Energiestudie: "Inkonsistent und illusorisch"
Gehen Vattenfall und RWE jetzt als erstes auf die Barrikade gegen längere Laufzeiten der Atomkraftwerke? Glaubt man der Analyse des Öko-Institutes, wäre das den fossilen Großkonzernen dringend anzuraten.
Aus Berlin Nick Reimer
Am Montag war die Studie zu den energiewirtschaftlichen Szenarien erschienen, nun musste sich das Gutachten der wissenschaftlichen Begutachtung unterziehen. Das Ergebnis ist vernichten: "Die Studie ist inkonsistent und illusorisch", urteilt Felix Matthes, Forschungskoordinator Energie und Klima beim Ökoinstitut. Die Autoren hätten schlechterdings das falsche Modell für ihre Berechnungen gewählt.

Hier investiert Vattenfall richtig viel Geld: Kraftwerksbaustelle im sächsischen Boxberg. (Foto: Reimer)
Um nicht mißverstanden zu werden schickte Matthes voran, "dass ich keine Kollegenschelte betreiben will". Das Energiewirtschaftliche Institut der Universität Köln EWI, dass die Studie federführend erarbeitet hat, habe seriös gerechnet. "Ihr Modell taugt aber nicht, um die Realität im Jahr 2030 oder 2050 abzubilden".
Zur Erinnerung: Die 267-seitigen Studie, die am Montag bekannt gegeben worden waren, hatten positive wirtschaftliche Effekte längere Atomkraftwerks-Laufzeiten ergeben. Die Ziele der Bundesregierung, ihre klimaschädlichen Emissionen bis 2020 um 40 Prozent und bis 2050 um 80 Prozent zu senken, würden bei einem Business-as-usual - also beim Atomausstieg - verfehlt. Deshalb seien sowohl aus klimapolitischer, wie auch aus wirtschaftspolitischer Sicht längere Laufzeiten sinnvoll. Sie könnten dafür sorgen, dass der Strompreis - gemeint ist der Großhandelspreis an der Börse - auf 3,3 bis 3,6 Cent je Kilowattstunde im Jahr 2020 sinkt, im Jahr 2050 sogar auf 1,9 bis 2,2 Cent. Die Spanne ergibt sich aus den sicherheitstechnischen Nachrüstungen: Sie deren Anforderungen groß - wie vom Bundesumweltministerium präferiert - ergibt sich der teurere Preis. 2008 lag der Durchschnisttpreis im Großhandel noch bei 6,5 Cent, jüngere Daten gibt es noch nicht.
Matthes hat nun einige Ungereimtheiten in der Berechnungsmethodik gefunden. "Das EWI geht zwar davon aus, dass der Ölpreis auf 130 Dollar je Barrel steigt. Der Gaspreis aber bleibt nahezu gleich". In der Realität ist der Gaspreis aber an den Ölpreis gekoppelt und stieg deshalb dem Ölpreis folgend auch stets an. "Zudem gehen die Gutachter des EWI davon aus, der der Kohlepreis nicht weiter steigen wird", so Matthes - auch das eine Annahme, die in den kommenen 40 Jahren sicherlich anders Realität werden wird.
Eine zweite große Ungereimtheit betrifft die Emissionszertifikate. Das EWI war zu dem Ergebnis gekommen, dass durch längere Laufzeiten die Preise für die Verschmutzungsrechte um 5 Euro pro Tonne gesenkt werden könnten. "Das ist im Gutachten nicht sauber hergeleitet", sagt Matthes, die Summe sei "vom Himmel gefallen". Nach seiner Rechnung könnten allenfalls Effekte von maximal 1,50 Euro je Tonne erzielt werden. Aktuell pendelt der Zertifikatepreis um die Preismarke von 15 Euro.
"Die Strompreiseffekte auf den Emissionshandel sind um den Faktor drei bis vier überzeichnet, bleibt man in der Logik des EWI", urteilt Matthes. Aber diese Logik habe nichts mit der Realität zu tun: Die Gutachter des EWI hätten lediglich den Betrieb von Kraftwerken modelliert, nicht aber den Neubau.

Hier investiert RWE richtig viel Geld: Um Geld zu verdienen wäre ein sinkender Großhandelspreis gar nicht im Interesse des Konzerns. (Foto: Henry Fair)
Ein Strompreis im Großhandel für 1,9 Cent pro Kilowattstunde - ist das überhaupt wünschenswert? "Nein", sagt Matthes und denkt da vor allem an RWE und Vattenfall. "Die bauen gerade neue Kohlekraftwerke. Und ihre Kalkulation geht von einem Großhandelspreis von 8 bis 9 Cent aus", so der Experte vom Öko-Istitut. Nur dann würde sich das Investment lohnen. Fazit: "Hätte das EWI Recht mit seiner Berechnung, müssten Vattenfall und RWE als erstes auf die Barrikade gegen längere Laufzeiten gehen". Dann nämlich wären die Milliarden, die jetzt ewta in Boxberg oder Neurath in Kohlekraftwerke gesteckt werden, nie refinanzierbar.
Das politische Urteil überließ Matthes Regine Günther vom WWF, auf dessen Einladung er das Gutachten analysiert hatte. "Wenn Kanzlerin Angela Merkel 10 bis 15 Jahre Laufzeitverlängerung für begrüßenswert hält, hat das nichts mit der Studie zu tun, sondern mit politischen Grundsatzdenken", so die Klimaexpertin vom WWF.
HIER lesen Sie eine >> Kurzanalyse von Germanwatch, deren Experten sich ebenfalls mit dem Gutachten befasst haben
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