Klimaskeptikers Tingeltangel durch die Provinz
Hanau, Höxter oder Bruchhausen: Die Klimaskeptiker touren durch Stadthallen und Hinterzimmer – und finden Anklang bei Lokalfürsten und einzelnen Abgeordneten von CDU und FDP.
Von Martin Reeh
Nehmen wir Myron Ebell, Director of Energy and Global Warming Policy beim Competitive Enterprise Institute in Washington. Der Titel "Director of Global Warming Policy" ist ein wenig irreführend – Ebell, ehemaliger Berater von George W. Bush, hält den Temperaturanstieg für gering und dessen Konsequenzen für nicht besonders gravierend. Wenn CNN über Klimapolitik berichtet, etwa jüngst im September über den Siegeszug der Erneuerbaren Energien in China, ruft der Fernsehsender bei Ebell an: "Es ist unmöglich zu sagen, warum sie überhaupt in Windparks und Solaranlagen investieren", sagt Ebell dann. "Wettbewerbsfähig im Vergleich zur Kohle sind die nicht." Und: "Meine Vermutung ist, dass es darum geht, Schaufensterpolitik für den Westen zu betreiben." Mit anderen Worten: Es gibt keinen Grund für die USA, eine ähnliche Politik zu betreiben. Ebell wurde von CNN nicht als Klimaskeptiker vorgestellt, sondern als "Energieanalyst beim Competitive Enterprise Institute – einer konservativen Forschungs- und Lobbygruppe".
Von Brüssel nach Hanau: Der FDP-Europaabgeordnete Holger Krahmer. (Foto: www.holger-krahmer.de)
Befragt als seriöser Gesprächspartner, großer Einfluss in einer der beiden großen Parteien – für deutsche Klimaskeptiker müssen die USA wie ein Paradies erscheinen. Wenn am 3. und 4. Dezember das Europäische Institut für Klima und Energie (EIKE) und das Berlin Manhattan Institut, zwei bekannte Klimaskeptiker-Einrichtungen, zur "III. Internationalen Klima- und Energiekonferenz" ins Berliner Hotel Maritim pro Arte am Bahnhof Friedrichstraße einladen, dann ist die räumliche Nähe zur Macht im benachbarten Reichstag zwar gegeben – aber mit der Miete fürs Hotel bezahlt. Vertreter von Parteien sind nicht zugegen, auch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung, von EIKE auf der Homepage als Mitveranstalter aufgeführt, dementiert die Unterstützung: "Wir sind weder finanziell noch logistisch noch personell daran beteiligt", sagt Sprecher Lars-André Richter. Noch im letzten Jahr hatte sich das Liberale Institut, Think-Tank der Stiftung, an der Tagung unterstützt.
Noch muss man die deutschen Klimaskeptiker vor allem in der Provinz suchen - in den Hinterzimmern und Stadthallen von Hanau, Höxter, Brakel oder Bruchhausen im Sauerland, dort, wo einzelne Abgeordnete oder die Lokalfürsten von CDU und FDP ihnen gewogen sind oder sie einen Ortsverband der Europa-Union okkupiert haben.
Auf einer solchen Tingeltangel-Tour befindet sich seit Monaten Friedrich-Karl Ewert, emeritierter Professor an der Universität Paderborn. Auf der Berliner EIKE-Tagung läuft sein Vortrag unter dem Titel "Weltweite Langzeit-Thermometer Daten zeigen mehrheitlich keine Erwärmung". Im November 2009 trat Ewert in der Stadthalle Brakel auf: "Ewert wies in einem sehr gut besuchten Vortrag in der Brakeler Stadthalle nach, dass CO2, welches vom Menschen erzeugt wird, mit Sicherheit kein Auslöser eines Klimawandels sein kann und dass die Hysterie um den Klimawandel selber jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt", heißt es dazu im Blog der örtlichen FDP. Am 15. Juli 2010 schlug Ewert beim "Runden Tisch mit Paul Friedhoff", dem wirtschaftspolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, in Höxter auf; zuvor, Anfang Juni, beim "Göttinger Colloquium", einem Kreis überwiegend pensionierter Wissenschaftler und Ingenieure.
Laut Hessisch/Niedersächsischer Allgemeiner Zeitung (HNA) behauptete Ewert dort, "zunehmende Sonnenaktivität" sei "wahrscheinlich der Grund" für eine "langsame Erderwärmung seit Mitte des 19. Jahrhunderts". Das "Göttinger Colloquium" tagte unter der Schirmherrschaft des parteilosen Bürgermeisters Ullrich Otto in Bad Karlshafen. Anwesend war laut HNA auch die CDU-Bundestagsabgeordnete Marie-Luise Dött: "Nicht offiziell, sondern weil sie mit dem Referenten befreundet sei", schreibt die HNA.

Marie-Luise Dött, umweltpolitische Sprecherin der Unionsfraktion. (Foto: Bundestag)
Anfang Oktober sprach Ewert in Bruchhausen im Hochsauerlandkreis auf Einladung der örtlichen CDU. „Nach dem Vortrag von Professor Ewert entspann sich eine rege Diskussion. Einige Besucher betonten, dass sie zum ersten mal eine sachlich fundierte Argumentation in dieser Richtung gehört hatten, da in der Politik und beispielsweise vom Weltklimarat immer selbstverständlich vom 'Klimakiller CO2' geredet wird. Dieser Sprachgebrauch hat sich inzwischen so verfestigt, dass die Meinung der 'Klima-Realisten', wie Professor Ewert sich und gleichgesinnte Kollegen bezeichnete, weder in einer Partei, noch in der veröffentlichten Meinung eine Chance hat, auch nur gehört zu werden", resümiert die lokale Onlinezeitung, deren erster Vertretungsberechtigter der CDU-Ortsverbandsvorsitzende Karl-Josef Wiegelmann ist.
Im Oktober tauchte Ewert bei der Europa-Union in Hanau auf, der eigentlich seriösen selbsternannten "Bürgerinitiative für Europa". Präsident ist Peter Altmaier, Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Vizepräsident unter anderem die SPD-Bundestagsabgeordnte Eva Högl. Der Hanauer Vorsitzende, der frühere FDP-Mann Gerhard Stehlik, versammelt dort seit Monaten in einer Vortragsreihe "CO2 und Klima" die üblichen Verdächtigen der Klimaskeptiker-Riege: Neben Ewert auch Dieter Ameling, den früheren Präsidenten der Wirtschaftsvereinigung Stahl ("Die Energie- und Klimapolitik der EU vertreibt die energieintensiven Industrien aus Europa"), der auch auf dem EIKE-Kongress auftritt, sowie den FDP-Europaabgeordneten Holger Krahmer.
Krahmer soll am 25. November auf Basis seiner Broschüre „Unbequeme Wahrheiten über die Klimapolitik und ihre wissenschaftlichen Grundlagen“ in Hanau referieren. In dem Heft lässt der Leipziger Europaabgeordnete nicht nur die Klimaskeptiker Benny Peiser und Arman Nyilas zu Wort kommen, sondern schreibt auch: „Die Klimapolitik muss aus der Alarmecke geholt werden. Anzeichen für eine bevorstehende Katastrophe gibt es nicht. Deshalb sollten sich gerade Liberale von den gängigen Weltuntergangs-, Angst- und Einschüchterungsbotschaften distanzieren.“
Eigentlich sollte Krahmer bereits im August 2010 in Hanau auftreten, sagte dann jedoch kurzfristig ab. Für Stehlik der Auslöser, aus der FDP auszutreten, aber nicht der entscheidende Grund: Die FDP habe zu den Beratungen über ein neues Parteiprogramm zum Thema Klima keine Naturwissenschaftler berufen, kritisiert Stehlik auf seiner Homepage. „Die FDP hätte zum Beispiel einen Wissenschaftler des Europäischen Institutes für Klima und Energie (Jena und Berlin) einladen können, zum Beispiel den Geologieprofessor Dr. Karl-Heinrich Ewert oder den Physikprofessor Dr. Horst Lüdecke.“
Die hessische FDP zeigt sich gespalten über Stehliks Abgang: Zumindest Alexander Noll, hessischer Landtagsabgeordneter der Liberalen und Vorsitzender in Stehliks Heimatkreis Main-Kinzig, zeigt Verständnis für dessen Positionen: „Es gibt nachhaltige Gründe, die gegen Klimawandelhysterie sprechen“, sagte er gegenüber klimaretter.info. "Wenn Sie sich beispielsweise den IPCC-Bericht ansehen, dann kommen Sie schon ins Zweifeln, ob dort alles mit rechten Dingen zugeht", so Noll unter Verweis auf die Fehler im Bericht des Weltklimarats.
Marie-Luise Dött sagte die Teilnahme an einer Veranstaltung der Europa-Union Hanau im Januar 2011 ab. Die umweltpolitische Sprecherin der Unionsfraktion war im September unter Druck geraten, weil sie auf einer Klimaskeptiker-Veranstaltung in Berlin, organisiert von FDP-Mann Friedhoff, auftrat und dort den Vortrag des amerikanerischen Klimaskeptikers Fred Singer als "sehr, sehr einleuchtend" lobte. Dött wurde zwar kurz darauf als umweltpolitische Sprecherin wiedergewählt, allerdings mit der zweitgeringsten Stimmenzahl aller fachpolitischen Sprecher der Fraktion. Ob sie den Termin in Hanau nun aus terminlichen Gründen absagte oder weil der Druck auf sie zugenommen hat, die Teilnahme an solchen Veranstaltungen zu unterlassen, war aus der CDU/CSU-Fraktion nicht zu erfahren.Gerhard Stehlik dankt derweil derzeit auf der Startseite der Europa-Union Hanau "dem Hanauer Anzeiger", "weil er unsere Pressemitteilung rechts unten auf Seite 12 im Bereich 'Hanauer Stadtteile' unter der von ihm gewählten Überschrift: 'Zweifel an den Aussagen des Weltklimarats' wortgetreu veröffentlicht hat". "Hanauer Anzeiger" statt CNN – noch, so scheint es, ist für die deutschen Klimaskeptiker nicht mehr drin.
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