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Ministerien legen Energieszenarien vor

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) und Wirtschaftminister Rainer Brüderle (FDP) machen das vieldiskutierte Hintergrund-Gutachten zum Energiekonzept öffentlich. Wenig überraschend sieht das Papier den Vorteil bei längeren Akw-Laufzeiten. Während Brüderle jedoch auf zwölf bis 20 Jahre setzt, beurteilt Röttgen die Unterschiede einzelnen Szenarien als "minimal"

Von Sarah Messina und Johanna Treblin

Spekuliert und gestritten wurde seit der Übergabe des geheimen Papiers über die Verlängerung der Akw-Laufzeiten bereits seit Freitag, jetzt haben Umwelt- und Wirtschaftsministerium das lang angekündigte Hintergrundgutachten zum Energiekonzept von Schwarz-Gelb auch öffentlich gemacht: Wenig überraschend präsentierten sowohl Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Norbert Röttgen (CDU) das Ergebnis der 267-seitigen Studie am frühen Montag nachmittag wie folgt: Längere Laufzeiten sind gegenüber einem Referenzszenario ohne Änderungen am Atomausstieg zu bevorzugen.

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"Der mit den Szenarien beschrittene Weg ist kein Sommerspaziergang durchs Siebengebirge - bei dem, was wir vorhaben, geht es eher um die Eiger-Nordwand", sagte Brüderle. So weit war man sich im Allgemeinen einig. Im Speziellen allerdings schon wieder weniger: Während der Wirtschaftsminister den "volkswirtschaftlichen Nutzen bei einer Laufzeitverlängerung zwischen zwölf und 20 Jahren" am höchsten sieht, betont der Umweltminister, die Unterschiede der verschiedenen Laufzeitverlängerungen seien bestenfalls "minimal", hätten aber "keine entscheidende Bedeutung". Zu den gesamtwirtschaftlichen Vor- oder Nachteilen mache das Gutachten darüber hinaus keine Angaben.

Auf 267 Seiten haben die Institute Prognos, EWI (Energiewirtschaftliches Institut an der Universtität zu Köln) und GWS (Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung) für die schon vor Veröffentlichung umstrittenene Studie "Energieszenarien für ein Energiekonzept der Bundesregierung" durchgespielt, welche Konsequenzen eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke für Strompreise, Versorgungssicherheit und Klimaschutz mit sich bringen würden. Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums wurden Laufzeit-Verlängerungen um vier, zwölf, 20 und 28 Jahre untersucht und einem Referenzszenario ohne Laufzeitverlängerungen gegenübergestellt.

Das Referenzszenario oder "deutsche Energiezukunft bei Fortsetzung der gegenwärtigen Trends" sieht so aus: Das letzte Atomkraftwerk geht 2022 vom Netz, die Energieeffizienz steigt moderat an, bis 2050 sinken die Treibhausgasemissionen um 62 Prozent unter den Stand von 1990. Der Anteil erneuerbarer Energien liegt im Jahr 2020 bei 32 Prozent - weniger als die 38,6 Prozent, die die Regierung zuletzt prognostiziert hat. Das Fazit des Gutachtens: Die Ziele der Bundesregierung, ihre klimaschädlichen Emissionen bis 2020 um 40 Prozent und bis 2050 um 80 Prozent zu senken, würden bei einem Business-as-Usual verfehlt.

"Eine andere energiewirtschaftliche Zukunft" sollen demgegenüber Zielszenarien skizzieren, die auf eine Verlängerung der Akw-Laufzeiten setzen. Auch ein internationales Klimaabkommen, die Energieeffizienz und die umstrittene CCS-Technologie sind laut Gutachten jedoch wichtige Faktoren für eine wie auch immer geartete Energiezukunft.

Interessant sind beim Blick in die Studie verschiedene Einzelpunkte: Für die Wirtschaft etwa haben längere Laufzeiten dem Papier zufolge kaum Auswirkungen. Sie wächst in den Zielszenarien nur unwesentlich stärker als bei der aktuellen gesetzlichen Lage (etwas unter einem Prozent pro Jahr). Und: Teuer werden vor allem die Stromimporte – die allerdings dem Gutachten zufolge insbesondere bei einer Laufzeitverlängerung zunehmen werden. Zwar gehen die Gutachter in allen Szenarien davon aus, dass Strom importiert werden muss. Im Referenzszenario sind es im Jahr 2050 allerdings nur 67 Terawattstunden, während in den Zielszenarien wesentlich mehr Strom importiert werden muss, nämlich 94 bis 143 Terawattstunden.

In den Zielszenarien wird von einem höheren Anstieg des Erneuerbaren-Energien-Anteils ausgegangen. Bis 2050 sollen sie auf rund 50 Prozent ansteigen. Dadurch kann dem Gutachten zufolge der Import fossiler Energieträger ab dem Jahr 2030 sinken, was wiederum das Bruttoinlandsprodukt steigern würde.

Insgesamt gehen die Gutachter von sinkenden Strompreisen aus, je länger die Atomkraftwerke am Netz bleiben. Das gleiche gilt für die Preise für Kohlendioxidzertifikate.

Die tatsächlichen Jahreszahlen ergeben sich erst aus den Reststrommengen

Wirtschaftsminister Brüderle und auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatten sich bereits am Wochenende für Verlängerungen im zweistelligen Jahresbereich ausgesprochen, aus dem Hause Röttgen vernahm man dagegen bestenfalls Verwunderung über die konkreten Interpretationen des frisch vorliegenden Gutachtens.

Wichtiger als der Streit um die Zahl der Atom-Jahre spielen jedoch ohnehin die Reststrommengen. Auch im rot-grünen Ausstiegsbeschluss wird kein konkretes Jahr für das Ende der Atomenergie genannt, das Enddatum 2022 ergab sich jedoch rechnerisch aus den Reststrommengen - und kann unter anderem durch Revisionen, Aus- und Störfälle weiter nach hinten geschoben werden.

Der Spiegel berichtet unterdessen, Umweltminister Röttgen plane eine deutliche Verschärfung der Sicherheitsauflagen: Alle Atomreaktoren sollen demnach künftig gegen Abstürze von Passagiermaschinene des gängigen Typs A320 gewappnet sein, um Terror-Anschlägen entgegenzuwirken. Eine Nach- und Umrüstung wäre vor allem für alte und pannenanfällige Akws wie Brunsbüttel, Krümmel, Neckarwestheim, Isar oder Biblis extrem teuer - und könnten das Aus für die betreffenden Akws und die Übertragung ihrer Reststrommengen auf andere Atomkraftwerke bedeuten. Auch so lassen sich "Laufzeitverlängerungen"  auf den Weg bringen.

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