Eckpunkte eines "schmutzigen Deals"
Atomkonzerne werden in der Vereinbarung zwischen den AKW-Betreibern und der Bundesregierung gut abgesichert. Zulasten des Fonds für Erneuerbare Energien: Die Beiträge sind auch an Kosten zur Sicherheitsnachrüstungen und die Brennelementesteuer gekoppelt. Opposition und Umweltschützer kritisieren einen "schmutzigen Deal", Lobby Control und Transparency International sehen demokratische Grundregeln in Frage gestellt.
Von Sarah Messina
Für ihre "Geheimniskrämerei" war die Bundesregierung von Opposition und Nichtregierungsorganisationen scharf kritisiert worden, nun wurde ein Teil der bislang unter Verschluss gehaltenen Vereinbarung veröffentlicht. Opposition und Umweltorganisationen sprechen von einem "schmutzigen Deal" und "großangelegtem Betrug an der Bevölkerung".

Sicherheitsleinen für die Atomkonzerne: Wird an der Brennelementesteuer gedreht, oder die teuere Sicherheitsnachrüstung vorgeschrieben, geht das auch auf Kosten des Erneuerbare-Energien-Fonds.
Ab 2017 fällt dem Papier zufolge pro Megawattstunde Atomstrom ein "Förderbeitrag" von neun Euro an, den die Atomkonzerne in einen Fonds für erneuerbare Energien, Speichertechnologien, Energieeffizienz und Kraft-Wärme-Kopplung einzahlen müssen. Die Ökoabgabe wird zwar auch an den Strompreisen ausgerichtet: Bei einem zu erwartenden leichten Anstieg der Strompreise fließt damit also mehr Geld in die Staatskasse.
Gleichzeitig werden Atomkonzerne jedoch auch gegen Mehrkosten abgesichert. Wird etwa die bis 2016 befristete Brennelementesteuer verlängert oder erhöht, können die Konzerne die Differenz von ihrer Öko-Abgabe abziehen. Der Deckel für die Atomsteuer wird auch als Absicherung gegen einen eventuellen Regierungswechsel gewertet.
Eine weitere Sicherheitsleine für die Atomkonzerne wird bei den Nachrüstkosten gezogen: Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hatte im Vorfeld des Energiegipfels gefordert, AKW-Betreiber zur Nachrüstung gegen Terrorgefahren durch Flugabstürze zu verpflichten: Das würde vor allem für die alten AKWs extrem teuer und kaum rentabel. Schätzungen zufolge würden für diese Nachrüstung pro Atomkraftwerk mehr als eine Milliarde Euro aufgewendet werden müssen. In der Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Atomkonzernen werden die Nachrüstungskosten je Atomkraftwerk jedoch auf 500 Millionen Euro begrenzt. Investitionen, die diesen Betrag übersteigen, können wiederum auf die Beiträge für den freiwilligen Öko-Fonds angerechnet werden.
2019 wollen Bundesregierung und Atomkonzerne die Umsetzung der Regelung zudem "gemeinsam prüfen", um mit Blick auf Strompreisentwicklung und Kosten für die Atomkonzerne "gegebenenfalls angemessene Änderungen" vorzunehmen.
SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte gegenüber der Tagesschau, nie zuvor in der Geschichte der Bundesregierung habe "eine Regierung die Sicherheit der Bevölkerung so dreist verkauft." Auch Grünen-Fraktionsspitzen Jürgen Trittin und Bärbel Höhn kritisierten die Vereinbarung als "schmutzigen Deal": Der Vertrag schütze ausschließlich die Atomindustrie". Die Umweltorganisation Greenpeace sieht in dem Papier "einen großangelegten Betrug an der Bevölkerung" entlarvt, so Atom-Experte Tobias Münchmeyer: "In perfidester Art und Weise" werde die Förderung erneuerbarer Energien gegen Sicherheitsnachrüstungen für Atomkraftwerke ausgespielt.

Der Kraftwerkskomplex Gundremmingen - hier stand Deutschlands erstes Atomkraftwerk. (Foto: Myratz/wikipedia)
Scharfe Kritik übte neben Lobby Control auch die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International: Die Telefonate von Sonntagnacht zwischen Bundesregierung und Energiekonzernen wiesen auf eine "Intimität im Umgang miteinander hin, die souveräne Politik unmöglich macht", sagte Vorsitzende Edda Müller. Die Organisation warnte vor einem Aushebeln "demokratischer Grundlagen": Der Vertrag zwischen Konzernen und Regierung sei zwar nicht bindend, stelle das Demokratieprinzip jedoch in Frage, "wenn eine Regierung mit Privaten Verträge schließt, die dann am Parlament vorbei Geltung haben", sagte Müller NDR Info.
Die Schlagzeilen um 07 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Etscheits Alltagsstress
Danke, lieber Fritz Vahrenholt! Energiekonzerne können bohren, fracken und teersanden so viel sie wollen, ohne dass ihnen linksradikale Umweltschützer noch in die ölige Suppe spucken können. Alles wird gut. Vielen Dank, liebe Sonne! Vielen Dank, Fritz Vahrenholt! [mehr...]
Meinungen: Kommentar
Keine Blackout-Angst Der Winter ist kalt und das Stromnetz bleibt stabil - die Energiewende führt nicht zum befürchteten Blackout.Ein Kommentar von Joachim Wille [mehr...]
Jahresrückblick
2011: Das Jahr der Rekorde
Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, Bundeskanzlerin Angela Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Hamburger Mucken auf. Neuer Schmelzrekord in der Aktis, neuer Emissionsrekord in der Atmosphäre und so viel Flugpassagiere wie noch nie - der Jahresrückblick 2011. [mehr]
Aktion des Monats In den USA formieren sich Lobbyisten nachdem US-Behörden dem Gitarrenbauer Gibson die Einfuhr von illegalen Tropenhölzern nachweisen konnten. Vorn dabei: Die rechtskonservative Tea Party. Gemeinsam wollen diese das Lacey-Gesetz, dass den Import der Tropenhölzer für illegal erklärt, kippen. [mehr] | Durban 2011 Was war die 17. UN-Klimakonferenz - eine weitere Pleite der Diplomatie oder der Startschuss für das bitter nötige globale Klimaabkommen? Alle Berichte unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Südafrika können Sie im Durban-Dossier nachlesen. [mehr] |
Neue Klimaretter-Serie
Die Gesetze der Energiewende
Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist.
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | In eigener Sache Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann unterstützen Sie uns, denn unabhängiger Journalismus kostet Geld. Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Bild & Vahrenholt: Die Lüge von der CO2-Lüge
Der Chef des Springer-Verlags, Matthias Döpfner, hat vor Jahren mal über sein Boulevardblatt Bild gesagt: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Das betrifft offenbar nicht nur Promis, sondern auch[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed



Die Bundesregierung will erst Ende September über die Brennelementesteuer entscheiden
Die vier Atomkonzerne wollen zahlen, wenn die Laufzeiten um zwölf Jahre verlängert werden
Brasilien führt in Sachen Klimaschutz auch in diesem Jahr, Deutschland hält sich auf Platz sieben. Auf dem Klimagipfel in Cancún haben Germanwatch und CAN Europe den Klimaschutz-Index vorgestellt.
Der Energiekonzern RWE will Vorstandschef Jürgen Großmann zufolge keine weiteren Investitionen für erneuerbare Energien locker machen. Der Konzern sei durch Brennelementesteuer und Atomfonds zu stark belastet. Dagegen heißt es in einer neuen Grünen-Studie, der Konzern fahre seit 2002 Milliardengewinne ein und kassiere zu hohe Preise von seinen Stromkunden.
RWE und Eon klagen über "negativen Einfluss" des Atom-Moratoriums. Auch Greenpeace hat einen milliardenschweren Kostenplan für Moratorium und schnelleres Atom-Aus vorgelegt - und fürchtet einen Kampf "um jedes Jahr Laufzeit".
Eon, RWE, EnBW und Vattenfall von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Diskussion über die EU-Energiestrategie eingeladen
Umfrage: Mehrheit der Deutschen für einen Ausstieg aus der Atomkraft binnen der kommenden fünf Jahre



