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Carters Schatten, Obamas Solaranlage

Man könnte das, was US-Präsident Barack Obama im nächsten Frühjahr auf dem Dach des Weißen Hauses installieren will, für eine einfache Solaranlage halten. Tatsächlich ist sie aber mehr als das: ein Symbol für die wachsenden Unterschiede zwischen den USA und Europa.

Von Martin Reeh

Alles, bloß das nicht, mag sich Barack Obama gedacht haben, als im September einige Aktivisten mit einem Lkw rund ums Weiße Haus kurvten, mit einer Solaranlage auf der Ladefläche. Es war die Solaranlage, die Jimmy Carter während seiner Präsidentschaft auf dem Dach des Weißen Hauses angebracht hatte. Ronald Reagan ließ sie 1986 während Renovierungsarbeiten wieder abmontieren, danach fristete sie auf dem Dach einer Studentenmensa in Maine ihr Dasein. Die Aktivisten forderten nun, dass Obama die alte Anlage wieder aufs Weiße Haus anbringen solle und einige neue Anlagen noch dazu – als Zeichen für seine Verpflichtung gegenüber erneuerbaren Energien.

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Jimmy Carter weiht 1979 die Solaranlage auf dem Dach des Weißen Hauses ein. (Foto: White House Museum)

Carters vier Jahre im Weißen Haus gelten vielen Amerikanern heute als eher unglückselige Zwischenepisode, ehe Ronald Reagan in den achtziger Jahren das nationale Selbstbewusstsein wieder aufrichtete. Schon bevor ihn die Geiselnahme im Iran endgültig die Wiederwahl kostete, hatte sich der baptistische Erdnussfarmer aus Georgia mit seiner Energiepolitik unbeliebt gemacht. Berühmt-berüchtigt wurde insbesondere seine sogenannte "malaise speech": "Zu viele von uns beten Genusssucht und Konsum an", sagte Carter und forderte seine Landsleute angesichts der Energiekrise auf, "unnötige Fahrten zu vermeiden, Carpools und öffentliche Transportmittel zu nutzen und das Auto an einem Tag in der Woche einfach mal zu Hause zu lassen".

Mit einer nachhaltigen Energiepolitik, so viel ist seit Carter klar, kann man sich in den USA als demokratischer Präsident ebenso unbeliebt machen wie mit der Einführung einer Krankenversicherung nach europäischem Vorbild. Bill Clinton und Al Gore zogen während ihrer Präsidentschaft ihren Schluss daraus, predigten "It´s the economy, stupid" und vernachlässigten Umwelt- und Klimapolitik – obwohl Gore mit "Earth in the Balance" zuvor einen Bestseller der Ökoliteratur verfasst hatte. "Read your book, Al", lautete der Slogan US-amerikanischer Umweltschützer während Gores Zeit als Vizepräsident.

Dass öffentlich Parallelen zwischen Carter und Obama gezogen werden, muss Obama also fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Sie liegen ohnehin nahe: Beide wurden vielleicht weniger wegen ihrer eigenen Stärke gewählt, sondern weil die republikanischen Präsidenten Nixon und Bush jr. in den vorausgegangenen Wahlperioden das außenpolitische Ansehen gründlich ruiniert hatten. Beide gewannen in den Vorwahlen gegen das demokratische Parteiestablishment. Und bei beiden, so hoffen die Republikaner, dauert die Amtszeit nur vier Jahre. Obamas Umfragewerte zur Halbzeit seiner Präsidentschaft lassen die Hoffnungen jedenfalls berechtigt erscheinen.

Obama wählt den Mittelweg

Was also tun? Carters alte Solaranlage zu reinstallieren, ging aus naheliegenden Gründen nicht. Die Aktivisten aber fuhren damit noch immer durch die Gegend, hätten also die einen weiter an Carter erinnert und die linksliberalen Wähler Obamas daran, dass von den energiepolitischen Versprechen der Demokraten nicht viel übrig geblieben ist. Republikaner und konservative Demokraten ließen Obamas Klimagesetz im Juli im Senat scheitern. Teile der demokratischen Stammwählerschaft denken ohnehin daran, bei den Wahlen zu Abgeordnetenhaus und Senat im November einfach zu Hause zu blieben.

Obama hat nun die Notbremse gezogen und den Mittelweg gewählt: Nach einem anfänglichen "Nein" kommt doch eine neue Solaranlage aufs Weiße Haus, allerdings erst im Frühjahr 2011. Damit sind die linksliberalen Wähler zufriedengestellt. Bilder vom Aufbau der Anlage, die Sarah Palins Tea-Party-Bewegung als Beweis dafür dienen könnten, dass nun der Sozialismus in Gestalt einer Solaranlage bei Obama eingezogen ist, wird es vorerst aber auch nicht geben. 

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Kinder küssen kommt an, Solaranlagen einweihen nicht: Obama im Mai 2010 in Cheektowaga, New York. (Foto: White House)

Die ideologische Polarisierung der USA, die Autoren wie Jonathan Franzen oder Intellektuelle wie Steven Hill von Europa träumen lässt, manifestiert sich nun in einer Solaranlage auf dem Dach des Weißen Hauses: Während sich in Europa Politiker um Fototermine mit Solar- und Windkraftanlagen drängeln, muss sich der US-Präsident vor der Macht der Bilder im Wahlkampf fürchten. Carter hatte die Solaranlage 1979 noch mit einer Pressekonferenz auf dem Dach seines Amtssitzes eingeweiht.


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