Ministerien bitten zur CCS-Anhörung
Greenpeace wirft Vattenfall vor, sich bei der Verpressung von Kohlendioxid (CCS) aus der Verantwortung zu stehlen: Die zuständige Tochterfirma habe nicht genug Geld, um bei Unfällen zu haften. Der aktuelle, bereits viel kritisierte CCS-Gesetzesentwurf ist heute Gegenstand einer Anhörung, zu der Vertreter von Wirtschafts- und Umweltverbänden geladen sind. Gestern wurden bereits die Länder angehört.
Von Felix Werdermann und Johanna Treblin
Wenn bei der unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid größere Unfälle passieren, muss die Allgemeinheit die Kosten dafür übernehmen, befürchten Umweltschützer. Der Energiekonzern Vattenfall möchte die Verpressung des Treibhausgases (CCS) in Brandenburg erproben. Laut Greenpeace haftet der Konzern aber nur bis zu 150.000 Euro, im Vergleich zu möglichen Schäden sei diese Summe "lächerlich".

Wenn das Idyll gestört wird, wehren sich die Leute. Ob die Bewohner dieses Hauses in der Mark Brandenburg wohl seinerzeit das Volksbegehren gegen neue Tagebaue unterschreieb haben? (Foto: Reimer)
Vattenfall hatte vom brandenburgischen Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe die Genehmigung erhalten, in den Orten Beeskow und Neutrebbin zu prüfen, ob sich die geologischen Strukturen für eine Einlagerung des Klimagases Kohlendioxid eignen. Zuständig ist nun die Konzerntochter Vattenfall Carbon Storage.
Damit sei auch die Haftsumme begrenzt, kritisiert Karsten Smid von Greenpeace. Die Carbon Storage Verwaltungs GmbH hafte als Gesellschafterin mit ihrem Stammkapital von 50.000 Euro. Hinzu kämen noch 100.000 Euro, die Vattenfall als Haftsumme beim Handelsregister eingetragen habe. Nun zeige sich auch bei Kohlendioxid ein Problem, das bereits aus anderen Wirtschaftszweigen bekannt sei, sagt Smid: Die Entsorgung von Müll werde an kleinere Unternehmen delegiert, die bei größeren Schäden nicht vollständig haften.
Vattenfall wies den Vorwurf zurück, sich aus der Verantwortung stehlen zu wollen. Eine Unternehmenssprecherin sagte, "dass wir für alle eventuell entstehenden Schäden gerade stehen werden". Die Tochterfirma sei gegründet worden, damit sich auch andere Unternehmen an der Kohlendioxid-Einlagerung beteiligen können.
Ein Gesetz für Vattenfall
Im derzeitigen vom Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium vorgelegten Entwurf zum CCS-Gesetz heißt es, dass die Betreiber der CCS-Anlagen nachweisen müssen, bei Unfällen auch zahlen zu können. Ansonsten soll die Genehmigung nicht erteilt werden. Greenpeace fordert, dass auch die Unternehmen haften sollen, die das Klimagas ausgestoßen haben – zum Beispiel auch Vattenfall und nicht nur die Tochter Vattenfall Carbon Storage.
Die Sorge, dass am Ende nicht genug Geld vorhanden sein könnte, ist auch in der Bevölkerung der Region, in der das Kohlendioxid verpresst werden soll, vorhanden. Ein Mitglied der Bürgerinitiative "CO2-Endlager stoppen" aus dem Landkreis Oder Spree hat gegen Vattenfall Anzeige erstattet – wegen Verdachts auf Betrug. Die Staatsanwaltschaft Cottbus bestätigte den Eingang der Anzeige. Nun werde geprüft, ob diese einen Anfangsverdacht begründe. Sollte dies der Fall sein, werde man Ermittlungen einleiten.
Derzeit laufen Anhörungen zum CCS-Gesetzesentwurf. Am Donnerstag wurden die Bundesländer angehört, heute sind Wirtschafts- und Umweltverbände an der Reihe. Der Entwurf hat bereits scharfe Kritik geerntet, unter anderem hieß es, das Gesetz sei auf Vattenfall zugeschnitten worden.

Mit gelben Kreuzen am Wegesrand protestieren brandenburgische Bürger gegen CCS. (Foto: Reimer)
Sprecher der BI "CO2-Endlager stoppen" Mike Kess sagte, momentan trage der Gesetzesentwurf "eindeutig die Handschrift der Energiekonzerne". Er fordert ein Gesetz, das die CO2-Endlagerung in Deutschland verbietet. Ansonsten sollten zumindest Volksabstimmungen vorgeschrieben sein, bevor Lagerstätten genehmigt werden.
Nicht Speicherung, Endlagerung ist das richtige Wort
"Dem derzeitigen Entwurf kann das Land Brandenburg aus unserer Sicht im Bundesrat nicht zustimmen", heißt es in einem Positionspapier der AG Umwelt der brandenburgischen Linkspartei, das klimaretter.info vorliegt. Die AG fordert darin, den Namen des Gesetzes umzuändern und statt "Speicherung" die "ehrliche und angemessene Bezeichnung " "Endlagerung" von Kohlendioxid im Titel steht. Den Autoren des Papiers zufolge muss auch der Zweck des Gesetzes neu formuliert werden. Dieser gehe von einer "positiven Grundsatzentscheidung zur Anwendung von CCS" aus. Stattdessen müsse das Gesetz die Ergebnisoffenheit der Prüfung in den Genehmigungsverfahren sicherstellen. "Staatliche Unterstützung zur Akzeptanz der Technologie darf nicht erfolgen, bevor tatsächliche Nachweise über die Langzeitsicherheit vorliegen", heißt es außerdem in dem Papier.
Kritik an dem Gesetzesentwurf kommt auch von Sabine Niels, grüne Landtagsabgeordnete aus dem Landkreis Oder-Spree. "Der Einsatz von CCS dient einzig und allein den großen Energiekonzernen." Den betroffenen Regionen bleiben nur die Umweltschäden, die Störung des Grundwasserhaushalts, der Wertverlust von Eigentum und erhebliche Einbußen an Lebensqualität, sagte sie weiter. Sabine Niels verwies auf eine Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung, nach der regenerative Energien ein gewichtiger Wirtschaftsfaktor sind. Gemeinden, die konsequent auf erneuerbare Energien setzen, erhalten demnach mehr Steuereinnahmen, Arbeitsplätze und Pachterlöse.
Die Position Brandenburgs kritisierte der CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Georg von der Marwitz. "Dass ausgerechnet die Linken sich für die Interessen des Energiekonzerns Vattenfall stark machen, ist bemerkenswert", kommentiert Marwitz die CCS-Pläne von Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers und Umweltministerin Anita Tack. Seinen Angaben zufolge hatten die beiden Minister im Vorfeld der Anhörung angekündigt, sich für industriefreundliche "Modifizierungen" des Gesetzesentwurfs einzusetzen.
Die Schlagzeilen um 06 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Etscheits Alltagsstress
Danke, lieber Fritz Vahrenholt! Energiekonzerne können bohren, fracken und teersanden so viel sie wollen, ohne dass ihnen linksradikale Umweltschützer noch in die ölige Suppe spucken können. Alles wird gut. Vielen Dank, liebe Sonne! Vielen Dank, Fritz Vahrenholt! [mehr...]
Meinungen: Kommentar
Keine Blackout-Angst Der Winter ist kalt und das Stromnetz bleibt stabil - die Energiewende führt nicht zum befürchteten Blackout.Ein Kommentar von Joachim Wille [mehr...]
Jahresrückblick
2011: Das Jahr der Rekorde
Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, Bundeskanzlerin Angela Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Hamburger Mucken auf. Neuer Schmelzrekord in der Aktis, neuer Emissionsrekord in der Atmosphäre und so viel Flugpassagiere wie noch nie - der Jahresrückblick 2011. [mehr]
Aktion des Monats In den USA formieren sich Lobbyisten nachdem US-Behörden dem Gitarrenbauer Gibson die Einfuhr von illegalen Tropenhölzern nachweisen konnten. Vorn dabei: Die rechtskonservative Tea Party. Gemeinsam wollen diese das Lacey-Gesetz, dass den Import der Tropenhölzer für illegal erklärt, kippen. [mehr] | Durban 2011 Was war die 17. UN-Klimakonferenz - eine weitere Pleite der Diplomatie oder der Startschuss für das bitter nötige globale Klimaabkommen? Alle Berichte unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Südafrika können Sie im Durban-Dossier nachlesen. [mehr] |
Neue Klimaretter-Serie
Die Gesetze der Energiewende
Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist.
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | In eigener Sache Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann unterstützen Sie uns, denn unabhängiger Journalismus kostet Geld. Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Bild & Vahrenholt: Die Lüge von der CO2-Lüge
Der Chef des Springer-Verlags, Matthias Döpfner, hat vor Jahren mal über sein Boulevardblatt Bild gesagt: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Das betrifft offenbar nicht nur Promis, sondern auch[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed



Noch immer gibt es keine Einigung zum umstrittenen CCS-Gesetz: Bundeskanzlerin Angela Merkel macht Druck und will einen neuen Vorschlag. Umweltschützer warnen unterdessen mit einem geologischen Gutachten vor "enormen Risiken" der CO2-Einlagerung.
Bürgerinitiative "CO2-Endlager stoppen" aus Beeskow: Mit vorgesehener Länderklausel wird Brandenburg zum CO2-Müll-Lager der Nation
Noch in diesem Jahr soll das Gesetz zur Abscheidung und Einlagerung von Kohlendioxid (CCS) verabschiedet werden. Aber in den Reihen der Union gibt es auch Abweichler: Im Gespräch mit klimaretter.info erklärt der Bundestagsabgeordnete Hans-Georg von der Marwitz (CDU), wie er das Gesetz stoppen möchte, warum viele seiner Parteikollegen derzeit zu den Befürwortern gehören, und was der rot-roten Koalition in Brandenburg noch bevorsteht.
Kohle ist Deutschlands einziger Energieträger, sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers - und fordert einen Vorrang vor Atomkraft. In niedersächsischen Wilhelmshaven haben Erprobungen für die unterirdische Speicherung von CO2 begonnen.
SPD und Bündnisgrüne werden sich am Donnerstag erstmals mit der Linksfraktion in Nordrhein-Westfalen treffen, um ein rot-grün-rotes Bündnis zu sondieren. Einer der Knackpunkte könnte dabei die Energiepolitik werden: Die Linke hat in ihrem Wahlprogramm versprochen, die großen Energiekonzerne im Falle einer Regierungsbeteiligung zu enteignen. wir-klimaretter.de sprach mit Dorothée Menzner, der energiepolitischen Sprecherin der linken Bundestagsfraktion.
Morgen tagt der Gorleben-Untersuchungsausschuss. Nach dem schwarz-gelben Atomausstieg fordert die Union ein schnelles Ende des parlamentarischen Verfahrens. Die Opposition streitet derweil über die richtige Strategie: Wissenschaftler verhören oder die politisch Verantwortlichen in die Zange nehmen?
Die Linke in Brandenburg will keine Erkundung zur Kohlendioxid-Speicherung ohne CCS-Gesetz. In einem Antrag zum bevorstehenden Landesparteitag am Wochenende werden "zunehmend Zweifel" an der Sicherheit der Technologie laut.


