"China braucht eine Kohlendioxid-Börse"
Jeff Huang ist Vize-Präsident der Chicago Climate Exchange, einem freiwilligen Handelssystem für Kohlendioxid in den USA mit rund 400 Teilnehmern, darunter Unternehmen, Stadtverwaltungen, Universitäten und Farmer. Huang arbeitet in Peking und schreibt eine Kolumne für die Financial Times China. Auf qq, dem chinesischen Twitter, folgen 1 300 000 Leser seinen Nachrichten. Er wurde an der Universität des chinesischen Außenministeriums als Ökonom und Diplomat ausgebildet. Zurzeit wirbt er für einen Börsenhandel mit Kohlendioxid in China.
Mister Huang sie schlagen vor, in China ein Pilotprojekt einer Börse für den Handel mit Kohlendioxid-Zertifikaten zu eröffnen. Warum?
Weil das besser wäre, als Fabriken per Befehl zu schließen. Im August wurde beispielsweise eine Stahlfabrik in Guangzhou von der chinesischen Regierung geschlossen, weil sie zuviel Energie verbrauchte; 6.000 Arbeiter haben ihren Job verloren. Rund 2.000 weiteren Stahlfabriken, Zementwerke und anderen energieintensiven Betrieben droht dasselbe Schicksal. Aber statt die Unternehmen einfach dichtzumachen, könnten sie auch in einen Kohlendioxid-Zertifikatehandel einsteigen.
Warum schlagen Sie dieses Pilot-Projekt gerade jetzt vor?
Für die Unternehmen besteht ein neues Risiko: Der zwölfte Fünfjahrplan schreibt ihnen vor, bis 2020 ihre Kohlenstoffintensität um 45 Prozent zu senken. Damit verordnet die Zentralregierung in Peking nichts anderes als eine Begrenzung des wachsenden CO2-Ausstoßes, also ein "Cap" auf den Anstieg. Damit wird Kohlendioxid zu einem knappen Gut – und knappe Güter kann man handeln.
Wie genau würde dies funktionieren?
Um den Markt zu schaffen, wird eine Kohlenstoff-Intensitäts-Einheit berechnet: Wieviel Tonnen CO2 fallen pro Kilowattstunde Energieverbrauch an. Unternehmen, die besonders Carbon-intensiv sind, können Zertifikate von anderen kaufen, die ihre Intensität bereits gesenkt haben. So erhielte CO2 einen Preis, und es entstünde in China ein Markt für Investitionen in den Klimaschutz. Und das ist besser, als Fabriken am Ende des Fünfjahresplans auf Befehl dichtzumachen, wie es dieses Jahr passiert ist.
Wie sind die Reaktionen in China?
Die chinesischen Medien finden die Idee hochspannend. Letztes Jahr waren alle auf den Klimagipfel von Kopenhagen fixiert. Das hat sich geändert. Die großen Lieferanten der westlichen Handelsketten, die Exporteure, die Zementhersteller und Immobilienentwickler – alle fragen jetzt: Wie kann ich meinen Kohlendioxidausstoß reduzieren? Und vor allem fragen sie: Wie kann ich das am billigsten tun. Das ist, was die Innovationen antreibt: der Druck, billiger zu werden. Vor allem aber wollen die Politiker ein Pilotprojekt starten.
Bauboom am gelben Fluss: Skyline von Lantschou. (Fotos: Reimer)
In Kopenhagen ist China nicht als Klimaschutz-Vorreiter aufgefallen. Hat sich dies nun geändert?
Jetzt unterscheidet sich China nicht mehr großartig von der Europäischen Union, wo Kohlendioxid im EU-Handelssystem gehandelt wird. Die Kohlenstoff-Intensität ist nichts anderes als Kohlendioxid pro Kilowattstunde, also eine Begrenzung auf das Wachstum des CO2-Ausstosses. Das ist ein Wechsel vom Fokus auf Verhandlungen auf dem Makro-Level, also Gesprächen zwischen Staaten bei den UN, hin zum Mikro-Level: Wie kann mein Unternehmen am billigsten ein vorgeschriebenes CO2-Ziel errreichen?
Zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte wird die Produktion von Kohlendioxid beschränkt. Dadurch entsteht ein Wettbewerb, wer dies billiger beherrscht. Das ist ein historischer Schritt. Es beginnt ein Dialog zwischen dem chinesischen System von Kommando und Kontrolle und dem kapitalistischen Risiko-Management.
Was sagen Regierungsvertreter über eine CO2-Börse?
Ich kann hier nicht aus Gesprächen berichten, aber lesen sie China Daily, die englischsprachigen Zeitung, die die Parteilinie darlegt! Ich zitiere aus dem August: "Carbon-Trading schon in der Pipeline". Jetzt im Herbst ist man schon weiter, das erste Mal sprechen offizielle Dokumente der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission NDRC, der wichtigsten Wirtschaftsregulationsbehörde des Lande, offiziell von einem nationalen chinesischen Kohlendioxid-Markt. Das NDRC will Marktmechanismen fördern. Noch diskutiert man aber, ob die Börse mit einem bestimmten Sektor wie der Energiewirtschaft oder besser in einer bestimmten Region anfangen soll.
Reicht ein CO2-Handel, um das Emissionswachstum in China zu begrenzen?
Eins ist klar: Chinas Kohlendioxidemissionen werden weiter wachsen. Das ist die Realität. Aber in der Regierung spricht man darüber, dass die Emissionen schon 2030 ihren Höhepunkt erreichen und dann sinken. Jiang Ke-Jun vom NDRC hat dazu eine Studie veröffentlicht. Das ist ein großer Schritt nach vorn! Vor einiger Zeit dachte man noch, dass der Scheitelpunkt erst 2050 erreicht würde.
Aber reicht das?
Man sollte die Perfektion nicht zum Feind des Guten machen. Ein Handelssystem für CO2 ist nicht perfekt – aber es ist machbar und funktioniert.
Worin liegt der Fortschritt aus ihrer Sicht?
Bis zum Peak in 2030 sind es 20 Jahre. Die große Frage ist, wie man diese 20 Jahre managt. Um Risiken über solche langen Zeiträume zu kontrollieren, benutzt man den Preis auf Kohlendioxid. Der Börsenhandel ist dann der Mechanismus, der es den Institutionen erlaubt, ihre Risiken langfristig abzusichern. Und individuellen Unternehmern erlaubt es, ein Risiko einzugehen, um damit einen Gewinn zu machen. Wenn China den Handel mit CO2 organisiert, dann können sowohl die großen Emittenten als auch die Politiker gut planen. Es entstehen neue Investments in Clean Tech und Klimaschutz.
Was ist die Rolle des Chicago Climate Exchange CCX, in dessen Auftrag sie in China arbeiten?
Wir haben große Erfahrungen mit Finanzinnovationen und wir teilen diese Erfahrungen. Der Handel mit CO2 in China ist der logische nächste Schritt in einer langen Tradtion: Vor 400 Jahren wurden in Holland zum ersten Mal Anteile an einer Firma gehandelt, der niederländischen Ost-Indien-Company. 1848 wurden zum ersten Mal Termingeschäfte von Weizen, also von Waren, gehandelt. Das war in Chicago. 1970 gab es den ersten Handel mit Termingeschäften auf immaterielle Waren, und zwar auf die Zinsen von Staatsanleihen, die Interest-Futures. Das war eine Erfindung des Gründers von CCX, Richard Sandor.
1990 folgte der erste Handel mit Umweltgütern, nach dem US Clean Air Act wurde mit Schwefelemissionen gehandelt. 2003 fand der erste freiwillige Handel mit CO2 am CCX statt und 2005 im europäischen Handelssystem. Im Januar 2009 startete ReGGI, der Pflicht-Markt für zehn US-Staaten, darunter New York und New Jersey. Das wichtigste Ereignis dieses Jahr war, dass die Wähler in Kalifornien das Klimaschutzgesetz bestätigt haben, dass einen CO2-Handel einführt. Der Handel in China sollte als nächstes kommen.
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Wie können diese Erfahrungen konkret angewendet werden?
Wir haben ein Dutzend Regeln für die Einführung eines funktionierenden Handels. Die können auch für den Handel mit CO2 benutzt werden. Wir nennen sie das Saubere Dutzend. Das reicht von einer klaren Definition der Waren über eine funktionierende Kontrolle des Markts und eine nationale Aufsicht. Dann folgen internationale Verbindungen, beispielsweise zu den CO2-Märkten in Japan, Taiwan, Korea und der EU. So entsteht langsam ein internationaler Markt.
Was mit dem Missbrauchsrisiko? Beim Handel unter dem Clean Development Mechanism, bei dem europäische Firmen ihre Emissionen durch Klimaschutz-Investitionen in China kompensieren, sehen Experten große Probleme.
Klar, alle reden über Projekte, die mehr Emissionen schaffen als zu kompensieren. Beim Handel mit CO2 in China wird die Mehrheit der Investoren natürlich chinesisch sein. Und die Investoren haben ein großes Eigeninteresse daran, dass jede gehandelte Tonne ordentlich dokumentiert und gemessen wird. Dafür braucht es einen gut konstruierten und überwachten Markt.
Die chinesischen Börsen sind nur 20 Jahre alt, in der Zeit wurde unglaublich viel gelernt. Natürlich gab und gibt es wie in jedem Markt Skandale wie Insiderhandel oder gefälschte Finanzdaten. Genau deswegen geht es darum, die internationalen Erfahrungen beim Handel mit CO2 mit China zu teilen.
Banken wie Barclays oder die Deutsche Bank und die Strombörse EEX in Leipzig sollten beim Design des Pilotprojekts teilnehmen, und es wäre auch im Interesse von Unternehmen wie Bosch, DHL und der Deutschen Post und MunichRE!
Wie das?
Nehmen Sie das Beispiel der Bayer AG. Sie sind Mitglied der CCX in Chicago. In China machen sie 2,1 Milliarden Dollar Umsatz. Sie haben längst eine Buchhaltung über ihre CO2-Emissionen, weil sie wissen, dass die früher oder später sinken müssen. Das ist ein Risiko für sie, und je früher ein CO2-Handel in China eingeführt wird, umso beherrschbarer wird das Risiko für sie, weil sie dann länger planen können.
Wozu braucht China noch Hilfe? Das Land und seine Wirtschaft sind doch stark genug.
Sie haben bis heute keinen Handelsplatz für CO2. Außerdem sollten sie von den Fehlern der anderen lernen, beispielsweise von denen in der EU, wo der Handel mit Kohlendioxid-Zertifikaten in der ersten Runde zusammenbrach und der Preis auf Null sank.

Emissionen auf Wachstumskurs: Smog- und Straßenszene in Lantschou
Fördern der Westen dadurch nicht die chinesische Konkurrenz? Der Spiegel widmete kürzlich wieder eine ganze Titelgeschichte der Angst der deutschen Wirtschaft, von den Chinesen kopiert und abgehängt zu werden.
Das war klar, der Spiegel hasst ja China. Aber beim Kohlenstoff-Markt braucht man keine Angst vor Kopien zu haben wie im Maschinenbau. Im Gegenteil: Wer in China aktiv ist, hat ein Interesse daran, dass der Carbon-Markt funktioniert und stark ist. Es ist im Interesse den deutschen Firmen, wenn sie daran teilnehmen.
Ich glaube: Wen man nicht schlagen kann, dem sollte man sich anschließen. China und Deutschland sind schon jetzt wirtschaftlich eng verbunden, und gerade beim Klimawandel können neue Win-Win-Situationen entstehen. Wenn der Preis für Kohlendioxid international ausgehandelt wird, profitieren alle.
Schauen Sie sich die Fluglinien an. Ab 2012 stehen die – wenn sie auch nach Europa fliegen – vor der Wahl, ob sie Teil des EU-Handelssystems werden. Die amerikanischen Airlines versuchen, gegen diese Pflicht zu klagen. Die chinesischen Airlines könnten auch klagen – oder mitmachen. Die Lösung ist, dass die Airlines ihre CO2-Kredite über die chinesische CO2-Börse in das europäische Handelssystem einbringen können: Wenn sie am entstehenden chinesischen Markt teilnehmen, wird ihnen das in Europa angerechnet. So wird der nationale chinesische Markt mit dem europäischen versöhnt.
Wieso wäre das wichtig?
Dies schüfe eine internationale Anerkennung der chinesischen Klimaschutzanstrengungen – also Kooperation statt Streit. Es würde internationale Verbindungen mit sich bringen. De facto würde ein internationaler Markt mit einem Preis für CO2 entstehen. Man schafft also durch die Hintertür, das was in Kopenhagen nicht erreicht wurde. Wenn Nichtregierungsorganisationen wollen, dass China etwas für das Klima tut, ist dies der realistische Weg. Damit würde sich langfristig auch die Blockade bei den Vereinten Nationen lösen.
Wie das?
Jede Tonne CO2 muss durch ein System des MRV: Meassuring, Reporting, Verifying, also des Messens, Berichtens und Überprüfens. Das sorgt für Vertrauen, das bis jetzt nicht besteht. In Asien sieht man die Klimaverhandlungen als eine Verschwörung von USA und Europa, um den Aufstieg von China und Indien zu bremsen. Und in USA und Europa fürchtet man sich vor dem unkontrollierten Wachstum in Asien, vor allem dem Wachstum der CO2-Emissionen. Der gemeinsame Handel mit CO2 wäre ein erster Schritt aus zur Vertrauensbildung.
Interview: Daniel Boese
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