "überwältigende Unterstützung" für ihre ambitionierte Politik, heißt es in dem Text aus Zeiten der großen Koalition. Merkels Wille, weltweite Emissionsminderungsziele verbindlich festzuschreiben, spiegele den "tiefsitzenden Glauben" wieder, "dass nur drastische, gemeinsame Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft den menschlichen Beitrag zur globalen Erwärmung verlangsamen – und letztlich umkehren – können".
Noch immer bestünden "fundamentale Unterschiede in unseren Ansätzen", den Klimawandel zu stoppen. Die USA setzen nämlich stärker auf freiwillige Maßnahmen einzelner Staaten. In Zukunft könne das zu mehr öffentlichen Meinungsverschiedenheiten führen, prognostizieren die US-Diplomaten.
Erwartungen vor Kopenhagen heruntergeschraubt
Rund anderthalb Jahre später sind die Töne aber versöhnlicher geworden. Kurz vor dem Klimagipfel in Kopenhagen heißt es in einem weiteren Bericht: "Deutschlands Spitzenpolitiker erkennen die Schwierigkeiten, Klimagesetzgebung in den USA durchzusetzen". In der Tat hat es Präsident Barack Obama bis heute nicht geschafft, sein Klimagesetz im Senat durchzusetzen.

Hat bei der Klimapolitik im eigenen Land wenig zu lachen: Barack Obama. (Foto: White House)
Kurz vor dem entscheidenen Gipfeltreffen hätte deswegen die Bundesregierung ihre "Erwartungen an die Möglichkeit eines verbindlichen Abkommens in Kopenhagen" heruntergeschraubt. Möglicherweise würden die deutschen Politiker nun auch die Öffentlichkeit auf ein "weniger ambitioniertes Ergebnis" vorbereiten.
Meinungsverschiedenheiten über Alternative zu UN-Verhandlungen
Als konkreter Streitpunkt zwischen Deutschland und den USA wird die Gründung des Major Economies Forum (MEF) genannt. Das ist ein noch von Präsident George W. Bush initiiertes Treffen, bei dem Industrie- und Schwellenländer über Energie- und Klimapolitik diskutieren – als eine Art Alternative zu den UN-Verhandlungen, wo die ganze Welt mitredet.
In dem Papier von 2008 steht, die deutsche Regierung bliebe "skeptisch", weil sie zusätzlichen Aufwand befürchte. Schließlich gebe es schon die Vereinten Nationen und die Gruppe der Acht (G8). Bei Frankreich sieht es aus US-Sicht besser aus: Zu Beginn habe Paris "eine Mischung aus Skepsis und Interesse" gezeigt, inzwischen seien die Franzosen "voll dabei", heißt es im Mai 2008. Ein knappes Jahr später wurde das MEF offiziell gegründet.
USA sehen sich als Vorreiter im Klimaschutz
Schon zuvor haben sich die Vereinigten Staaten selbst als Vorreiter im internationalen Klimaschutz gesehen: 2007 schrieb die US-Botschaft in Paris, man habe Präsident Nicolas Sarkozy und hochrangigen Beamten klargemacht, "dass die USA im Kampf gegen den Klimawandel geführt haben und weiterhin führen werden".
Schließlich hätten die Vereinigten Staate mehr Geld als jedes andere Land für Klimawissenschaft und Energieforschung ausgegeben. "Wir haben den Franzosen gezeigt, dass wir trotz eines größeren Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums die Energieintensität und den Kohlendioxidausstoß besser senken."
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 08 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Tag 11 auf dem Klimagipfel in Mexiko: Es gibt einen Lösungsvorschlag für die Reduktionsverpflichtung aller Länder. Denn ohne das Festschreiben neuer Reduktionsziele wird es keinen Beschluss von Cancún geben.
Brasilien führt in Sachen Klimaschutz auch in diesem Jahr, Deutschland hält sich auf Platz sieben. Auf dem Klimagipfel in Cancún haben Germanwatch und CAN Europe den Klimaschutz-Index vorgestellt.
Noch 8 Tage bis Cancún: "Das programmierte Scheitern ist ein Strukturelement derzeitiger Klimadiplomatie", sagt Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info in der Debatte 'Wozu brauchen wir noch Klimakonferenzen?'
USA-China-Dialog: US-Außenministerin Hillary Clinton hat das Reich der Mitte aufgefordert, den entscheidenden Weltklimagipfel in Südafrika Ende dieses Jahres nicht scheitern zu lassen. Auch die Vorleistungen der USA sind jedoch ausgesprochen dünn.
Noch 12 Tage bis zum Weltklimagipfel in Cancún: Warum gibt es eigentlich Klimakonferenzen? Warum war Kopenhagen so wichtig? Und warum eigentlich ist Cancùn die letzte Chance?
Noch 2 Tage bis Cancún: Kleinbauern und indigene Gruppen aus dem Süden wollen mit Protest auf die Klimagespräche antworten. Deutsche Aktivisten sind dagegen im Moblilisierungstief.
Die Bundeskanzlerin wird im Juni nicht zum Weltgipfel nach Rio de Janeiro reisen. Das sorgt in Brasilien für Unverständnis. Auch US-Präsident Barack Obama wird wahrscheinlich nicht kommen.
Das staatliche bezuschusste Autokaufen reduziert den Kohlendioxid-Ausstoß laut einer OECD-Studie um 200 Millionen Tonnen bis zum Jahr 2030. Die Minderung hätte man einfacher schaffen können
Prozedurale Tricks und Auseinandersetzungen über die Medien haben bei den Klimaverhandlungen in Tianjin die ruhige Geschäftigkeit der ersten Tage abgelöst. Streitigkeiten gibt es zwischen China und den USA.
UNEP-Chef Achim Steiner sieht das Zwei-Grad-Ziel in Gefahr, sollte es auf der Klimakonferenz in Durban keine Einigung geben
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dementiert, zwar, man habe sich bereits auf eine Verlängerung der Akw-Laufzeiten um mindestens zehn Jahre geeinigt, hält jedoch eine zehn bis 15 Jahre für "vernünftig". Das Wirtschaftsministeirum "übersetzt" auf mindestens zwölf Jahre längere Laufzeiten, während sich das Umweltministerium mit Aussagen zurückhält. SPD-Chef Sigmar Gabriel kritisiert die "knallharte Lobby-Politik" der Kanzlerin.
"World Energy Outlook 2010" der Internationalen Energie-Agentur: Der rapide steigende Energiebedarf Brasiliens, Chinas und anderer Schwellenländer wird die Ölpreise in den kommenden 25 Jahren explodieren lassen. Und: Der Anteil regenerativer Erzeugungsarten an der weltweiten Stromproduktion wird laut IEA bis 2035 auf gut ein Drittel wachsen.
Nach einem Gerichtsurteil musste die Bundesregierung die Liste mit den Subventionsempfängern wieder öffentlich machen. Hauptsächlich profitieren große Konzerne. Der BUND fordert eine EU-Agrarreform.
Der Chef-Klimabeauftragte der USA Todd Stern erteilt großen Erfolgen auf dem nächsten Weltklimagipfel eine Absage. Major Economies Forum in Brüssel dämpft Erwartungen an die COP17 in Südafrika.
Transparency International legt einen globalen Korruptionsbericht zum Klimawandel vor: Im Fokus stehen unter anderem die Klimadiplomatie und der Emissionshandel.


