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Hermann Scheer ist tot

Mit 66 Jahren ist der Vorkämpfer für Erneuerbare Energien, SPD-Bundestagsabgeordnete und Träger des Alternativen Nobelpreises Hermann Scheer in Berlin verstorben. Sein Vermächtnis: "Der energet(h)ische Imperativ"

Ein Nachruf von Nick Reimer

"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen": Solche Sätze liebte Hermann Scheer - prägnant, mit Sprachwitz, auf den Punkt gebracht. Am 14. Oktober ist der Vorkämpfer für erneuerbare Energien, SPD-Bundestagsabgeordnete und Träger des Alternativen Nobelpreises in Berlin verstorben.


Hermann Scheer 2008 bei einer SPD-Veranstaltung. (Foto: Armin Kübelbeck/Wikipedia CC-Lizenz)

Hermann Scheer: Alternativer Nobelpreisträger, Präsident von Eurosolar, Vordenker für die IRENA

Der im hessischen Wehrheim geborene Hermann Scheer trat 1965 der SPD bei und war seit 1980 Mitglied des Deutschen Bundestags. Er war einer der Initiatoren des Stromeinspeisegesetzes für erneuerbare Energien und das Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Für sein Engagement für die Solarenergie wurde ihm 1999 der Alternative Nobelpreis verliehen. Er war Präsident des Verbands Eurosolar, Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien (World Council für Renewable Energy) und Verfechter der IRENA, der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien.

In Erinnerung behalten wird man Hermann Scheer auch für Sätze wie diese: "Jeder wirtschaftliche Prozess entsteht, besteht oder mündet in der Aneignung, Umwandlung und Nutzung von Ressourcen, also von Energie und Stoffen", oder: "Dass die Augen vor den Widersprüchen verschlossen werden, ist das größte Problem vor dem heute die Augen verschlossen werden."

Vor dem schwedischen Parlament hat Hermann Scheer einmal die Alternativlosigkeit thematisiert. "Es gibt keine Alternative - das ist das meistgenutzte Schlagwort der Führungseliten in Politik und Wirtschaft." Aber dieses Schlagwort sei nichts anderes als Appell an die Wähler: Die gefällten Entscheidungen der Mächtigen zu ertragen, sie nicht zu kritisieren und nicht zu hinterfragen, ob auch andere Entscheidungen und Entwicklungen möglich sind. Scheer: "Je einseitiger und kurzsichtiger die Entscheidungen, je absurder und gefährlicher der Weg der globalen Ökonomie und Zivilisation, desto lauter ertönt die apodiktische Behauptung: Es gibt keine Alternative."

Von der Abrüstung zum Erneuerbare-Energien-Gesetz

Das war der Motor des Hermann Scheer: Alternativen aufzuzeigen. Wo immer die Macht erklärte, "Die Rettung der Bank HRE war alternativlos", fragte Scheer: "Wieso"? Für ihn war die Privatisierung der Bahn nicht alternativlos - nur weil es die Strategen erklärten. Scheer entwarf die Idee der Bürgerbahn.

Seit 30 Jahren saß Hermann Scheer für die SPD im Bundestag. Dabei war er nie ein Parteisoldat. Im Gegenteil: Scheer war eine Parteisirene. In die Geschichte wird er als Wegbereiter des deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes eingehen. Dabei war es Anfang der 80er Jahre die Abrüstungspolitik, die Scheer zu den erneuerbaren Energien brachte. Auf dem Höhepunkt des atomaren Wettrüstens war Scheer SPD-Sprecher für Abrüstung und Rüstungskontrolle. Was für den Frieden nicht gut war, konnte es für die Energieversorgung erst Recht nicht sein: Scheer begann ein Gerüst für die Alternative Stromwirtschaft zu entwickeln, für das er Ende der 90er Jahre mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wurde.

Wie kaum ein anderer polarisierte Hermann Scheer. Entweder man bewunderte ihn, oder man verabscheute Scheer. "Ich bin weltweit anerkannt als ein Vorreiter für die Wirtschaftsorientierung der Zukunft. Und wenn das einige scheinbar besonders kluge Köpfe noch nicht verstanden haben, ist das nicht mein Problem". Solche Sätze machten es seinen Kritikern zuweilen leicht. Die professorale Art, mit denen er argumentierte, seinen Bewunderern dagegen schwer.

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Verleihung des deutschen Solarpreises 2009: Moderator Franz Alt (l.), Laudator Hermann Scheer (r.) und Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info (Foto: Eurosolar)

Hermann Scheer konnte aber auch völlig sachlich, also ohne jede Polemik argumentieren. Desertrec - dieses phantastische Projekt, das Windstrom aus Europas Norden mit Sonnenstrom aus der Sahara kombiniert - "mag auf den ersten Blick faszinierend aussehen", schrieb Hermann Scheer in einem Kommentar auf Klimaretter.info, "ist aber als Gesamtplan auf den zweiten Blick irreführend. Denn dahinter steckt unverkennbar die Absicht, den weiteren Ausbau der Windkraft in erster Linie auf Offshore-Anlagen und damit in die Hände der Energiekonzerne zu lenken."

Scheer als Schattenminister für Andrea Ypsilantis Kabinett in Hessen

Es ist fast genau ein Jahr her, da Hermann Scheer klimaretter.info den deutschen Solarpreis verlieh. "Klimaretter.info will seine Nutzer bewusst zum Handeln anregen", erklärte die Jury in ihrer Urteilsbegründung. "Ich möchte zeigen, dass es auch praktisch geht" - mit diesem Slogan pflegte Scheer auch zu begründen, warum er unbedingt Energieminister in Hessen werden wollte. Mit Andrea Ypsilanti hatte er eine Frontfrau gefunden, die sich von seinen Visionen anstecken ließ, die den klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft und Energieversorgung als sozialdemokratisches Erneuerungsprojekt begriffen und vereinnahmt hatte. "Ypsilantis Windmacher", spottete der Spiegel. Wäre nicht der Proporz in der SPD gewesen, nicht der Neid der Parteisoldaten, das tiefe Misstrauen "gegen den Nobelpreisträger", Hermann Scheer hätte es gezeigt.

Nun kann er das nicht mehr. Der große Vordenker der Energiewende ist unerwartet am Donnerstag nach kurzer aber schwerer Krankheit verstorben.

 

Lesetipp: Hermann Scheers neues Buch "Der energet(h)ische Imperativ - 100 Prozent jetzt"

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